Auff Demant und Rubin/ auff Rosen und Narcissen

Hans Aßmann von Abschatz

Auff ihren Nahmens-Tag

Auff Demant und Rubin/ auff Rosen und Narcissen/1
Soll billig meine Hand ein Lied2
Zu setzen heute seyn bemüht;3
Nichts will in solcher Eil aus meiner Feder flüssen/4
Nichts fället mir für Freuden bey/5
Das Amaranthens würdig sey.6
Nimm/ Nimphe/ gütig an das Opffer treuer Hände:7
Wer wenig/ aber willig giebt/8
Ist bey den Göttern auch beliebt.9
Auff Jahre sonder Ziel/ auff Glücke sonder Ende10
Ist zu Bezeugung seiner Pflicht11
Silvanders treuer Wunsch gericht.12

Analyse – Verse 1-12

1 Auff Demant und Rubin/ auff Rosen und Narcissen/
Abschatz eröffnet das Gedicht mit einer barocken Häufung kostbarer und symbolträchtiger Dinge: »Demant« (Diamant) und »Rubin« stehen für unvergängliche, kostbare Werte, für Festigkeit und Glanz; »Rosen« und »Narcissen« verweisen auf Schönheit, Blüte und Vergänglichkeit zugleich. Diese Verbindung ist typisch barock: der Glanz des Ewigen (Edelsteine) wird mit der Zartheit und zeitlichen Begrenztheit der Blume kontrastiert. Die wiederholte Präposition »auff« ist ein rhetorisches Anaphermittel, das das Loblied gleichsam »aufbaut« und die Aufmerksamkeit auf die Würdigung des Adressaten lenkt. Schon hier wird deutlich, dass der Namenstag als Anlass eine Verbindung von kostbarer Dauer und vergänglicher Schönheit darstellt.
2 Soll billig meine Hand ein Lied
Das lyrische Ich tritt nun explizit auf: Die »Hand« steht pars pro toto für den Dichter selbst, der zum Schreiben ansetzt. »Billig« ist im 17. Jahrhundert nicht im modernen Sinne »preiswert« zu verstehen, sondern bedeutet »angemessen, gebührend, gerecht«. Damit betont Abschatz, dass es nicht nur ein persönlicher Wunsch, sondern eine moralische Pflicht ist, ein Gedicht zu verfassen – so wie man einer wertvollen Person am Namenstag gebührend zu ehren hat. Der Gedanke der Angemessenheit (decorum) ist ein zentraler Topos barocker Gelegenheitsdichtung.
3 Zu setzen heute seyn bemüht;
Hier wird das Bild des »Setzens« verwendet, was sowohl das Niederschreiben als auch das kunstvolle Anordnen (wie ein Setzen von Edelsteinen oder Blumen) meint. Das Gedicht selbst wird also metaphorisch als Schmuckstück begriffen, das der gefeierten Person dargebracht wird. Das »bemüht« unterstreicht höfische Demut: Der Dichter präsentiert sich als Diener der Ehre der Adressatin/des Adressaten, wobei die Selbstbescheidung zugleich ein rhetorisches Mittel ist, um die Bedeutung des Gegenübers zu steigern. Die zeitliche Verankerung »heute« verleiht dem Werk zusätzlich den Charakter eines festlich-ritualisierten Augenblicks.
4 Nichts will in solcher Eil aus meiner Feder flüssen
Der Sprecher eröffnet hier mit einer selbstironischen Klage: Angesichts des besonderen Anlasses – der Feier des Namenstags einer Dame – kommt der dichterische Ausdruck ins Stocken. »In solcher Eil« deutet auf die Dringlichkeit und Erwartung hin, in kürzester Zeit etwas Festliches, Angemessenes zu Papier zu bringen. Der Ausdruck »aus meiner Feder flüssen« ist ein poetisches Bild für den spontanen, inspirierten Schreibfluss. Das paradoxe Moment liegt darin, dass gerade im Moment der Freude und Festlichkeit die Feder versagt. Barocktypisch wird damit das Thema acedia poetica (eine Art dichterischer Hemmung) inszeniert, das zugleich Bescheidenheit und Wertschätzung ausdrückt: Das Thema sei zu erhaben, um »im Vorübergehen« abgehandelt zu werden.
5 Nichts fället mir für Freuden bey
Hier steigert sich die Aussage aus Vers 4: Nicht nur fehlt es an sprachlicher Flüssigkeit, sondern es stellt sich auch kein »Einfall« ein, der der Freude des Anlasses entspräche. Das Wort »beyfallen« oder »für … beyfallen« hat im Barock die Bedeutung »einfallen, sich einstellen«. Das doppelte »Nichts« in den Versen 4 und 5 ist eine rhetorische Figur der Wiederholung (Anapher), die die poetische Sprachlosigkeit betont. Gleichzeitig wirkt diese Bekundung als captatio benevolentiae: Der Dichter inszeniert sich als überwältigt von der Würde des Gefeierten, was die Komplimentwirkung verstärkt.
