Beliebe mich für andern zu erwehlen

Hans Aßmann von Abschatz

Mein allein/ oder laß es gar seyn?

1Beliebe mich für andern zu erwehlen/
2 Mein Hertze giebt sich gantz zu eigen dir.
3 Doch wo du dir ein Fremdes wirst vermählen/
4 Nehm ich das Mein hinwieder auch zu mir.

5Wie sehr mich ie Gelück und Himmel hasset/
6 Bleibt doch mein Hertz und meine Treue rein;
7 Wann aber dich ein fremdes Joch umfasset/
8 Soll mir dein Strick der Weg zur Freyheit seyn.

Analyse Strophe 1

1 Beliebe mich für andern zu erwehlen,
Textanalyse
Dieser Vers ist in der grammatikalischen Konstruktion auffällig: Das Verb »belieben« (heute ungebräuchlich) bedeutet »für gut befinden, sich geneigt zeigen«. Es wird hier in der höflich-distanzierten Form verwendet (»Beliebe« statt z. B. »wenn du willst«), was auf ein kultiviertes, kontrolliertes Sprechen hinweist. Der Sprecher gibt vor, der Geliebten die Freiheit zu lassen, sich für jemand anderen zu entscheiden. Das Personalpronomen »mich« wird aber zum Objekt dieser Entscheidung, also nicht als aktiv handelnd, sondern als potenziell Verlassener dargestellt.
Subtextanalyse
Trotz der höflichen Formulierung liegt hier eine leise Drohung und eine emotionale Erpressung. Das »Belieben« ist formal ein Ausdruck von Freiheit – in Wahrheit aber ein verdecktes Ultimatum. Der Sprecher inszeniert sich als jemand, der gelassen die Wahl der Geliebten akzeptiert, während zugleich ein subtiler Schmerz, ein Besitzanspruch und ein bereits vorweggenommener Verrat mitschwingen.
2 Mein Hertze giebt sich gantz zu eigen dir.
Textanalyse
Hier erfolgt ein starkes Gegenbild: Das eigene Herz (Sitz der Emotion und Seele) wird »gantz zu eigen« gegeben – also vollständig, ohne Vorbehalt. Die Verwendung von »zu eigen« (im Sinne von Eigentum) betont einen barocktypischen Begriff von Liebe als totale Hingabe und Übereignung der Person.
Subtextanalyse
Diese völlige Hingabe ist auch ein Tauschhandel: »Ich gebe mein Herz dir – also erwarte ich das Deine ganz zurück.« In der Metaphorik des Barock ist Liebe häufig ökonomisch oder juristisch aufgeladen (Besitz, Treue, Tausch). Der Subtext verrät also: Die Gabe ist nicht frei – sie ist an Gegengabe gebunden. »Wenn ich dir mein Herz gebe, musst du es ganz annehmen – oder gar nicht.«
3 Doch wo du dir ein Fremdes wirst vermählen,
Textanalyse
Hier wird ein zukünftiger, hypothetischer Verrat imaginiert: Die Geliebte könnte sich einem »Fremden« vermählen – das ist mehr als nur eine Liebeswahl, es ist eine bindende, rechtlich-sakrale Verbindung (Heirat). Das Wort »Fremdes« ist unbestimmt – es geht nicht um eine konkrete Person, sondern um das Andere, das Nicht-Eigene, das Nicht-Ich.
Subtextanalyse
Der »Fremde« ist nicht nur ein anderer Mann – er ist die Bedrohung der totalen Liebe. »Vermählen« klingt nach Verrat an einer Treuepflicht, fast wie ein Sakrileg. Die Beziehung wird hier nicht als nur zwischenmenschlich verstanden, sondern als eine Art heiliger Bund – also wird das »Fremde« zur metaphysischen Bedrohung.
4 Nehm ich das Mein hinwieder auch zu mir.
Textanalyse
Die Konsequenz folgt sofort und unbarmherzig: Der Sprecher erklärt, dass er sein Herz »hinwieder« (zurück, wiederum) zu sich nehmen wird – ein Entzug der Gabe aus Vers 2. Was einst »zu eigen« gegeben war, wird nun widerrufen, als sei Liebe rückholbar.
Subtextanalyse
Diese Wendung offenbart einen tiefen Widerspruch: Die totale Hingabe war nie wirklich bedingungslos – sie ist rückgängig zu machen, wenn das Gegenüber untreu wird. Das Herz wird damit nicht mehr als unteilbares Zentrum des Selbst verstanden, sondern als veräußerbares Gut, das man einziehen kann, wenn der Vertrag gebrochen ist. Hier offenbart sich eine barocke Vorstellung von Liebe als Bindung mit gegenseitiger Totalverpflichtung, bei deren Bruch ein völliger Rückzug – ja fast eine Rache – erfolgt.
Gesamtdeutung dieser vier Verse
Die ersten vier Verse des Gedichts konstruieren ein dramatisches Miniaturspiel zwischen Freiheit und Forderung, zwischen Hingabe und Rücknahme. Die höfliche Sprache überdeckt nicht den dominanten Anspruch: »Ganz oder gar nicht«. Die Liebe wird in ihrer Totalität gedacht – ein zentraler Topos des Barock. Gleichzeitig entlarvt sich die scheinbare Großmut des Sprechers (»Beliebe…«) als durch und durch konditioniert: Nur bei exklusiver Erwiderung bleibt das Gefühl bestehen. Die Liebe ist kein Fluss, sondern ein Vertrag.
Diese Verse thematisieren den Konflikt zwischen freier Entscheidung der Geliebten und dem absoluten Anspruch des Liebenden – ein Spannungsverhältnis, das auf tiefere philosophisch-theologische Konzepte verweist: etwa das Verhältnis von Gnade und Freiheit, Gabe und Pflicht, Bund und Abfall.

