Hans Aßmann von Abschatz
Der Liebe Gifft und Gegen-Gifft
Der klugen Aerzte Kunst weiß allem Ubel Rath/1
Was fast zu finden ist in weiter Erde Schrancken:2
Wie kommts/ daß sie kein Mittel hat3
Für eine Noth/ daran fast alle Welt muß krancken?4
–
Ein Hertze/ welches sich von Liebe wund betrifft/5
Kan seine Hoffnung nicht auff ihre Kräuter gründen:6
Die Lieb ist Gifft und Gegen-Gifft:7
Man muß den Scorpion auff seinen Schaden binden.8
Analyse Verse 1-4
1 Der klugen Aerzte Kunst weiß allem Ubel Rath
Textebene
Der Sprecher eröffnet mit einem Lob auf die ärztliche Kunst. »Kluge Ärzte« verfügen über Wissen und Erfahrung, »allem Übel Rat« zu wissen bedeutet, dass sie für jede Krankheit oder jedes körperliche Leiden ein Heilmittel oder eine Behandlungsmethode finden.
Subtext
Die Formulierung wirkt zunächst wie ein klassisches Renaissance- oder Barockkompliment an die Wissenschaft, wird aber bereits ironisch unterfüttert: Das Lob ist ein rhetorischer Auftakt, der darauf vorbereitet, dass gleich eine Ausnahme – und damit die Grenzen dieser Kunst – aufgezeigt wird.
Metaebene
Hier liegt ein typisches barockes Argumentationsmuster vor: Zuerst wird das menschliche Können maximal gewürdigt, um im nächsten Schritt seine Ohnmacht gegenüber einer fundamentalen menschlichen Erfahrung zu entlarven. Der Dichter bereitet eine Art antithetische Pointe vor – ein Verfahren, das wir auch in barocken Emblemen finden, wo ingenium humanum stets in Relation zur conditio humana steht.
2 Was fast zu finden ist in weiter Erde Schrancken:
Textebene
Diese Fortführung betont den universalen Anspruch der Medizin: In den »Schranken der Erde« – also innerhalb der bekannten Welt – ist kaum ein Heilmittel, das nicht bekannt oder auffindbar wäre.
Subtext
Das Bild der »Schranken« deutet auf eine barocke Weltauffassung, in der die Erde begrenzt, geordnet und erforschbar gedacht wird. Gleichzeitig ist es eine leise Anspielung auf die damalige medizinische und naturwissenschaftliche Hybris – man glaubt, der Welt und ihrer Naturkräfte habhaft werden zu können.
Metaebene
Hier deutet sich bereits der Kontrast an, der im folgenden Verspaar zur Geltung kommt: Die umfassende, fast vollständige Beherrschung der physischen Welt wird als Prämisse gesetzt, um die Grenzerfahrung, die gleich folgt, umso drastischer wirken zu lassen.
3 Wie kommts/ daß sie kein Mittel hat
Textebene
Plötzliche Wende. Das zuvor gelobte Allheilwissen der Ärzte wird hinterfragt: »Wie kommt es, dass…« – der Ton ist hier nicht anklagend, sondern staunend bis ironisch.
Subtext
Diese rhetorische Frage trägt Züge eines Spotttons. Der Sprecher bereitet vor, dass es eine Form des »Übels« gibt, die sich der medizinischen Kunst völlig entzieht – was in einer Zeit, die Heilkunst als naturwissenschaftliche und göttlich inspirierte Disziplin zugleich verstand, eine subtile Entwertung bedeutet.
Metaebene
Im barocken Argumentationsschema ist dies der Übergang von praemissio (Aufbau der Autorität) zu confutatio (Aufdeckung der Grenze). Diese Technik dient nicht nur der poetischen Pointe, sondern verweist philosophisch auf die Begrenztheit aller menschlichen Künste und auf die Unausweichlichkeit gewisser existenzieller Leiden.