6 Das Amaranthens würdig sey.
Der Satz schließt die Gedankeneinheit: Selbst wenn ein Gedanke käme, müsste er so erhaben sein, dass er »des Amaranths würdig« wäre. Die »Amaranthen« sind eine barocke Blumensymbolik für Unvergänglichkeit, ewige Schönheit und Tugend (die Amarantblume galt in der Emblematik als nie verwelkend). Sie steht hier als Chiffre für die unverwelkliche Würde oder Tugend der Angesprochenen. Der Dichter impliziert damit: Kein gewöhnliches Lob, keine alltägliche Formulierung kann diesem Symbol gerecht werden – nur etwas ebenso Unvergängliches wie die Tugend selbst. So verbindet sich die poetische Sprachlosigkeit mit einer Erhöhung der Person: Die Überfülle der Verehrung sprengt den Rahmen des Sagbaren.
7 Nimm/ Nimphe/ gütig an das Opffer treuer Hände:
Hier spricht das lyrische Ich die Adressatin, eine »Nimphe«, an – ein barockes Galanterie-Motiv, das die Geliebte in den mythologischen Rang einer göttlich-natürlichen Gestalt erhebt. Die »Nimphe« ist nicht nur Schönheitsträgerin, sondern steht zugleich für Reinheit, Gunst und inspirierende Kraft. Das »Opffer treuer Hände« deutet auf eine symbolische Gabe hin, die nicht materiell im Vordergrund steht, sondern durch Treue und innere Gesinnung geadelt wird. Das »gütig annehmen« verweist auf den höfischen Topos der benignitas, der gnädigen Aufnahme einer Gunstbezeugung. Schon hier wird eine moralische Akzentsetzung spürbar: Die Gabe ist Ausdruck von Hingabe und nicht bloß von äußerlichem Prunk.
8 Wer wenig/ aber willig giebt/
Dieser Vers verschiebt den Fokus vom Empfangen hin zu einer allgemeinen Sentenz. Das »wenig« steht für materiellen oder quantitativen Mangel, das »willig« dagegen für die Fülle im Herzen und im Willen. Im barocken Kontext ist dies eine kleine Umwertung: Nicht die Größe des Geschenks ist entscheidend, sondern die Freiwilligkeit und Aufrichtigkeit der Gabe. Hier klingt die antike und christliche Tradition an – von Ciceros De officiis bis hin zu paulinischen Gedanken (»Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb«, 2 Kor 9,7). Es wird eine ethische Maxime ausgesprochen, die den Wert der inneren Haltung über die äußere Pracht stellt.
9 Ist bey den Göttern auch beliebt.
Die Sentenz schließt mit einer mythischen Beglaubigung: Auch »die Götter« schätzen jene, die mit freiem und gutem Willen schenken, selbst wenn das Gegebene gering ist. Hier wirkt die antike religiöse Formel im barocken Gewand – in der römischen Religion wie auch in homerischer Tradition ist das animus wichtiger als das Ausmaß der Opfergabe. Zugleich deutet sich eine höfische Spiegelung an: Die Adressatin – als »Nimphe« – wird in eine Reihe mit göttlichen Wesen gestellt, deren Urteil über die Gabe entscheidend ist. Dadurch wird die Wertschätzung der Willigkeit poetisch verstärkt.
10 Auff Jahre sonder Ziel/ auff Glücke sonder Ende
Dieser Vers eröffnet den Schlussteil des Gedichts mit einer typisch barocken Hyperbel: Die Glückwünsche gelten nicht nur für ein bestimmtes Lebensjahr, sondern für eine unendliche Zeitspanne (»Jahre sonder Ziel«). Das Motiv der Zeitlosigkeit verweist auf eine idealisierte, beinahe überirdische Beständigkeit des Glücks. »Glücke sonder Ende« steigert dies nochmals und verleiht den Wünschen einen eschatologischen Beiklang: Die Gunst des Schicksals soll ewig währen. Damit wird nicht nur höfische Galanterie betrieben, sondern auch der barocke Topos der Überbietung sichtbar – man kann nichts Höheres wünschen, als etwas ohne zeitliche oder qualitative Begrenzung.
11 Ist zu Bezeugung seiner Pflicht
Hier tritt der Sprecher (in der Rolle des »Silvander«) deutlich in Erscheinung. Der Glückwunsch ist nicht bloß Ausdruck einer spontanen Sympathie, sondern eine »Pflicht«. Das verweist auf die gesellschaftliche Struktur höfischer Kommunikation: Zwischen Untergebenem oder Verehrer und der geehrten Person besteht ein Verhältnis, in dem Dankbarkeit, Loyalität oder Devotion erwartet werden. Die Formulierung »zu Bezeugung« legt nahe, dass dieser poetische Akt selbst ein Beweis, ein feierlicher Akt der Loyalität ist – das Gedicht fungiert als performativer Beweis dieser Bindung.
