Hans Aßmann von Abschatz
Betrüger/ die ich ehr/1
Untreue/ die ich liebe/2
Was stralet ihr so sehr3
Ihr schlauen Hertzens-Diebe!4
Wer siehet wie ihr spielt/ und bildet ihm nicht ein/5
Ihr werdet voll Erbarmen seyn?6
Die falsche Freundligkeit7
Und eur verliebtes Blicken/8
Zeigt Sonn und schöne Zeit/9
Pflegt Blitz und Nacht zu schicken.10
Wer siehet wie ihr spielt/ und kan ihm bilden ein/11
Daß ihr so grausam sollet seyn?12
Macht Augen/ daß euch nicht13
Die Welt Cometen nennet!14
Seyd das gepaarte Licht15
Dem Tifis Opffer brennet/16
Führt uns durch euren Glantz in sichern Hafen ein:17
Man wird euch ewig danckbar seyn.18
Analyse Verse 1-6
1 Betrüger/ die ich ehr/
Textanalyse
Das lyrische Ich spricht von »Betrügern« in ehrender Anredeform. Es handelt sich vermutlich um geliebte Personen – vermutlich Damen des höfischen Kreises – die täuschen, schmeicheln oder unaufrichtig handeln.
Subtextanalyse
Die paradoxe Kopplung von »Betrüger« und »ehr« deutet auf eine barocke Ambivalenz hin: das Spiel der Liebe ist ein Spiel der Täuschung, und gerade diese Täuschung wird anerkannt und sogar gewürdigt. Hier steckt bereits ein moralischer Spagat – die ethische Kategorie »Betrug« wird ins Ästhetische transponiert, fast wie ein Kunstgriff.
2 Untreue/ die ich liebe/
Textanalyse
Fortsetzung der paradoxen Wertung: »Untreue« wird nicht beklagt, sondern »geliebt«.
Subtextanalyse
In höfischer Lyrik ist dies oft Zeichen für ein bewusstes Sich-Einlassen auf das Unzuverlässige – nicht trotz, sondern wegen seines Reizes. Untreue bedeutet Bewegung, Unbeständigkeit, und kann im galanten Kontext gerade den erotischen Reiz erhöhen. Abschatz ironisiert vielleicht auch das eigene Begehren: man liebt, was einen verletzt.
3 Was stralet ihr so sehr
Textanalyse
Auffällige, fast blendende Attraktivität der Adressaten (»ihr« bezieht sich auf Betrüger und Untreue).
Subtextanalyse
Das Strahlen kann doppeldeutig sein – einerseits Schönheit und Charisma, andererseits Blendwerk. Hier klingt barocke Vanitas-Rhetorik an: das Strahlen ist eine Oberflächenqualität, die dennoch Wirkung entfaltet, aber vielleicht vergänglich ist.
4 Ihr schlauen Hertzens-Diebe!
Textanalyse
Metapher des »Herzens-Diebs« – klassische galante Wendung für Verführer, die Liebende um ihr Herz bringen. »Schlau« betont die Raffinesse, nicht rohe Gewalt.
Subtextanalyse
Hier wird Täuschung und List nicht moralisch verurteilt, sondern spielerisch anerkannt. Die höfische Liebe ist ein Tanz von Angriff und Verteidigung, und wer das Herz »stiehlt«, beweist gesellschaftliche und erotische Kompetenz. Die Metapher steht auch in der Tradition petrarkistischer Topoi, wird aber hier mit leiser Ironie verwendet.
5 Wer siehet wie ihr spielt/ und bildet ihm nicht ein/
Textanalyse
Das Spiel – vermutlich das Liebesspiel, aber auch das gesellschaftliche, rhetorische Spiel – wird als öffentliche Performance beschrieben. Wer es sieht, kann kaum umhin, sich etwas vorzustellen.
Subtextanalyse
»Spielen« hat Doppeldeutung: es bezeichnet sowohl kokettes Verhalten als auch das strategische Ausspielen von Rollen. Die Wendung »bildet ihm nicht ein« unterstreicht die Suggestivkraft solcher Auftritte: Zuschauer fühlen sich zu Träumen und Hoffnungen verleitet, auch wenn diese täuschend sind.
6 Ihr werdet voll Erbarmen seyn?
Textanalyse
Eine rhetorische Frage – eigentlich ein Vorwurf: das »Erbarmen« wird angezweifelt. Das lyrische Ich weiß, dass diese Gnade nie eintritt.
Subtextanalyse
Das Fragezeichen lässt die Hoffnung als Selbsttäuschung erscheinen. In der höfischen Kultur ist »Erbarmen« oft ein Codewort für das Einlassen auf eine Liebesbeziehung – hier wird klar, dass dies wahrscheinlich nie geschieht. Die Täuschung ist Teil des Spiels, und das Wissen um sie gehört zum Rollenbewusstsein des Sprechers.