Analyse Strophe 2

5 Wie sehr mich ie Gelück und Himmel hasse.
Textanalyse
Der Sprecher beginnt diesen Abschnitt mit einer gewichtigen Klage: Glück und Himmel — also weltliches Geschick wie auch göttliche Fügung — seien ihm feindlich gesinnt. Das Wort »ie« (veraltete Form von »je«) verstärkt die Dauer oder Allgemeingültigkeit dieser Erfahrung. Er fühlt sich vom Schicksal und von der göttlichen Ordnung verlassen oder sogar verfolgt.
Subtextanalyse
Hier schwingt eine tief existenzielle Verzweiflung mit: Der Sprecher sieht sich nicht nur als vom Glück verlassen, sondern als aktiv gehasst — was eine Personifizierung des Schicksals nahelegt. Dieser Hass seitens des »Himmels« könnte als Ausdruck der Ohnmacht des lyrischen Ichs gegenüber göttlicher Vorsehung gedeutet werden. Möglicherweise kritisiert der Sprecher implizit die Gerechtigkeit Gottes oder verweist auf eine Erfahrung tiefer, ungerechter Enttäuschung.
6 Bleibt doch mein Hertz und meine Treue rein.
Textanalyse
Trotz dieser göttlich-weltlichen Ablehnung behauptet der Sprecher einen inneren Zustand moralischer und emotionaler Unversehrtheit. »Hertz« (Herz) steht für Gefühl, inneres Wesen, Liebesfähigkeit; »Treue« für Loyalität, insbesondere in der Liebe. Beide bleiben »rein«, also unbefleckt, unverfälscht, unerschüttert.
Subtextanalyse
Der Vers formuliert eine Art inneren Trotz oder stille Erhabenheit: Das lyrische Ich lässt sich von äußeren Missständen nicht korrumpieren. Auch wenn das Universum gegen ihn scheint, bleibt er sich selbst und der Geliebten treu. Hier spricht ein aristokratisch-stoisches Selbstverständnis: Tugend wird nicht durch äußeren Erfolg legitimiert, sondern durch Standhaftigkeit im Unglück. Es schwingt ein Gefühl von Einsamkeit, aber auch Integrität mit.
7 Wann aber dich ein fremdes Joch umfasset.
Textanalyse
Der Blick wendet sich zur Geliebten. Der Konjunktiv »Wann« verweist auf einen hypothetischen Fall: Falls sie ein »fremdes Joch« umfasse – also in eine neue, fremde Bindung gerate (vermutlich: Heirat oder Liebe zu einem anderen). Das »Joch« symbolisiert Zwang und Knechtschaft, nicht freiwillige Liebe. Das »umfassen« lässt offen, ob sie selbst diese Verbindung aktiv eingeht oder ob sie von außen herübergestülpt wird.
Subtextanalyse