12 Silvanders treuer Wunsch gericht.
Mit »Silvander« bezeichnet sich der Dichter nach dem galanten, oft arkadisch geprägten Brauch mit einem Schäfernamen. Das ist ein Topos der Barockpoesie, insbesondere in Anlehnung an die bukolische Tradition (Theokrit, Vergil, Marinismus im 17. Jh.). Der »treue Wunsch« trägt den Charakter persönlicher Verbundenheit und beständigen Wohlwollens. Der Name wirkt zugleich verschleiernd und schmückend: In der höfischen Dichtung dient die pseudonyme Selbstinszenierung dazu, die persönliche Beziehung in ein ästhetisches, allegorisches Kleid zu hüllen. Die letzte Zeile schließt so das Gedicht mit einer Betonung von Treue, Kontinuität und kunstvoller Selbststilisierung.

Gesamtaufbau

Form
Das Gedicht besteht aus einem einzigen Strophenblock von 12 Versen, die inhaltlich in zwei Hauptteile gegliedert sind:
V. 1–6: Einleitender Bildteil, in dem wertvolle und schöne Natur- und Edelsteinmotive (Demant, Rubin, Rosen, Narcissen, Amaranth) als Maßstab und Sinnbild für die Würde des Festes und der Geehrten verwendet werden.
V. 7–12: Übergang in die direkte Anrede und Widmung, in der die Gabe – das Gedicht selbst – als Opfer »treuer Hände« charakterisiert wird, verbunden mit der Hoffnung auf göttliche Billigung und einem abschließenden Wunsch für das Glück der Adressatin.
Metrisch folgt das Gedicht keinem streng gleichförmigen, festen Versmaß wie etwa einem Sonett, sondern ist in gereimten Paar- und umarmenden Reimen locker gebaut. Das Reimschema lässt sich in etwa so erfassen: a b b a c c d e e f g g, wobei die Binnenreime und die teilweise variierende Verslänge einen eher freien, aber dennoch kunstvoll geordneten Klang erzeugen. Diese leichte Variation ist typisch für Gelegenheitsgedichte, in denen der Tonfall festlich, aber nicht streng formgebunden sein muss.
Sprachlich arbeitet der Text mit der für den Barock charakteristischen Mischung aus konkreten Dingen (Edelsteine, Blumen) und allegorischen, teils mythologischen Anspielungen (Nymphe, Amaranth, Götter). Der Amaranth als unvergängliche Blume steht hier für unsterbliche Ehre und dauerhafte Zuneigung, passend zur Feier des Namens- oder Ehrentages.
1. Lobende Bildwelt (V. 1–6):
Die ersten Verse sind eine Preisung, die mit kostbaren Stoffen und floralen Motiven beginnt. Der Sprecher sucht nach einem angemessenen poetischen »Material« für die Feier. Der Höhepunkt ist die Nennung des Amaranths, der nicht nur ein besonders kostbares Gewächs symbolisiert, sondern in der barocken Emblematik für Unsterblichkeit und ewige Treue steht. Hier wird schon klar, dass das Gedicht selbst als solche »Blume« fungieren will.
2. Widmung und Opfergabe (V. 7–9):
Es folgt die direkte Anrede an die »Nimphe«, eine konventionalisierte Bezeichnung für die Dame, deren Namenstag gefeiert wird. Das Gedicht wird als »Opffer treuer Hände« präsentiert. Die Betonung liegt auf der Freiwilligkeit und Herzlichkeit der Gabe – eine antike Sentenz wird paraphrasiert: »Wer wenig, aber willig gibt, ist bei den Göttern auch beliebt.« Dadurch erhebt der Dichter sein Werk trotz seiner Kürze in einen Bereich der moralischen Würde.
3. Abschluss mit Segenswunsch (V. 10–12):
Die letzten drei Verse weiten den Blick ins Unendliche: Jahre »sonder Ziel« und Glück »sonder Ende« werden der Adressatin gewünscht. Der Sprecher nennt sich selbst »Silvander« – ein poetisches Pseudonym –, womit das Gedicht einen autorisierenden Schlusspunkt erhält. Es ist nicht nur eine Danksagung, sondern ein förmlicher, in der höfischen Gesellschaft erwarteter Akt der poetischen Huldigung.
Fazit
Insgesamt zeigt der Text den typischen barocken Komplimentierstil: Verbindung von Sinnenfülle (Edelsteine, Blumen), mythologischer Anspielung (Nymphe, Götter), moralischer Maxime (Wert der Willigkeit über materiellen Reichtum) und einer finalen Ausrichtung auf Ewigkeit (Amaranth, endloses Glück). Das Gedicht folgt damit der höfischen Kommunikationsform, in der Dichtung selbst als wertvolle Gabe verstanden wird – eine ars donandi in Versform.