Philosophische Tiefendimension
1. Paradoxe Ethik der Liebe
Abschatz spiegelt hier ein barockes Dilemma: die moralische Kategorie »Betrug« wird nicht nur toleriert, sondern verehrt. Damit wird die Liebe aus dem moralischen Register ins ästhetisch-spielerische verlegt. Moralische Integrität wird zweitrangig gegenüber dem Reiz der Form.
2. Illusion als Lebensprinzip
Das Gedicht nimmt eine zentrale barocke Erfahrung vorweg: das Leben ist ein Theater, die Gesellschaft eine Bühne. Täuschung ist nicht Ausnahme, sondern Norm, und wird vom Betrachter sogar ersehnt. Ähnlich wie bei Calderóns »La vida es sueño« ist die Grenze zwischen Spiel und Realität durchlässig.
3. Selbsttäuschung und bewusstes Einverständnis
Das lyrische Ich weiß um die Täuschung, akzeptiert sie aber – ja, sucht sie sogar. Hier liegt eine philosophische Nähe zu Stoa und Skepsis: man weiß um die Unbeständigkeit und leidet nicht unter ihr, sondern spielt mit. Gleichzeitig ist es ein Vorläufer moderner Theorien über die Komplizenschaft des Verführten.
4. Ästhetik des Blendwerks
Das »Strahlen« und die »schlauen Herzensdiebe« betonen Schönheit als Machtfaktor, aber auch als vergängliche Oberfläche. Barocke Vanitas-Topik (Blendung, Verführung, Tod) klingt an, ohne dass hier schon der moralische Zeigefinger erhoben würde.
5. Ironie als Selbstschutz
Indem das lyrische Ich die eigene Anfälligkeit ironisch benennt, nimmt es der Verletzung ihre Macht. Die poetische Form wird zum Ort der Selbstbehauptung – das Eingeständnis von Schwäche ist zugleich ein Akt souveräner Rhetorik.
Psychologische Tiefendimension
Das Gedicht entfaltet einen paradoxen Affektkomplex: Die Sprecherfigur richtet sich an »Betrüger« und »Untreue« – Begriffe, die normalerweise Abwehr, Distanz oder moralische Entrüstung hervorrufen. Hier jedoch werden diese negativen Charakterzüge als Objekte der Ehre und Liebe bezeichnet. Das ist ein psychologisches Paradox, das im Barock oft als Ausdruck eines Gefühlszwiespalts inszeniert wird: Die Leidenschaft bindet an das, was den Liebenden verletzt.
Diese Ambivalenz lässt sich als Selbstbeobachtung in einer abhängigen Liebesstruktur lesen: Der Sprecher erkennt die Täuschung, aber er kann nicht aufhören, sie zu bewundern. Psychologisch spricht das für eine kognitive Dissonanz zwischen Wissen (»Betrug«, »Untreue«) und Empfinden (Liebe, Ehre). Die Dissonanz wird nicht aufgelöst, sondern im Text als schmerzvoller Genuss akzeptiert – eine Haltung, die an masochistische Tendenzen in der Liebespsychologie erinnert.
Die »schlauen Hertzens-Diebe« verweisen auf den Charme, die soziale Intelligenz und das manipulative Talent dieser Figuren. Die Diebe rauben nicht Güter, sondern Emotionen – eine Metapher für den Verlust der inneren Selbstkontrolle an eine fremde Macht. Das Spiel (»wie ihr spielt«) suggeriert eine theatrale Dimension: Die »Betrüger« inszenieren ihre Gefühle, lassen Mitleid aufscheinen, ohne es zu empfinden. Die psychologische Pointe liegt im letzten Vers: Die Beobachtung, dass jeder glauben muss, diese Menschen seien »voll Erbarmen«. Das deutet auf Täuschungsstrategien in zwischenmenschlicher Kommunikation – das Opfer weiß um den Betrug, sieht aber, wie überzeugend er auf andere wirkt, und fühlt sich dadurch doppelt isoliert.
Insgesamt ist die Tiefendimension eine Mischung aus Selbstironie, leidenschaftlicher Unterwerfung und resignierter Erkenntnis, dass das Herz an das gebunden ist, was der Verstand verurteilt.
Sprachlich-stilistische Analyse
Der Text arbeitet stark mit Antithese und Oxymoron: »Betrüger, die ich ehr« und »Untreue, die ich liebe« verbinden negativ besetzte Substantive mit positiven, affektgeladenen Prädikaten. Das ist ein typisches barockes Stilmittel, das den Widerspruch im Gefühl ins sprachliche Gefüge einbaut.