Die Vorstellung eines fremden Jochs ist doppelt bitter: Sie bedeutet nicht nur Trennung, sondern auch eine Art moralische Fremdbestimmung. Die Geliebte würde sich einem anderen unterordnen – freiwillig oder gezwungen –, was aus Sicht des Sprechers ein Verrat an ihrer bisherigen Bindung wäre. Zugleich offenbart der Ausdruck eine resignierte Haltung: Er rechnet mit dieser Möglichkeit. Es liegt ein Schmerz darin, aber auch ein indirekter Vorwurf.
8 Soll mir dein Strick der Weg zur Freyheit seyn.
Textanalyse
Der »Strick« ist doppeldeutig: Einerseits verweist er auf die frühere metaphorische Verbindung der Liebe, andererseits klingt hier das Bild des Henkersstricks mit. Der »Strick« der Geliebten – ihre Liebe, ihre Bindung, vielleicht auch ihr Verrat – wird zum »Weg zur Freyheit« für den Sprecher. Der paradoxe Gedanke: Durch den Verlust oder die Enttäuschung wird er frei.
Subtextanalyse
Dieser Vers kulminiert in einer dialektischen Wendung: Was als Mittel der Knechtschaft erscheint (der Strick), wird zum Mittel der Befreiung. Liebe, die einst fesselte, wird in ihrer Auflösung zur Voraussetzung für neue Freiheit. Diese »Freiheit« ist aber ambivalent: Sie kann emotionale Emanzipation meinen, aber auch eine bittere, leere Autonomie, die durch Enttäuschung erkauft ist. Der Sprecher ist nicht mehr gebunden – aber auf Kosten seiner Hoffnung. Implizit liegt darin auch eine Frage nach der Wahrheit der Liebe selbst: War sie je echt, wenn sie sich so lösen lässt?
Philosophisch-emotionale Tiefendimensionen
1. Spannung zwischen göttlicher Ordnung und subjektiver Moral:
Das Gedicht spiegelt den barocken Zwiespalt zwischen der als ungerecht erfahrenen Weltordnung (»Himmel hasset«) und einem unverbrüchlichen inneren Tugendethos (»mein Hertz und meine Treue rein«).
2. Liebe als Zwang und Befreiung zugleich:
Die Metaphorik von Joch und Strick zeigt die Ambivalenz romantischer Bindung: Sie kann Sklaverei oder Erhebung sein, und ihre Auflösung kann schmerzhaft oder befreiend wirken.
3. Barockes Lebensgefühl von Vanitas und innerer Autonomie:
Abschatz drückt ein typisches barockes Lebensgefühl aus: Alles Irdische ist unsicher, aber in der inneren Treue und Selbstbeherrschung liegt Würde.
4. Subversive Kritik an Konvention und Heiratsnorm:
Der Ausdruck »fremdes Joch« könnte auch eine Kritik an arrangierten Ehen oder gesellschaftlich erzwungenen Bindungen sein. Damit positioniert sich das lyrische Ich als Verteidiger echter, freiwilliger Liebe.
5. Freiheit durch Entsagung:
Die finale Wendung zur Freiheit durch Schmerz erinnert an mystische oder stoische Denkfiguren: Wahre Freiheit entsteht nicht durch Besitz, sondern durch die Überwindung des Begehrens.