Gesamt-inhaltliche Deutung
Das lyrische Ich eröffnet mit einer Reihe kostbarer Natur- und Edelsteinbilder: Diamant, Rubin, Rose, Narzisse (V. 1). Diese stehen für Schönheit, Wert, Reinheit und Pracht – alles Eigenschaften, die der Dame zugeschrieben werden, aber auch Symbole für die hohe Wertschätzung, die ihr entgegengebracht wird. Die Verse 2–3 formulieren den Vorsatz, zu Ehren der Frau ein Gedicht zu verfassen.
Doch in den Versen 4–6 tritt eine barocke Bescheidenheitstopik auf: Der Dichter betont, dass ihm nichts hinreichend Erfreuliches und Würdiges (»des Amaranthens würdig«) einfällt. Die Amarantblume, in der barocken Symbolik Zeichen ewiger Schönheit und Unvergänglichkeit, übersteigt offenbar die Ausdruckskraft der menschlichen Sprache. Dies ist ein bewusstes Understatement, ein rhetorisches Mittel, das die Größe des Besungenen indirekt steigert.
Die Verse 7–9 wenden sich direkt an die »Nimphe« – eine mythologische Anrede für die Dame, die zugleich sie erhöht und in einen idealisierten, fast göttlichen Bereich rückt. Das Gedicht selbst wird als »Opffer treuer Hände« dargestellt: ein symbolisches Geschenk, das zwar materiell gering, aber aus aufrichtiger Gesinnung gegeben wird. Hier klingt das antike wie christliche Motiv an, dass der Wert eines Geschenks nicht in seiner Größe, sondern in der aufrichtigen Absicht liegt (»Wer wenig, aber willig gibt, ist bey den Göttern auch beliebt«).
In den letzten drei Versen (10–12) wird der Glückwunsch in die Zukunft ausgedehnt: »Auff Jahre sonder Ziel, auff Glücke sonder Ende« – ein hyperbolischer, unendlicher Wunsch, der das Fest in eine Dimension der Dauer und Ewigkeit überführt. Der Absender des Gedichts, »Silvander« (offenbar ein poetisches Pseudonym des Dichters), bekräftigt damit die Unverbrüchlichkeit seiner Treue und Pflicht.
Zusammenfassend:
Das Gedicht ist ein kunstvoller, in der barocken Rhetorik verankerter Festtagsgruß, der Elemente von höfischer Komplimentkunst, mythologischer Anspielung und religiös grundierter Tugendvorstellung vereint. Der Text lebt von der Spannung zwischen dem behaupteten Unvermögen, die Dame angemessen zu besingen, und der gleichzeitig kunstvoll ausgestalteten Lobrede. Durch kostbare Natur- und Edelsteinmetaphern, mythologische Adressierung und hyperbolische Zukunftswünsche steigert sich der poetische Glückwunsch zu einer emphatischen und galanten Liebes- bzw. Verehrungsgeste.
Symbolische Tiefenstruktur
1. Symbolik der Edelsteine und Blumen (Vers 1–2)
»Demant«, »Rubin«, »Rosen« und »Narcissen« sind nicht nur Zeichen von Schönheit und Kostbarkeit, sondern im barocken Weltbild Träger einer moralisch-ästhetischen Codierung. Der Diamant (Demant) steht für Unvergänglichkeit und Reinheit, der Rubin für glühende Liebe und königliche Würde, die Rose für Schönheit und Vergänglichkeit, die Narzisse für Selbsterkenntnis (aber auch Selbstverliebtheit). In der Konstellation entsteht ein Spannungsfeld zwischen zeitlosen Werten (Demant, Rubin) und vergänglichen Reizen (Rose, Narzisse) – ein klassischer barocker Dualismus zwischen Ewigkeit und Zeitlichkeit.
2. Kunst als Opfergabe (Vers 2–3)
Das »Lied« wird nicht als bloße Unterhaltung, sondern als kultische Geste verstanden – ein »Opffer« im Sinne einer geistigen Gabe. Das entspricht der barocken Auffassung, dass Poesie nicht nur ästhetisch, sondern auch moralisch und sozial eingebunden ist: Lob- und Festgedichte erfüllen eine Pflicht im höfischen Netzwerk und besitzen zugleich den Charakter einer sakralen Weihegabe.
3. Bewusstsein der Eile und Flüchtigkeit (Vers 4–5)
Die Betonung, dass »in solcher Eil« nichts aus der Feder »flüssen« will, verweist auf das Bewusstsein des Dichters, dass wahre Schönheit und Wert oft unter Zeitdruck nicht voll entfaltet werden können. Doch gerade diese Einschränkung macht das Gedicht zu einer Reflexion über die Begrenztheit menschlicher Leistung gegenüber der Größe des Anlasses – eine Form barocker humilitas.