Die Anredeform (»ihr«) gibt dem Gedicht eine direkt-konfrontative Dramaturgie: Der Sprecher wendet sich unmittelbar an die Objekte seiner paradoxen Verehrung, wodurch Nähe und Spannung zugleich erzeugt werden. Die Interpunktion mit den Schrägstrichen (historische Schreibweise) teilt die Verse in rhythmische Einheiten, die dem Vortrag eine markierte, fast strophische Atemführung verleihen.
Metaphorisch zentral ist »schlauen Hertzens-Diebe« – ein Kompositum, das sowohl den kriminellen Akt (Diebstahl) als auch das Zentrum der Emotionalität (Herz) vereint. Der Beiname »schlau« betont die List, die psychologische Geschicklichkeit, womit der Diebstahl vollzogen wird.
Die Wendung »was stralet ihr so sehr« bringt einen Sinnesreiz ins Spiel: Das »Strahlen« kontrastiert mit dem moralischen Makel und verstärkt das Paradoxon – visuelle Schönheit oder Ausstrahlung überblendet moralische Defizite. Das Partizip »strahlen« ist hier nicht rein physisch, sondern auch im übertragenen Sinn als Aura der Attraktivität zu verstehen.
Das »spielen« im fünften Vers verweist auf ein barockes Theatralitätsmotiv: Die Täuschung ist eine inszenierte Handlung, in der die Betrüger eine Rolle verkörpern. Die Suggestion im letzten Vers (»ihr werdet voll Erbarmen seyn?«) nutzt rhetorische Ironie – es ist eine Frage, deren Antwort der Sprecher bereits kennt, aber offen stellt, um die Diskrepanz zwischen Schein und Sein zu entlarven.
Klanglich ist das Gedicht durch die Alliteration (»Hertzens-Diebe«) und Assonanzen in »ehr / sehr / wer« gebunden, was eine innere Geschlossenheit erzeugt. Dieser Klangzusammenhalt wirkt wie ein ästhetischer Gegenpol zum inhaltlichen Widerspruch – eine harmonische Form, die einen disharmonischen Affekt trägt.
Analyse Verse 7-12
7 Die falsche Freundligkeit
Textanalyse
Der Ausdruck benennt eine höfliche oder zugewandte Haltung, die nicht echt ist. Orthographisch zeigt das »Freundligkeit« die Schreibweise des 17. Jahrhunderts; gemeint ist »Freundlichkeit«. Das Attribut »falsch« markiert die Diskrepanz zwischen äußerer Form und innerem Gehalt – klassische Topoi der höfischen Dichtkunst, wo die Maske wichtiger sein konnte als die wahre Gesinnung.
Subtextanalyse
Die Anklage richtet sich vermutlich an eine Person, die absichtlich durch charmantes Auftreten täuscht. Es steckt ein unterschwelliger Vorwurf: Diese Freundlichkeit ist Teil einer Strategie, um den Sprecher emotional zu manipulieren oder in Sicherheit zu wiegen.
8 Und eur verliebtes Blicken/
Textanalyse
Direkte Anrede (»eur«) schafft Nähe, aber auch ein leicht anklagendes Duzen. »Verliebtes Blicken« verweist auf nonverbale Kommunikation – Augen als Träger von Zuneigung, Begehrlichkeit oder Verführung. Die Verwendung des Partizips »verliebt« intensiviert den Eindruck von Intimität.
Subtextanalyse
Die Blicke werden nicht als Ausdruck wahrer Liebe gedeutet, sondern als Teil eines kalkulierten Spiels. In der Liebes- und Barockdichtung sind Augen oft Waffen – sie »schießen« Pfeile ins Herz des Betrachters (Petrarkismus). Hier klingt die Gefahr dieser »Blicke« bereits an.
9 Zeigt Sonn und schöne Zeit/
Textanalyse
Metaphorische Überhöhung: Die »Sonne« steht für Wärme, Leben, Klarheit; »schöne Zeit« für Glück und Harmonie. Das Bild folgt einer barocken Emblematik: Liebe als strahlendes Licht, das den Winter der Seele vertreibt.
Subtextanalyse
Vordergründig scheint alles positiv. Doch in der Abfolge des Gedichts ist klar: Diese Sonnenscheine sind nur die Fassade – ein freundliches Vorspiel, das eine andere Realität verdeckt.
10 Pflegt Blitz und Nacht zu schicken.
Textanalyse
»Pflegt« im frühneuzeitlichen Sprachgebrauch bedeutet »ist gewohnt«, »ist üblich«. Kontrast zu Vers 9: Nach dem Sonnenschein folgen Blitz (Gewalt, Zerstörung) und Nacht (Dunkelheit, Verlust). Antithetische Figuren sind typisch für barocke Affektrhetorik – hier wird mit scharfem Hell-Dunkel-Kontrast gearbeitet.