Gesamtanalyse

Hans Aßmann Freiherr von Abschatz (1646–1699) war ein bedeutender Vertreter der frühen deutschen Barockdichtung und Mitglied der »Fruchtbringenden Gesellschaft«. Das Gedicht trägt den Titel »Mein allein/ oder laß es gar seyn?«. Ein konkretes Erscheinungsjahr ist schwer festzulegen, da viele seiner Gedichte postum oder gesammelt veröffentlicht wurden. Wahrscheinlich entstand es in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts im Kontext des höfischen Petrarkismus.
Thema und Deutungshypothese
Das Gedicht thematisiert die radikale Forderung nach ausschließlicher Liebe und Treue in einer Beziehung. Der Sprecher stellt klar, dass seine Liebe nur unter der Bedingung einer exklusiven Gegenseitigkeit Bestand haben kann. Sobald die Geliebte sich einem anderen zuwendet, wird die eigene Liebe zurückgenommen – nicht aus Trotz, sondern als Akt der Selbstachtung und Freiheit. Die doppelte Perspektive von Treue und Freiheit macht das Gedicht zu einem barocken Reflexionsraum über Individualität, Ehre und Gefühl im Spannungsfeld gesellschaftlicher Konventionen.
Die Deutungshypothese lautet: Das lyrische Ich fordert exklusive Gegenseitigkeit in der Liebe und stellt die persönliche Freiheit über jede emotionale Bindung, sofern diese nicht auf Treue beruht. Das Gedicht reflektiert somit die barocke Spannung zwischen Leidenschaft, Würde und Selbstbestimmung.

Inhaltliche Analyse

Das Gedicht kreist um das Thema exklusiver Liebe und des Liebesverrats. Der Sprecher erklärt seiner Geliebten seine vollständige Hingabe – mit der Bedingung, dass sie ihm ebenfalls ungeteilt treu bleibt. Sollte sie sich jedoch einem anderen Mann zuwenden, so wird er sich seinerseits aus der Verbindung lösen. In den ersten vier Versen steht dieses Angebot der Liebe unter Vorbehalt: »Mein Herz gibt sich ganz zu eigen dir«, jedoch nur, »wenn du dir kein Fremdes wirst vermählen«. Im zweiten Quartett wird deutlich, dass die Enttäuschung über einen möglichen Treuebruch das lyrische Ich zutiefst treffen würde (»Wie sehr mich ie Glück und Himmel hasset«), es aber dennoch seine eigene Integrität (»mein Herz und meine Treue«) wahrt. Wenn die Geliebte sich einem »fremden Joch« unterwirft, soll eben dieser Verlust zur Befreiung des Sprechers führen. Die persönliche Würde wird damit über das emotionale Leiden gestellt. Das Gedicht bewegt sich somit zwischen bedingungsloser Hingabe und stolzer Selbstachtung.
Themen und Motive
Das zentrale Thema ist die exklusive Liebe und ihre Bedingtheit durch Gegenseitigkeit. Weitere wichtige Themen und Motive sind:
Treue und Untreue: Das Ich erklärt seine Treue, macht sie jedoch abhängig von der Treue der Geliebten.