4 Für eine Noth/ daran fast alle Welt muß krancken?
Textebene
Die »Not« wird nicht benannt, aber der Kontext des Gedichts macht klar, dass es sich um die Liebe handelt – genauer: um Liebesleid, das als universale Krankheit vorgestellt wird.
Subtext
Das »fast« ist bemerkenswert: Es deutet zwar auf eine Ausnahme (vielleicht Asketen, vielleicht die Unberührten), doch gerade diese geringe Einschränkung betont die Allgegenwart der »Krankheit«. Die Liebe erscheint hier als eine Art seelische Epidemie, die selbst die klügsten Ärzte nicht behandeln können.
Metaebene
Die rhetorische Struktur spiegelt das barocke Vanitas-Denken: Die Liebe ist nicht nur ein persönliches Gefühl, sondern ein anthropologisches Schicksal. Ihre »Unheilbarkeit« wird zum Sinnbild für die Grenze aller technischen, medizinischen und rationalen Bemühungen. Das Gedicht positioniert die Liebe somit als existenziellen Prüfstein, an dem die menschliche Hybris zerbricht.
Fazit
Abschatz konstruiert eine antithetische Spannung zwischen der Allmacht des medizinischen Wissens und der Ohnmacht gegenüber dem Liebesleiden. In der Rhetorik des Barock ist dies nicht nur ein humorvoller Einfall, sondern eine ernsthafte Reflexion über die Grenzen der ars humana. Die Pointe zielt auf eine barock-augustinische Einsicht: Bestimmte »Übel« (vor allem die aus der menschlichen Leidenschaft) sind nicht naturwissenschaftlich, sondern nur moralisch oder spirituell zu heilen – wenn überhaupt.
Analyse Verse 5-8
5 Ein Hertze/ welches sich von Liebe wund betrifft
Auf der Textebene beschreibt der Dichter ein Herz, das durch die Erfahrung der Liebe »wund« geworden ist – ein Bild für seelische Verletzung, Empfindsamkeit und Schmerz. »Wund betrifft« ist eine barocke Ausdrucksweise, die das Betroffensein in körperlich-medizinischen Kategorien fasst.
Subtext
Liebe erscheint hier nicht als bloße Freude, sondern als ein Ereignis, das Verwundungen zufügt, vergleichbar einer physischen Wunde. Das Herz – im Barock zugleich Sitz der Emotion und spirituelles Zentrum – wird nicht nur berührt, sondern getroffen.
Metaebene
Diese Metaphorik knüpft an die barocke Vanitas-Tradition an, in der Liebeserfahrungen häufig mit Leid und Vergänglichkeit verknüpft sind. Der Vers evoziert auch eine medizinisch-galensche Bildwelt, in der emotionale Zustände wie Krankheiten betrachtet werden, die diagnostiziert und behandelt werden müssen.
6 Kan seine Hoffnung nicht auff ihre Kräuter gründen:
Textebene
Wer von der Liebe verwundet ist, kann seine Hoffnung nicht auf die »Kräuter« der Liebe stützen – also nicht auf dieselbe Quelle, die auch das Leiden hervorgerufen hat. Kräuter stehen hier als Metapher für Heilmittel, die in der frühneuzeitlichen Medizin sowohl wörtlich als auch allegorisch (Tugenden, Zuwendungen) gemeint sein konnten.
Subtext
Der Vers verweist auf ein paradoxes Verhältnis: Die Liebe bietet keine verlässliche Heilung für die Verletzung, die sie selbst verursacht. Hoffnung auf Heilung aus derselben Ursache wirkt naiv oder gefährlich.
Metaebene
Hier spiegelt sich das barocke Bewusstsein für die Unbeständigkeit menschlicher Leidenschaften: In einer Welt, die von Täuschung und Wechsel geprägt ist, kann das, was verwundet, selten selbst Heilung bieten. Gleichzeitig klingt ein medizinisch-alchemistisches Denken an: Das Heilmittel muss aus einer spezifischen, aber transformierten Essenz der Ursache gewonnen werden.