Subtextanalyse
Der Wechsel von Wärme zu Zerstörung legt nahe: Das schöne Antlitz dient nur dazu, den plötzlichen Schlag umso heftiger wirken zu lassen. Eine verdeckte Drohung – der Liebeszauber kann sich in Liebesqual verwandeln.
12 Wer siehet wie ihr spielt/ und kan ihm bilden ein/
Textanalyse
»Spielt« verweist hier auf kokettes, spielerisches Verhalten, das nicht ernst gemeint ist. »Kan ihm bilden ein« = »kann sich vorstellen«. Dieser Vers bringt den Betrachter ins Zentrum: Es geht darum, wie leicht man durch das Spiel getäuscht wird.
Subtextanalyse
Die höfische Liebeskultur kennt das »Spiel« als kodierte Interaktion – Lächeln, Blicke, Worte, die gesellschaftlich erlaubt sind, aber Gefühle vorgaukeln können. Die Unterstellung lautet: Wer euch so sieht, muss glauben, ihr seid gütig – und wird dadurch irregeführt.
1 Daß ihr so grausam sollet seyn?
Textanalyse
Rhetorische Frage, die das Paradox zuspitzt: Wie kann eine Person mit so viel Charme und Schönheit zugleich »grausam« sein? »Sollet« deutet auf eine normative Erwartung: Es passt nicht ins Bild, dass ihr so seid – und doch seid ihr’s.
Subtextanalyse
Der Sprecher ringt mit dem Widerspruch zwischen äußerer Anmut und innerer Härte. Der Vorwurf »grausam« betrifft hier nicht physische Gewalt, sondern emotionale Kälte, Zurückweisung oder berechnende Verletzung.
Philosophische Tiefendimension
1. Schein und Sein
Zentral ist das barocke Motiv der Täuschung: Die äußere Form (freundliche Miene, sonnige Ausstrahlung) widerspricht der inneren Wahrheit (Grausamkeit, Kälte). Das verweist auf eine anthropologische Grundfrage: Ist der Mensch je imstande, sein Inneres unverstellt zu zeigen?
2. Dualität von Eros und Thanatos
Die Spannung zwischen »verliebtem Blicken« und »Blitz und Nacht« erinnert an die Verbindung von Anziehung und Zerstörung in der Liebeserfahrung. Liebe bringt Leben, kann aber ebenso vernichten.
3. Vanitas-Motiv
Im Kontext des 17. Jahrhunderts trägt der plötzliche Umschlag von Freude zu Leid die Handschrift der Vanitas-Reflexion: Alles Irdische ist vergänglich und trügerisch.
4. Ethik der Affekte
Die moralische Kritik an »falscher Freundlichkeit« verweist auf die Frage, ob bewusstes Spiel mit den Gefühlen anderer eine sittliche Verfehlung darstellt. Hier klingt eine proto-aufklärerische Sensibilität an, die Wahrhaftigkeit als Tugend betont.
5. Erkenntnistheoretische Skepsis
Der Vers »Wer siehet wie ihr spielt« thematisiert das Problem der Wahrnehmung: Wir können nur interpretieren, was wir sehen – und doch kann das Gesehene grundlegend irreführend sein.
Psychologische Tiefendimension
In diesen sechs Versen verdichtet sich ein psychologisches Spiel aus Verführung, Täuschung und innerer Ambivalenz.
Die »falsche Freundligkeit« (V. 7) benennt bereits das zentrale Spannungsfeld: Es handelt sich um eine Maskierung der wahren Gefühle, die eine freundliche, ja liebevolle Außenwirkung vorgibt, während innerlich möglicherweise Ablehnung, Berechnung oder emotionale Distanz herrschen. Dieser Gegensatz zwischen Schein und Sein erzeugt beim lyrischen Ich den Eindruck einer bewusst eingesetzten Täuschungsstrategie. Psychologisch lässt sich dies als emotionale Manipulation deuten – ein Verhalten, das Nähe suggeriert, um Bindung und Erwartung zu schaffen, um diese dann zu enttäuschen oder in Macht umzumünzen.
Das »verliebte Blicken« (V. 8) verstärkt die Illusion: Der Blick, traditionell ein Medium authentischer Zuneigung, wird hier zur Inszenierung, fast zu einer Waffe der Verführung. Das lyrische Ich erlebt diesen Blick nicht als Ausdruck echter Liebe, sondern als kalkuliertes Werkzeug, das Hoffnung weckt und den anderen verletzlich macht.