Freiheit vs. Bindung: Die Liebe wird als »Strick« oder »Joch« dargestellt – also als Bindung, die jedoch freiwillig eingegangen wird. Im Fall der Untreue dient dieselbe Bindung als Weg zur Freiheit.
Selbstbestimmung in der Liebe: Trotz der emotionalen Erschütterung durch einen möglichen Verlust bleibt das Ich autonom und nimmt sein Herz »hinwieder auch zu mir« – es beansprucht sich selbst zurück.
Liebesstolz: Der Stolz des lyrischen Ichs verbietet es ihm, in einer geteilten Liebe zu verharren.
Tausch- und Vertragsdenken in der Liebesbeziehung: Die Liebe wird als Austausch dargestellt – gegenseitige Hingabe oder gar keine. Dies verweist auf ein barockes Ordnungsdenken, in dem auch emotionale Beziehungen durch klare Gegenseitigkeit geregelt sein sollen.
Sprecher/Sprechsituation
Der Sprecher ist ein Liebender, der sich direkt an eine Geliebte wendet. Die Situation ist eine Art emotionales Ultimatum: Der Sprecher erklärt seine absolute Treue – allerdings unter der Voraussetzung, dass die Geliebte diese ebenfalls wahrt. Es handelt sich um eine duzentliche Anrede, was eine Nähe suggeriert, zugleich aber auch eine gewisse Härte in der Konfrontation betont. Die Situation wirkt wie ein Moment der Entscheidung oder vielleicht auch wie eine Reaktion auf einen drohenden oder bereits geschehenen Treuebruch. Der Sprecher präsentiert sich als jemand, der stark genug ist, Verlust zu ertragen, solange er seine Würde und Reinheit bewahren kann.
Inhaltlicher Aufbau
Das Gedicht besteht aus zwei vierzeiligen Strophen (Quartetten) in klassisch strenger Form – dem barocken Stil entsprechend. Es entfaltet sich in zwei inhaltlich klar unterscheidbaren, aufeinander aufbauenden Abschnitten:
1. Erste Strophe (V. 1–4):
Darstellung der Liebe als gegenseitiger Vertrag: Das lyrische Ich bietet der Geliebten sein Herz »ganz zu eigen« an – jedoch nur unter der Bedingung, dass sie nicht »ein Fremdes« wählt. Es zieht also klare Konsequenzen aus einem möglichen Treuebruch.
2. Zweite Strophe (V. 5–8):
Ausdruck von Leid, Würde und Freiheit: Selbst wenn »Glück und Himmel« den Sprecher hassen – also selbst im Zustand des größten Unglücks – bleibt seine eigene Treue unbefleckt. Und im Fall des Verrats wird gerade die verlorene Bindung zur Quelle der Freiheit erklärt.
Die Entwicklung vom emotionalen Angebot zur selbstbewussten Konsequenz formt eine Art innere Handlung des Gedichts: von Hingabe über Bedingung hin zur Autonomie. Der Schluss enthält eine Art paradoxen Triumph: Der »Strick« der Liebe, der sonst als Fessel erscheint, wird nun zum »Weg zur Freiheit«, sobald die Geliebte sich abwendet.