7 Die Lieb ist Gifft und Gegen-Gifft:
Textebene
Liebe wird hier in einer prägnanten Antithese definiert: Sie ist zugleich Gift und Gegengift. Das ist eine barocke Pointierung, die die Doppelgesichtigkeit der Leidenschaft verdichtet.
Subtext
Dieser Vers enthält eine philosophische Paradoxie: Die Liebe kann zerstören, aber sie ist auch das Einzige, das ihre Zerstörung aufheben kann. Das verweist auf ein existentielle Erfahrung – nur durch erneute Liebe oder sublimierte Zuneigung kann Liebesleid überwunden werden.
Metaebene
In der frühneuzeitlichen Medizin und Alchemie war das Prinzip bekannt, dass »Similia similibus curantur« (»Ähnliches durch Ähnliches geheilt wird«). In der Dichtung dient dieses Prinzip als Metapher für seelische Prozesse: Das Herz wird durch dasselbe Element geheilt, das es verwundet. Auf einer literarischen Ebene verweist der Vers auf eine Rhetorik der Contradictio, wie sie im Barock geschätzt wurde.
8 Man muß den Scorpion auff seinen Schaden binden.
Textebene
Das Bild stammt aus der damaligen Medizin- und Giftlehre: Es galt als Heilmittel gegen den Stich eines Skorpions, den Skorpion selbst oder Teile von ihm auf die Wunde zu legen.
Subtext
Übertragen bedeutet dies: Um das Leiden der Liebe zu lindern, muss man sich erneut mit Liebe konfrontieren – ein gefährliches, aber wirksames Verfahren. Das Bild impliziert, dass die Kraft, die verletzt, auch – in kontrollierter Form – heilt.
Metaebene
Hier schließt sich der Kreis zur antiken und mittelalterlichen Naturphilosophie, die im Barock noch lebendig war: In der Weltordnung wirken Kräfte in Polarität und Wechselwirkung. Auf poetologischer Ebene steht der Skorpion auch für Erotik, Verführung und Gefahr, womit der Vers nicht nur medizinisch-allegorisch, sondern auch erotisch-dämonologisch lesbar ist. Er bettet sich so in die barocke Ambivalenzdarstellung der Liebe ein: ein Spiel zwischen Eros und Thanatos.
Gesamtkomposition und Tiefenstruktur
Das Gedicht ist formal klar symmetrisch gebaut: zwei Quartette (acht Verse) mit einem deutlichen gedanklichen Wendepunkt zwischen Vers 4 und 5.
Vers 1–4 bilden den Problemaufriss: Sie stellen zunächst die umfassende Kompetenz der »klugen Ärzte« fest, deren Kunst »allem Übel Rat« weiß. Diese universale Heilkunst wird in den »weiten Erdeschranken« verortet – ein Bild, das die gesamte bekannte Welt umfasst. Der rhetorische Bruch erfolgt in Vers 3/4: Trotz aller Allwissenheit haben die Ärzte kein Heilmittel gegen ein Übel, das »fast alle Welt« befällt – die Liebeskrankheit.
Vers 5–8 liefern die Antwort und Paradoxie: Die Liebe selbst ist zugleich Gift und Gegengift. Die Lösung ist nicht die Ausrottung der Leidenschaft, sondern ihre kontrollierte Einbindung – metaphorisch gefasst im Bild des »Scorpions«, der durch seine eigene Natur sowohl tödlich sticht als auch durch sein Gift heilbar macht.
Die Tiefenstruktur ist somit ein paradoxer Heilungsdiskurs: Das unheilbare Leiden kann nur durch sein eigenes Gift bezwungen werden. Dies erinnert strukturell an antike und frühneuzeitliche Vorstellungen von similia similibus curantur (»Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt«), wie sie in der Humoralpathologie und in alchemistisch-medizinischen Systemen vertreten wurden.
Symbolische und moralphilosophische Tiefenschicht
Die beiden zentralen Symbole sind Gift und Skorpion.