Die Zeilen »Zeigt Sonn und schöne Zeit / Pflegt Blitz und Nacht zu schicken« (V. 9–10) bringen die psychologische Ambivalenz auf eine sinnlich-lebendige Metapher: Freundlichkeit und Zuneigung wirken zunächst wie »Sonn« und »schöne Zeit«, also wie Wärme, Geborgenheit, Lebensfreude. Doch plötzlich schlägt diese Stimmung um in »Blitz« und »Nacht« – Symbole für jähe Bedrohung, seelischen Schock und emotionale Kälte. Das entspricht einem dynamischen Wechselspiel von Belohnung und Entzug, wie man es aus psychologischen Machtbeziehungen kennt. Diese Wechselwirkung destabilisiert den anderen und verstärkt Abhängigkeit.
In V. 11–12 wird die Täuschung auf eine weitere Ebene gehoben: »Wer siehet wie ihr spielt« – das Spiel verweist auf ein bewusstes, lustvolles Umgehen mit den Gefühlen anderer. Psychologisch steckt hier eine theatrale Dimension: Das Gegenüber tritt als Darstellerin auf, deren Rolle bewusst so gewählt ist, dass sie Wirkung entfaltet. Dass »man ihm bilden kann«, sie sei nicht grausam, zeigt die Wirkung der Inszenierung: Der Beobachter kann sich nicht vorstellen, dass hinter dieser Zartheit Härte steckt – was das Ausmaß der psychologischen Diskrepanz zwischen Erscheinung und Wesen nochmals verstärkt.
Die Schlussfrage »Daß ihr so grausam sollet seyn?« ist dabei nicht nur rhetorisch, sondern Ausdruck echter kognitiver Dissonanz: Das lyrische Ich ist hin- und hergerissen zwischen dem, was es erlebt, und dem, was es glauben will. Diese Unvereinbarkeit von Wahrnehmung und Wunschvorstellung erzeugt innere Spannung – und erklärt, warum Täuschung so wirkungsvoll sein kann.
Sprachlich-stilistische Analyse
Die Sprache des Abschnitts ist geprägt von einem barocken Wechselspiel aus Antithese, Metapher und rhetorischer Frage.
Bereits »falsche Freundligkeit« ist eine starke Antithese in sich: Das Adjektiv »falsch« konterkariert das semantisch positive »Freundligkeit« und schafft so eine scharfe Spannung. Diese Dissonanz wird durch die folgende Personifikation (»verliebtes Blicken«) weitergeführt – hier wird ein Blick nicht nur als sinnliche Wahrnehmung, sondern als handelnde Kraft inszeniert.
Die Verse 9–10 nutzen eine ausgeprägte metaphorische Parallelstruktur: »Sonn und schöne Zeit« stehen für Wärme, Licht und Glück; »Blitz und Nacht« dagegen für Zerstörung, Gefahr und Kälte. Die Konjunktion »Pflegt … zu« betont dabei die Gewohnheit oder Tendenz, mit der diese gegensätzlichen Effekte hervorgerufen werden – ein barockes Motiv der Unbeständigkeit (Vanitas-Gedanke), das zugleich ein poetisches Rhythmusspiel entfaltet.
Das »Spielen« (V. 11) ist doppeldeutig: Einerseits verweist es auf Leichtigkeit und Unverbindlichkeit, andererseits auf ein kalkuliertes Inszenieren. Das Wortfeld des Theatralen ist typisch für den Barock, in dem das Leben selbst oft als Bühne begriffen wird (»theatrum mundi«). Hier wird die Geliebte zur Schauspielerin, die ihre Rolle meisterlich beherrscht.
Die finale rhetorische Frage (V. 12) ist in ihrer Struktur so angelegt, dass sie keine wirkliche Antwort verlangt, sondern Empörung, Erstaunen und Verletztheit bündelt. Sie verleiht dem lyrischen Ich eine Stimme, die zwischen Anklage und Selbstzweifel schwankt – sprachlich erzeugt durch den Kontrast zwischen der direkten Anrede (»ihr«) und der distanzierten dritten Person im »sollet seyn«.
Auffällig ist auch die barocke Bildlichkeit: Naturphänomene wie Sonne, Blitz und Nacht stehen nicht nur als dekorative Metaphern, sondern als psychologische Symbole. Die plötzlichen Wechsel in den Bildern spiegeln genau den seelischen Umschlag, den das lyrische Ich erlebt.
Analyse Verse 13-18
13 Macht Augen/ daß euch nicht
Textanalyse
Der Sprecher fordert die Angesprochenen auf, »Augen zu machen« – also wachsam zu sein, zu beobachten, sich nicht täuschen zu lassen. »Augen machen« steht hier nicht im modernen Sinn von »flirten«, sondern im barocken Sprachgebrauch für »die Augen offen halten«.