4. Amaranth als Ideal der Unvergänglichkeit (Vers 6)
Die »Amaranth«-Blume symbolisiert in der Antike und im Barock ewige Blüte und Unsterblichkeit. Indem der Sprecher sagt, nichts sei »des Amaranthens würdig«, gesteht er ein, dass die Gabe – das Gedicht – der idealen, unvergänglichen Schönheit nicht völlig entsprechen kann. Hier klingt die barocke Skepsis gegenüber menschlicher Kunst an, die stets hinter dem himmlischen Ideal zurückbleibt.
5. Willigkeit vor Quantität (Vers 7–9)
»Wer wenig, aber willig giebt, ist bey den Göttern auch beliebt« – dies ist eine ethische Maxime, die sich auf antike wie christliche Werte stützt. Sie erinnert an das Gleichnis von der armen Witwe (Markus 12,41–44), die trotz geringer materieller Gabe höher geschätzt wird, weil sie aus ganzem Herzen gibt. Im höfischen Kontext bedeutet das: nicht die Größe der materiellen Zuwendung, sondern die Lauterkeit der Gesinnung zählt.
6. Ewigkeitsperspektive (Vers 10–12)
»Auff Jahre sonder Ziel, auff Glücke sonder Ende« – die Formel öffnet den Zeithorizont ins Unendliche. Hier verbindet sich höfischer Festtagswunsch mit einer metaphysischen Dimension: Glück und Gedeihen sollen nicht nur diesseitig, sondern auch jenseitig gelten. Die Figur »Silvander« (lyrisches Ich in Schäferpoesie) bezeugt damit seine pietas, also treue Pflichterfüllung, die im barocken Weltbild sowohl sozial (der Dame gegenüber) als auch kosmisch (dem göttlichen Ordnungsplan gegenüber) verankert ist.
Gesamtphilosophische Tiefendimensionen:
Das Gedicht oszilliert zwischen höfischem Lobgedicht und moralisch-philosophischer Miniatur. Es verknüpft barocke Schlüsselthemen:
Vanitas und Ewigkeit – durch die Gegenüberstellung vergänglicher Blumen und unvergänglicher Edelsteine/Amaranth.
Humilitas – das Eingeständnis der Unzulänglichkeit der eigenen Gabe.
Opfergedanke – Kunst als kultische und moralische Handlung, die auf innere Gesinnung zielt.
Ethik des Willens – das Primat des guten Willens vor materieller Größe.
Höfische Pflicht und metaphysische Dimension – das Festtagslob wird in den Horizont unendlicher Jahre und Glückseligkeit gestellt, wodurch es aus dem rein sozialen Anlass in eine kosmische Perspektive übergeht.
Psychologische Tiefeninterpretation
1. Ritualisierte Zuwendung und Projektion der Ideale
Der Sprecher verwendet gleich zu Beginn kostbare und symbolträchtige Dinge – Demant (Diamant), Rubin, Rosen, Narcissen – um die Wertigkeit der Adressatin zu umkreisen. Psychologisch wird hier ein Idealbild der Frau aufgebaut: kostbar, erlesen, selten, und zugleich vergänglich (Rosen, Narcissen). Diese Dualität aus Unvergänglichkeit (Edelsteine) und Vergänglichkeit (Blumen) reflektiert unbewusst das barocke Lebensgefühl zwischen vanitas und Sehnsucht nach Dauer.
2. Selbstinszenierung im Schatten der Eile
Der Sprecher behauptet, »in solcher Eil« schreibe er – eine rhetorische Demutsgeste. Psychologisch ist dies ambivalent: Einerseits stellt er sich als spontaner, leidenschaftlich bewegter Gratulant dar, andererseits ist es ein Schutzmechanismus gegen mögliche Kritik (»Ich konnte nicht mehr ausarbeiten, aber meine Absicht zählt«). Die »Eile« erzeugt Nähe und Lebendigkeit, ohne dass der Text seine Künstlichkeit verliert.
3. Die Leerstelle des perfekten Geschenks
In den Versen 5–6 wird eingeräumt, dass »nichts« einfällt, was des »Amaranthens« würdig wäre. Der Amaranth ist in der Barockzeit Symbol für Unsterblichkeit und Tugend. Psychologisch gesehen offenbart der Sprecher hier einen Moment der Unterlegenheit: er findet kein Geschenk, das dem Idealbild der Frau standhält. Dieses Eingeständnis wirkt ehrlich, ist aber zugleich Teil einer galanten Dramaturgie – die Wertlosigkeit des Geschenks hebt paradoxerweise den Wert der Adressatin umso mehr hervor.
4. Die Opfer-Metapher als Bindungsinstrument
Das »Opffer treuer Hände« ist ein religiös aufgeladenes Bild. Psychologisch bedeutet es: der Sprecher stellt seine Zuwendung in den Rahmen von Weihe und Hingabe, womit er emotionale Tiefe suggeriert und zugleich einen moralischen Anspruch erhebt – das Geschenk (und damit er selbst) ist nicht nur höflich, sondern sakral legitimiert.