Sprachlich-stilistische Analyse

Das Gedicht folgt dem barocken Ideal pointierter Kürze, klarer Antithese und emotionaler Zuspitzung. In vier Verspaaren entfaltet sich eine leidenschaftliche Reflexion über Liebe, Treue und Selbstachtung, wobei die Formstrenge der klassischen Alexandriner-Zeile (sechshebiger Jambus mit Zäsur) eine kontrollierte Emotionalität vermittelt. Die Personalpronomen »ich«, »du« und »mein« strukturieren das Gedicht als dramatische Zwiegesprächssituation, wobei der Sprecher seine innere Konsequenz in einer Bedingungsliebe formuliert: Ganz oder gar nicht.
Sprachstil
Der Sprachstil ist hochbarock, gekennzeichnet durch feierliche Ernsthaftigkeit, eine feinsinnige Logik und einen bewusst gesetzten Affekt. Der Ton ist zugleich höfisch distanziert wie auch innerlich entschieden, was typisch ist für lyrische Subjektpositionen im Barock: Leidenschaft wird nicht eruptiv ausgedrückt, sondern durch klare Argumentation, bildhafte Sprache und rhetorische Strenge gezügelt.
Zudem verweist der Titel mit der Wendung »Mein allein / oder laß es gar seyn?« auf eine Maxime der Liebe, die zwischen Absolutheit und Entsagung oszilliert – ein barockes Prinzip der coincidentia oppositorum.
Wortwahl / Wortfelder
Die Wortwahl bewegt sich im Spannungsfeld von Liebe, Besitz, Treue und Freiheit – zentrale Themen des Barocks:
Besitz / Eigentum: »mein«, »allein«, »gantz zu eigen«, »das Mein«, »hinwieder«, »zu mir« – das Wortfeld signalisiert, dass Liebe als gegenseitiges Sich-Eignen gedacht wird.
Fremdheit / Entfremdung: »Fremdes«, »fremdes Joch« – weist auf die existenzielle Bedrohung durch Untreue hin.
Treue / Gefühl: »mein Hertze«, »meine Treue«, »rein« – das Innere des Sprechers ist unverfälscht und moralisch integer.
Strafe / Konsequenz / Freiheit: »Strick«, »Weg zur Freyheit« – hier spricht ein paradoxer Emanzipationsgedanke: Die Liebe bindet, aber in der Enttäuschung wird der Zwang zum Schlüssel der Befreiung.
Auffällig ist auch die starke Verwendung von Possessivpronomen (»mein«, »dein«), die ein klares Eigentumsverhältnis markieren – Liebe wird nicht als flüchtiges Gefühl, sondern als Besitzverhältnis auf Zeit formuliert.
Rhetorische Mittel
Das Gedicht verwendet verschiedene rhetorische Mittel, um die emotional-logische Argumentation zuzuspitzen:
Antithese: »Mein allein / oder laß es gar seyn?« – die zentrale Opposition. Auch in »doch wo du… / nehm ich…« und »Bleibt doch mein Hertz… / Wann aber dich…«.
Parallelismus: z.B. »Bleibt doch mein Hertz und meine Treue rein« – gleich strukturierte Nominalglieder zur Verstärkung.
Metapher: »fremdes Joch« = Zwang einer anderen Beziehung, »Strick« = Bindung an die Geliebte, zugleich Bild für Knechtschaft oder Fessel.
Hyperbel: »Wie sehr mich ie (je) Gelück und Himmel hasset« – übertriebene Darstellung des eigenen Unglücks als Ausdruck barocker Weltsicht (vanitas-Motiv).
Chiasmus-ähnliche Struktur: In »Nehm ich das Mein hinwieder auch zu mir« wird das Besitztum gespiegelt zurückgeführt – formale Spiegelung der inhaltlichen Rücknahme.
Satzbau / Syntax
Die Syntax ist geprägt durch periodische Bauweise mit konditionalen und adversativen Satzgefügen, typisch für den Barock:
Hypotaxe: Viele Nebensätze zeigen logische Abhängigkeiten und Bedingungen: »Doch wo du dir ein Fremdes wirst vermählen / Nehm ich das Mein…« oder »Wann aber dich ein fremdes Joch umfasset / Soll mir dein Strick…«
Inversionen: »Nehm ich das Mein hinwieder auch zu mir« – Umstellung zur Hervorhebung des Handelns und des Besitzverhältnisses.
Konjunktivische Fügungen: z. B. »Beliebe mich für andern zu erwehlen« – Ausdruck höfischer Unterordnung, aber auch der Wunschform.
Knappe Hauptsätze: »Beliebe mich für andern zu erwehlen«, »Mein Hertze giebt sich gantz zu eigen dir.« – in sich geschlossene, pointierte Aussagen.