Subtextanalyse
Wachsamkeit ist eine Tugend gegen Täuschung und falschen Schein. Im Kontext des Barock, der von Unsicherheiten, Kriegsgefahr und kosmischen Vorzeichen geprägt war, ist der Appell auch moralisch: Seid aufmerksam, damit euch kein Unheil ereilt.
14 Die Welt Cometen nennet!
Textanalyse
Die Warnung konkretisiert sich: Man solle verhindern, dass die »Welt« – das heißt die Öffentlichkeit oder die Nachwelt – einen »Kometen« nennt.
Subtextanalyse
Kometen galten in der Frühen Neuzeit meist als unheilvolle Zeichen, als Himmelserscheinungen, die Katastrophen ankündigen. Wer als »Komet« bezeichnet wird, könnte als unruhestiftend, bedrohlich oder zerstörerisch gelten. Der Appell ist also: Handelt so, dass ihr nicht als bedrohliches Omen, sondern als segensreiches Licht wahrgenommen werdet.
15 Seyd das gepaarte Licht
Textanalyse
Das »gepaarte Licht« verweist vermutlich auf zwei gemeinsam leuchtende Gestirne – etwa auf die Dioskuren Castor und Pollux, die in der antiken Mythologie als Zwillingslichter Seefahrern Schutz geben. »Gepaart« signalisiert Harmonie, Gleichklang, gemeinsames Wirken.
Subtextanalyse
Das Bild stellt eine Gegenfigur zum Kometen dar: nicht vereinzeltes, unruhiges Feuer, sondern harmonische, paarige Leuchtkraft. Es ist ein Appell an Einigkeit, konstruktives Wirken und wohlgeordnete Leuchtkraft – ein Sinnbild für moralische und politische Stabilität.
16 Dem Tifis Opffer brennet/
Textanalyse
»Tifis« ist in der griechischen Mythologie der Steuermann des Argonautenschiffs. Sein »Opfer« könnte für das Ziel oder die Aufgabe der Seefahrt stehen, möglicherweise für eine heilige oder heroische Unternehmung. »Brennen« bedeutet hier leuchten oder brennen zu Ehren von Tifis’ Opfer.
Subtextanalyse
Wenn Tifis als Symbol für den weisen Lenker steht, dann ist das »Brennen« für sein Opfer ein Bild für Hingabe und Orientierung: Man richtet sein Licht auf das gemeinsame Ziel, um den Kurs zu sichern. Es ist zugleich ein Ausdruck von Loyalität und Dienst an einer größeren Sache.
17 Führt uns durch euren Glantz in sichern Hafen ein:
Textanalyse
Das »gepaarte Licht« wird hier als Navigationshilfe verstanden, die Schiffe sicher in den Hafen bringt. »Glanz« verweist auf die Leuchtkraft, die Richtung weist.
Subtextanalyse
Das Bild des Hafens ist seit der Antike und im Barock ein zentrales Symbol für Rettung, Erlösung und die Vollendung einer Reise. Wer den Glanz gibt, hat die Aufgabe, andere aus Gefahren herauszuführen. Dies impliziert auch eine ethische Verantwortung der Angesprochenen: nicht nur für sich selbst zu leuchten, sondern anderen den Weg zu weisen.
18 Man wird euch ewig danckbar seyn.
Textanalyse
Der Sprecher verspricht den Angesprochenen unvergängliche Dankbarkeit. Die Handlung – Licht sein, sicher führen – wird als bleibendes Verdienst bezeichnet.
Subtextanalyse
Dies ist ein barockes Argument für Tugend und Ruhm: Wer das Gute wirkt, wird nicht nur zeitlich, sondern auch in der Erinnerung der Nachwelt bestehen. Die »ewige Dankbarkeit« ist nicht nur menschlich-gesellschaftlich, sondern auch transzendent gedacht – als göttliche Belohnung.
Philosophische Tiefendimension
Diese Schlussverse verbinden barocke Moraldidaktik mit einem kosmisch-navigativen Bildfeld. Der Gegensatz zwischen Komet und gepaartem Licht ist dabei zentral:
Der Komet steht für Unordnung, Unheil, chaotische Einzelkraft, die den Lauf der Welt stört.
Das gepaarte Licht hingegen verkörpert Harmonie, Kooperation und eine Ordnung, die der Welt Orientierung gibt.
Die mythologische Figur des Tifis führt das Motiv in den Bereich der Weisheit als Steuerkunst: ein guter Steuermann ist ein Sinnbild für die philosophische Lebensführung – Kurs halten trotz Stürmen. Das Ziel ist der »sichere Hafen«, der als Allegorie für die Vollendung des Lebens (salus, Heilszustand) gelesen werden kann.