5. Wenig geben – viel Bedeutung
»Wer wenig, aber willig gibt« stellt den psychologischen Drehpunkt dar: Hier wird das eigene Defizit (das Geschenk ist nicht kostbar materiell) zu einer Tugend umgedeutet. Das ist ein klassischer Mechanismus der Selbstwertrettung: Das Motiv der guten Absicht wird über das quantitative Maß gestellt. Zugleich projiziert der Sprecher dies auf eine mythische Ebene (»bei den Göttern auch beliebt«), wodurch die Nymphe indirekt in den Kreis göttlicher Anerkennung aufgenommen wird – eine subtile Schmeichelei.
6. Die Utopie der Dauer
Die letzten Verse (auff Jahre sonder Ziel / auff Glücke sonder Ende) öffnen einen zeitlosen Horizont. Psychologisch ist dies die Übersteigerung des Augenblicks ins Unendliche, ein barockes Bedürfnis nach Beständigkeit gegen die Erfahrung der Vergänglichkeit. Hier klingt auch die Hoffnung an, dass die Beziehung zwischen Sprecher und Adressatin (welcher Art sie auch sei) nicht nur im höfischen Ritual verankert bleibt, sondern in einer ideellen Ewigkeit fortbesteht.
7. Subtile Rollenverhandlung
Indem der Sprecher sich selbst als »Silvander« bezeichnet (ein literarisches Schäfer-Alter Ego), verschiebt er die Szene in einen poetischen Spielraum. Psychologisch erlaubt diese Maskierung, Emotionen und Wünsche zu äußern, die im direkten höfischen Kontakt zu riskant wären. Die Schäferfigur kann leidenschaftlich, treu und unterlegen zugleich sein – ohne dass dies im gesellschaftlichen Kontext kompromittierend wirkt.
Fazit der psychologischen Tiefenschicht
Das Gedicht ist eine geschickte Mischung aus Selbstdarstellung, Demutsgeste und idealisierender Überhöhung. Es arbeitet mit klassischen barocken Gegensätzen (Vergänglichkeit/Unvergänglichkeit, Armut/Reichtum des Geschenks, Realität/Utopie) und verhandelt dabei subtil Macht und Nähe zwischen Mann und Frau. Hinter der höfischen Eleganz steht eine psychologische Dynamik von Bewunderung, leichtem Selbstschutz und der Sehnsucht, den flüchtigen Moment des Glückwunschs in eine Form von Unsterblichkeit zu verwandeln.
Rhetorische und stilistische Mittel
1. Anapher und Parallelismus
Bereits der Beginn (»Auff Demant und Rubin/ auff Rosen und Narcissen«) wiederholt die Präposition auff und reiht kostbare Edelsteine und Blumen parallel auf. Dies erzeugt einen festlichen, wertsteigernden Klang und unterstreicht den hohen Wert des Lobes.
2. Metaphorik des Kostbaren und Floralen
Edelsteine (Demant, Rubin) und Blumen (Rosen, Narcissen, Amaranth) stehen als metaphorische Wertträger für Schönheit, Reinheit, Kostbarkeit und Dauer. Besonders der Amaranth gilt im Barock als Sinnbild ewiger Schönheit und Unvergänglichkeit.
3. Höfische Anrede und mythologische Topik
Die »Nimphe« wird in mythischer Rollenbezeichnung angeredet – eine Stilisierung der Adressatin zur Idealgestalt, was typisch für die höfische Komplimentkultur ist.
4. Topos des bescheidenen Gebens
In den Versen 7–9 erscheint der aus der Antike stammende Gedanke, dass auch ein kleines Geschenk von großem Wert sein kann, wenn es mit guter Gesinnung gegeben wird (»Wer wenig/ aber willig giebt / Ist bey den Göttern auch beliebt«). Dieser moralische Topos verbindet das Lob mit einer ethischen Tugendvorstellung.
5. Hymnischer Gestus
Der Aufbau und die Häufung positiver Attribute (»auff Jahre sonder Ziel/ auff Glücke sonder Ende«) steigern die Gratulation ins Grenzenlose und erzeugen einen überschwänglichen, hymnischen Tonfall.
6. Hyperbel und Ewigkeitstopos
Die Wendungen »sonder Ziel« und »sonder Ende« sind hyperbolische Übersteigerungen, wie sie im Barock üblich sind, um Treue und Wunschintensität ins Unendliche auszuweiten.
7. Kunstvolle Periodenstruktur
Trotz der Kürze ist der Text stark syntaktisch verschränkt – mit Einschüben und Verlaufsstrukturen, die den Fluss verzögern und den feierlichen Charakter erhöhen.
8. Klangfiguren
Assonanzen und Alliterationen (»Nimm / Nimphe«, »Glücke sonder Ende«) tragen zur Musikalität bei, was für Gelegenheitsgedichte im höfischen Kontext wichtig war.