Deutung und Interpretation

Das Gedicht thematisiert eine radikale Form der Liebesexklusivität: Der Sprecher fordert unbedingte Gegenseitigkeit in der Liebe und ist nur zur Hingabe bereit, wenn diese auch vollständig erwidert wird. Der erste Vers bringt die Spannung zwischen zwei Polen auf den Punkt: »Mein allein / oder laß es gar seyn?« – eine Ultimatum-Formel, die keine Halbheiten duldet. Diese Entweder-oder-Haltung steht im Zentrum des Gedichts.
In den beiden Quartetten wird diese Haltung ausgeführt:
Im ersten Quartett tritt das Ideal der barocken ganzheitlichen Liebe auf: Das Ich bietet sein Herz »gantz« dar, fordert aber im Gegenzug die ausschließliche Erwiderung. Sollte die Geliebte sich jedoch einem »Fremden« vermählen, so zieht das lyrische Ich sich zurück – eine Art seelischer Widerruf des gegebenen Gefühls.
Im zweiten Quartett wird deutlich, dass das Ich leidensfähig ist (»Gelück und Himmel hasset«), aber seinen inneren Werten – Herz und Treue – treu bleibt. Das Bild des Stricks, der hier sonst mit Knechtschaft assoziiert ist, wird paradox als Weg zur Freiheit gedeutet: Der Verrat der Geliebten ist die Voraussetzung für die innere Emanzipation.
Verbindung von Inhalt und Form
Das Gedicht besteht aus zwei Quartetten in Kreuzreim (ABAB), ein formaler Aufbau, der Ordnung und Gegenseitigkeit ausdrückt – passend zur inhaltlich geforderten Reziprozität. Die konsequente metrische Struktur (durchgehend jambisch mit vierhebigem Versmaß) erzeugt eine rhythmische Bestimmtheit, die die entschlossene Haltung des Sprechers stützt.
Die Kadenzen wechseln zwischen männlich und weiblich, was dem Gedicht eine gewisse Spannung verleiht – ähnlich wie die thematische Spannung zwischen Hingabe und Rückzug.
Symbolik und Tiefendimension
»Herz« und »Treue«: Diese klassischen barocken Embleme sind Träger innerer Integrität. Trotz aller äußeren Unbill bleibt das Ich seinem inneren Wert treu – ein Verweis auf stoische Selbstbeherrschung und das barocke Ideal der Konstanz.
»Fremdes Joch« / »Strick«: Diese metaphorischen Ausdrücke verweisen auf Zwangsverhältnisse. Die Liebe, wenn sie nicht frei erwidert wird, gerät zur Fessel – ein Bild, das bis in mystische Theologien hineinreicht, wo Bindung ohne Liebe als geistiger Tod galt.
»Freyheit«: Überraschend ist die Wendung, dass der Verrat der Geliebten zur Befreiung führt. Dies spielt auf eine seelische Autonomie an, die trotz enttäuschter Liebe gewahrt bleibt – und verweist auf das barocke Ideal, sich über das Irdische zu erheben.
»Gelück und Himmel hasset«: Hier zeigt sich die barocke Vanitas-Stimmung – das Misstrauen gegenüber dem irdischen Glück. Doch im Gegensatz zur Resignation behauptet sich das Herz des Sprechers im Bewusstsein seiner Integrität.
Bezug zur Epoche / zum Autor
Hans Aßmann von Abschatz (1646–1699) war ein bedeutender Vertreter der zweiten Schlesischen Schule – eine Dichtergeneration, die nach dem Dreißigjährigen Krieg versuchte, durch literarische und rhetorische Mittel der zerrissenen Welt Sinn und Form zu verleihen. Seine Lyrik ist vom barocken Spannungsverhältnis zwischen Innerlichkeit und äußerem Zerfall, Liebe und Tod, Treue und Eitelkeit geprägt.
Das Gedicht ist paradigmatisch für den barocken Liebesdiskurs: Liebe wird nicht nur als Gefühl, sondern als ethisch begründete Verpflichtung verstanden – und damit auch als Raum für Selbstbehauptung. Abschatz‘ dichterische Sprache bewegt sich dabei stets in einem Spannungsfeld zwischen höfischer Konvention und existenzieller Tiefe.
Relevanz und Aktualität
Auch wenn die Rhetorik des Gedichts stark barock geprägt ist, ist das Grundthema zeitlos aktuell: Die Forderung nach authentischer, gegenseitiger Liebe und der selbstbewusste Rückzug, wenn diese nicht erwidert wird, spricht moderne Vorstellungen von emotionaler Selbstachtung und Beziehungsautonomie an.
Die Bereitschaft, sich ganz hinzugeben, aber ebenso entschlossen zurückzutreten, wenn diese Ganzhingabe nicht gespiegelt wird, ist eine Haltung, die auch in heutigen Diskursen über emotionale Abhängigkeit, toxische Beziehungen und persönliche Grenzen eine Rolle spielt.
Zudem ist das paradoxe Motiv der »Freiheit durch Trennung« hochaktuell in einer Zeit, in der Selbstfürsorge als Bestandteil von Liebesbeziehungen zunehmend thematisiert wird.
Fazit
Hans Aßmann von Abschatz hat mit »Mein allein / oder laß es gar seyn?« ein prägnantes, barockes Liebesgedicht geschaffen, das die fundamentale Forderung nach Reziprozität, Treue und Selbstachtung in dichterischer Form ausdrückt. Die kunstvolle Verbindung von Form und Inhalt, die dichte Symbolik und die moralische Ernsthaftigkeit machen das Gedicht zu einem zeitübergreifenden Dokument emotionaler Selbstbehauptung.

Schreibe einen Kommentar