Barock-typisch ist auch die Vanitas-Überwindung: Wachsamkeit (Augen machen) und moralische Ausrichtung verhindern, dass man zum Zeichen des Verderbens wird; stattdessen kann man ein bleibendes Licht werden. Die »ewige Dankbarkeit« spricht in dieser Zeit auch den Gedanken der memoria an: der Ruhm und die moralische Anerkennung über den Tod hinaus.
In philosophischer Tiefe verbindet der Text Elemente der antiken Tugendlehre (maßvolle, geordnete Kraft statt zerstörerischer Einzelmacht), der christlichen Moraltheologie (Dienst am Nächsten, Lichtmetapher für göttliche Wahrheit) und einer barocken Geschichtsauffassung, in der kosmische Zeichen und menschliches Handeln eng verknüpft sind.
Psychologische Tiefendimension
In diesen Schlussversen steckt eine deutliche Mischung aus Mahnung, Idealvorstellung und kollektivem Wunschbild.
1. Verse 13–14: »Macht Augen, daß euch nicht / Die Welt Cometen nennet!«
Hier ist die Aufforderung zur Wachsamkeit zentral. »Macht Augen« ist doppeldeutig: Es kann einerseits schlicht »seid aufmerksam« heißen, andererseits auch »öffnet eure Augen«, »schaut klar«. Psychologisch verweist es auf den inneren Zustand der Selbstkontrolle: Wer nicht wachsam ist, verliert Orientierung.
Das Bild des »Cometen« trägt eine ambivalente Bedeutung: Ein Komet ist einerseits hell und auffällig, andererseits auch ein Zeichen des Unheilvollen oder des Unbeständigen. Die Mahnung: Lasst euch nicht als bedrohliche Ausnahmeerscheinung sehen – bleibt berechenbar, sicher, vertrauenswürdig.
Tiefenpsychologisch kann man dies als Angst vor gesellschaftlicher Stigmatisierung deuten: die Furcht, vom Kollektiv nicht integriert, sondern als fremdartiges Himmelszeichen ausgegrenzt zu werden.
2. Verse 15–16: »Seyd das gepaarte Licht / Dem Tifis Opffer brennet«
»Gepaarte Licht« ruft das Bild von Doppelsternen oder vereinten Leuchtkräften hervor – ein Symbol für Harmonie und gegenseitige Ergänzung. Psychologisch steht es für die Vorstellung, dass Sicherheit und Führung nicht aus isolierter Genialität, sondern aus Gemeinschaft und Kooperation erwachsen.
Die mythologische Anspielung auf Tiphys (Steuermann der Argonauten) verstärkt das Bild: Tiphys ist derjenige, der eine gefährliche Fahrt sicher lenkt. »Opffer brennet« deutet auf Hingabe und Bereitschaft, das eigene Wirken dem Ganzen zu weihen.
Tiefendimension: Ein Ideal der selbstlosen, aber leuchtenden Führung – das Gegenteil von narzisstischer Selbstdarstellung. Licht wird hier nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als Opfergabe für ein höheres Ziel.
3. Verse 17–18: »Führt uns durch euren Glantz in sichern Hafen ein: / Man wird euch ewig danckbar seyn.«
Das Bild des »sicheren Hafens« ist tief im kollektiven Unbewussten verankert: Es symbolisiert das Ankommen nach Gefahr, Geborgenheit, Ruhe nach Sturm.
Psychologisch wird hier das Bedürfnis nach Führungskompetenz angesprochen: Menschen sehnen sich nach einer Autorität, die Orientierung gibt und Gefahren meistert.
»Ewig danckbar« weist auf das psychologische Konzept der transgenerationalen Erinnerung hin: Eine gute Tat bleibt im kulturellen Gedächtnis, das wiederum die Identität einer Gemeinschaft prägt.
Sprachlich-stilistische Analyse
1. Metaphorik und Symbolik
Himmelskörper (Komet, Licht) und nautische Bilder (Tiphys, Hafen) schaffen ein kohärentes Motivfeld: das Navigieren unter Sternen.
Das »gepaarte Licht« ist eine originelle, verdichtete Metapher: Es verbindet visuelle Strahlkraft mit sozialer Bindung.
Der »Glantz« steht im barocken Sprachgebrauch nicht nur für Licht, sondern auch für Ruhm, Würde und moralische Ausstrahlung.
2. Mythologische Anspielung
»Tifis« bindet das Gedicht an die klassische Bildungstradition. Die mythologische Figur wird nicht um ihrer selbst willen erwähnt, sondern funktional als Beispiel für sichere Führung.