9. Selbstreflexion des Dichters
Gleich zu Beginn betont der Sprecher sein eigenes Bemühen (»Soll billig meine Hand ein Lied / zu setzen …«), was das Geschenk nicht nur materiell, sondern auch als Werk der Kunst definiert.
Analyse der galanten Strategie
1. Edelstein- und Blumensymbolik als höfische Wertsteigerung
Der Einstieg mit »Demant und Rubin« (Diamant und Rubin) sowie »Rosen und Narcissen« folgt einer doppelten rhetorischen Strategie:
Wertmetaphern (Demant, Rubin) stellen den materiellen Hochwert dar.
Schönheitsmetaphern (Rosen, Narcissen) dienen der ästhetischen und sinnlichen Erhöhung.
Dadurch wird die Dame in eine Sphäre sowohl kostbarer Seltenheit als auch vollkommener Natur erhoben. Der Galant gibt vor, die gewählte Person sei der Inbegriff von beidem.
2. Selbstbescheidung als galanter Kunstgriff
In Versen 2–6 betont das lyrische Ich, dass es »in solcher Eil« nichts Angemessenes zu Papier bringen könne, das des »Amaranthens« würdig sei. Der Amaranth als Symbol der Unvergänglichkeit verweist auf die überzeitliche Schönheit und Tugend der Adressatin.
Dieses scheinbare Defizit (»mir fällt nichts ein, das würdig sei«) ist nicht Ausdruck tatsächlicher Ratlosigkeit, sondern eine rhetorische captatio benevolentiae – eine Bescheidenheitspose, die die Größe der Beschenkten hervorhebt, indem das eigene Werk als zu gering erscheint.
3. Opfermetaphorik und antike Legitimation
Die Wendung »Opffer treuer Hände« (V. 7) rückt die Dichtung in den Bereich eines kultischen Geschenks. Das Gedicht wird zum Opfergabe-Äquivalent, womit die Gabe selbst sakral aufgewertet wird.
Der Bezug auf »die Götter« (V. 8–9) verleiht der Szene einen mythologischen Rahmen. In der barocken Galanterie dient die Antike als eleganter Distanzraum: Das private Kompliment wird in einen quasi-zeitlosen, mythischen Horizont gehoben.
4. Kleine Gabe, große Liebe
Die Formel »Wer wenig, aber willig giebt« ist ein Kernmoment galanter Rhetorik: Das Geschenk (hier das Gedicht) mag materiell gering sein, doch sein Wert liegt in der Freiwilligkeit, Treue und Absicht. Damit wird eine moralische Währung eingeführt, die das poetische Werk aufwertet, obwohl es real »nur« Worte sind.
5. Hyperbolische Wunschformel als Abschluss
Der Schluss (V. 10–12) setzt die Segenswünsche »auff Jahre sonder Ziel, auff Glücke sonder Ende« ein. Solche Endlosformeln gehören zum festen Inventar barocker Gratulationspoetik und zielen auf die Überbietung des Alltäglichen: Das Glück der Dame soll jenseits jeder Begrenzung bestehen.
Der Sprecher (»Silvander«) signiert zugleich in galantem Schäferstil – das Pseudonym verortet den Dichter in einer pastoralen, idealisierten Liebeswelt, wie sie seit der französischen préciosité modisch war.
Strategische Gesamtwirkung
Das Gedicht ist kein privates, spontanes Liebesbekenntnis, sondern ein gesellschaftlich codiertes Ritual. Es bedient höfische Erwartungsmuster:
1. Hohe Wertmetaphern (Edelstein, Blume, Amaranth) steigern den Rang der Adressatin.
2. Bescheidenheitstopos lenkt den Fokus auf die Größe der Empfängerin.
3. Opfer- und Antikenbezug gibt der Szene ein kultisch-ehrwürdiges Gepräge.
4. Tugend der Willigkeit legitimiert kleine Gaben im großen sozialen Spiel.
5. Überbietende Wunschformeln sichern den positiven Affektabschluss.
So wird die galante Strategie zu einer balancierten Mischung aus Unterwerfung und Erhöhung, bei der das lyrische Ich durch Selbsterniedrigung zugleich die eigene kultivierte Empfindsamkeit und soziale Gewandtheit inszeniert.
Poetische Selbstpositionierung und barocke Bescheidenheitsformel
Die Verse 2–4 (»Soll billig meine Hand ein Lied / … / Nichts will in solcher Eil aus meiner Feder flüssen«) inszenieren eine Spannung zwischen Pflicht und Inspiration. Der Sprecher behauptet, nichts besonders Hervorragendes schreiben zu können (»Nichts fället mir … Das Amaranthens würdig sey«), was der barocken modestia entspricht: ein rhetorischer Kniff, um die eigene Gabe umso wertvoller erscheinen zu lassen. Dieses »Bescheidenheitstopos« ist zugleich ein sozialer Code, der dem Adressaten signalisiert: Der poetische Gruß ist spontan und aus dem Herzen geboren — nicht kalkuliert.