Gift steht hier für die zerstörerische, entkräftende Macht der Leidenschaft. Moralisch bedeutet es die Gefahr, dass ein Mensch die Herrschaft über sich selbst verliert.
Gegengift in der Form desselben Stoffes (Amor vincitur amore – Liebe wird mit Liebe besiegt) deutet auf ein moralisches Prinzip hin: Heilung erfolgt nicht durch Verdrängung oder völlige Abstinenz, sondern durch Läuterung und Maß. Die leidenschaftliche Regung muss in eine geregelte, tugendhafte Form gebracht werden.
Der Skorpion ist ein altes Emblem für tödliche Gefahr, zugleich aber auch in der frühneuzeitlichen Naturphilosophie ein Sinnbild für ein Heilmittel, das aus der eigenen tödlichen Substanz gewonnen wird (vgl. Dioskurides, Paracelsus). Er steht moralphilosophisch für das Prinzip der Selbsterkenntnis: Das Böse wird durch das Verständnis seiner Natur unschädlich gemacht.
In moralphilosophischer Hinsicht greift das Gedicht eine barocke Denkfigur auf: Das Übel als Bestandteil des Heilswegs. Leidenschaft ist nicht einfach zu eliminieren; sie muss erkannt, gezügelt und in eine andere Form sublimiert werden.
Psychologisch-rhetorische Entwicklung
Der Text entfaltet sich als rhetorische progressio:
1. Exordium (Vers 1–2)
Aufbau von Autorität: Die »klugen Ärzte« werden als allwissend präsentiert.
2. Propositio & Paradoxon (Vers 3–4)
Der Bruch: ein Übel, das ihrer Kunst entgeht. Das Erstaunen ist rhetorisch inszeniert (»Wie kommt’s…?«), was die Erwartungshaltung des Lesers steigert.
3. Pathos der Liebeswunde (Vers 5)
Psychologisierung: Das Herz als Sitz des Gefühls wird vom »Wund-Sein« gesprochen, was barocke Liebesmetaphorik (verwundeter Liebender) aufnimmt.
4. Resignatio und Lösung (Vers 6–8)
Die Ratlosigkeit gegenüber ärztlichen Kräutern schlägt um in die paradoxale Lösung: »Gift und Gegengift« – und die ikonische Pointe mit dem Skorpion.
Psychologisch spiegelt sich hier ein Wechsel von Staunen → Klage → Einsicht. Rhetorisch wird dies durch Antithese (»Gifft und Gegen-Gifft«), durch Emblematik (Skorpion) und durch sprechende Metaphorik getragen.
Ikonologische Deutung
Ikonologisch betrachtet, steht der Text in einer Traditionslinie der Emblematik und Alchemie des 17. Jahrhunderts:
Der Skorpion taucht in Emblembüchern oft mit dem Motto „In se ipsum“, »gegen sich selbst« oder »durch sich selbst«, auf. Seine Natur verweist auf die Doppeldeutigkeit aller Dinge: Das Tödliche kann, richtig eingesetzt, heilend wirken.
Gift/Gegengift ist nicht nur medizinische, sondern auch theologische Chiffre: Die Sünde kann – wenn erkannt und bereut – zur Quelle der Buße und damit des Heils werden. In christlicher Ikonographie entspricht dies der »felix culpa« (glückliche Schuld) – das Böse als Anstoß zum Guten.
Das verwundete Herz ist ein zentrales barockes Liebes- und Andachtsmotiv (z. B. Herz-Jesu-Ikonographie, mystische Wundsymbolik). Bei Abschatz wird es profan, nicht mystisch, auf Liebesleid übertragen, aber der Bildrahmen bleibt dem religiösen Diskurs entlehnt.
Damit verbindet das Gedicht medizinisch-alchemistische Wissenssysteme mit der Liebes- und Tugendmoral der höfischen Kultur, wie sie im späten Barock beliebt war.