Barockdichtung nutzt solche Bezüge häufig, um zeitlose Vorbilder zu evozieren und moralische Autorität zu stärken.
3. Rhetorische Struktur
Die Verse folgen einer steigenden Intensität: erst Warnung (»Macht Augen«), dann positive Zielvorgabe (»Seyd das gepaarte Licht«), schließlich Erfüllungsbild (»führt uns… in sichern Hafen«).
Der Imperativ (»Macht«, »Seyd«, »Führt«) erzeugt einen Appellcharakter – dies ist nicht bloße Beschreibung, sondern Handlungsaufforderung.
Das Reimgefüge (»nennet« / »brennet« – Paarreim, »ein« / »seyn« – Endreim) bindet die Aussage formal zusammen und verleiht ihr einen gesanglichen Charakter.
4. Barocker Sprachgestus
Typisch barock ist die Verbindung von mahnender Vanitas-Sensibilität (Warnung vor falscher Erscheinung) mit heroischem Idealbild (Führung, Licht, Ruhm).
Die emotionale Dynamik schwankt zwischen Furcht (negatives Vorbild Komet) und Hoffnung (sicherer Hafen), was der Rede einen dramatischen Bogen verleiht.
Gesamtarchitektur
Das Gedicht ist eine Folge dreier Strophen zu je sechs Versen, wobei jede Strophe nach einem ähnlichen rhetorischen Muster verläuft:
Anrede an die »Betrüger« bzw. »Herzens-Diebe« (V. 1–4, 7–10, 13–16).
Beobachtung des Verhaltens dieser Angesprochenen (das »Spielen«, die »falsche Freundlichkeit«, das »verliebte Blicken«).
Schlussfolgerung oder Appell mit ironischem oder warnendem Unterton (V. 5–6, 11–12, 17–18).
Damit entsteht ein Variationsprinzip: Jede Strophe setzt das Thema neu an, wiederholt zentrale Schlüsselworte (»spielt«, »bildet ihm nicht ein / kan ihm bilden ein«) und steigert zugleich die moralische Forderung.
Inhaltlicher Bogen
Erste Strophe (V. 1–6): Paradoxe Grundsituation – der Sprecher bekennt, dass er »Betrüger« ehrt und »Untreue« liebt. Schon in dieser Antithese (Liebe zum moralisch Verwerflichen) steckt die barocke Ambivalenz von Faszination und Warnung. Die rhetorische Frage (»Wer siehet …?«) enthüllt den Irrtum des Beobachters: Die scheinbare »Erbarmung« ist nur gespielt.
Zweite Strophe (V. 7–12): Die Täuschung wird weiter entlarvt: Freundlichkeit und Blicke wirken wie »Sonn und schöne Zeit«, führen aber zu »Blitz und Nacht« – eine starke antithetische Licht-Metapher, typisch barock, um Schönheit und Gefahr zusammenzudenken. Wieder steht die rhetorische Frage am Ende: Wie kann man so grausam sein?
Dritte Strophe (V. 13–18): Hier verschiebt sich der Tonfall. Es wird nicht nur gewarnt, sondern fast pastoral appelliert: Macht eure Augen so, dass man euch nicht »Cometen« nennt (damals Zeichen von Unheil). Das Idealbild ist das »gepaarte Licht«, das dem Opfer des Tifis (argonautischer Mythos) leuchtet und in den »sicheren Hafen« führt. Der Schlussvers kehrt den anfänglichen Vorwurf in ein Lobversprechen um: Ewig Dank, wenn ihr euch dem Ideal entsprechend verhaltet.
Rhetorische Struktur
Antithetik (Sonne/Nacht, Glanz/Grausamkeit) strukturiert das gesamte Gedicht.
Direkte Anrede (»Ihr schlauen Hertzens-Diebe«) schafft Dringlichkeit und Nähe.
Rhetorische Fragen öffnen den Text für den Leser, der die moralische Antwort selbst mitdenken soll.
Mythologische Referenz (Tifis, Steuermann der Argonauten) veredelt die moralische Forderung und gibt dem Schluss eine heroische Aufladung.
Gesamtwirkung
Die Komposition wirkt wie ein barockes Mini-Drama:
Akt I: Verführung und Täuschung werden vorgestellt.
Akt II: Die Gefährlichkeit der Täuschung wird entlarvt.
Akt III: Der Appell zur Läuterung wird mit mythologischem Glanz gekrönt.
Dieses Aufsteigen vom persönlichen Vorwurf zur mythologisch überhöhten Moralpredigt spiegelt barocke Liebeslyrik, die selten rein sentimental ist, sondern moralisch-lehrhaft und kunstvoll paradox bleibt: Liebe zur Untreue – und dennoch Appell zur Treue.