Florale Symbolik und Unsterblichkeitsmetaphorik
Die Eröffnung (V. 1: »Auff Demant und Rubin / auff Rosen und Narcissen«) reiht kostbare Edelsteine und Blumen auf. Diese sind in der Emblematik des 17. Jahrhunderts nicht bloß Schmuckbilder, sondern Träger moralischer und emotionaler Werte:
Demant: Beständigkeit, Reinheit, Unzerbrechlichkeit (häufig Chiffre für unerschütterliche Treue).
Rubin: Leidenschaft, königliche Würde, Herzenswärme.
Rose: Schönheit, Vergänglichkeit und Liebe.
Narzisse: Selbstbezug, aber auch Frühlingsanfang und zartes Erwachen.
Das Ziel: die Adressatin durch diese Attribute indirekt zu charakterisieren — sie ist schön wie die Rose, edel wie der Rubin, beständig wie der Demant.
Besonders aufschlussreich ist das Amaranth in V. 6: eine mythische Blume, die nicht verwelkt, Symbol für Unsterblichkeit und ewige Erinnerung. Damit ragt die Würdigung über den flüchtigen Anlass hinaus.
Höfische Ökonomie der Gabe
In V. 7–9 (»Wer wenig/ aber willig giebt / Ist bey den Göttern auch beliebt«) erscheint ein zweites barockes Motiv: die Qualität der Gabe wird nicht an ihrer materiellen Größe gemessen, sondern an der voluntas des Gebenden. Das spielt auf ein antikes und christliches Motiv an (vgl. die arme Witwe im Evangelium, die alles gab, was sie hatte). Gleichzeitig betont es den »reinen« Charakter der poetischen Offerte — die Gabe ist geistig-symbolisch, nicht materiell.
Zeit- und Glücksmetaphorik
Die Schlussverse (V. 10–12) greifen eine barock-typische Doppelstruktur von tempus und fortuna auf:
»Auff Jahre sonder Ziel« evoziert zeitliche Unendlichkeit,
»auff Glücke sonder Ende« verweist auf ein perpetuelles, von Zufall ungetrübtes Glück.
Beides zusammen ist Ausdruck einer utopischen Wunschformel — die Zeit, die normalerweise im Barock als memento mori erfahren wird, wird hier in eine positive Endlosigkeit umgedeutet. Das ist eine Ausnahme im sonst so vanitasgeprägten Barockton, passt aber zum festlichen Anlass.
Subtextueller Gehalt
Unter der höfischen Oberfläche lässt sich folgendes erkennen:
Codierte Liebesanmutung: Die Betonung der Edelsteine, Blumen und ewigen Blüten trägt eine private, vielleicht zärtliche Unterströmung, die hinter der offiziellen Huldigung verborgen bleiben muss.
Poetische Selbstdarstellung: Der Sprecher konstruiert sich als empfindsam, bescheiden und treu, was im höfischen Kontext selbst eine Form der Selbstwerbung ist.
Verschränkung von Pflicht und Affekt: Der Anlass verpflichtet (Name-Tag), die Darstellung aber behauptet Spontaneität und inneren Drang — so entsteht der Eindruck einer »freiwilligen Pflichtgabe«.
Barockes Spiel mit Vergänglichkeit: Obwohl der Tod im Text nicht explizit erscheint, schwingt in der Wahl der floralen und symbolischen Bilder der Gedanke mit, dass wahre Werte nur in der Verbindung von Schönheit und Beständigkeit bestehen. Das Amaranth ist hier das geheime Gegengewicht zur vergänglichen Rose.
Edelstein- und Blütensymbolik als Wert- und Tugendallegorie
Die Eröffnung mit »Demant und Rubin« stellt einen klassischen Einstieg in die hierarchische Wertordnung barocker Emblematik dar:
Demant (Diamant) steht in der frühneuzeitlichen Symbolsprache für Unzerbrechlichkeit, Treue und Unvergänglichkeit. Er ist der »König« der Edelsteine, mit einer Aura der Unverlierbarkeit und metaphysischen Reinheit.
Rubin symbolisiert Leidenschaft, königliche Würde und Lebenswärme, oft mit Blut und Herz assoziiert. In der Emblematik bedeutet die Verbindung von Diamant und Rubin die Vereinigung von konstanter Tugend (Demant) und inniger Liebe (Rubin) – eine Wertsteigerung, die auf die angesprochene Nymphe projiziert wird.
Die darauf folgenden »Rosen und Narcissen« verlagern die Wertdimension von Mineralischem ins Florale.
Rose: In der Renaissance- und Barocksymbolik vielfach ein Emblem für Schönheit, Liebe, aber auch Vergänglichkeit (sub rosa als Zeichen des Geheimen, im Kontext von Festgedichten aber als Prachtblume).
Narzisse: Doppelbödig – einerseits Frühjahrsblüte und Schönheitssymbol, andererseits mythologisch verknüpft mit Narziss, also Selbstbetrachtung und Liebesleid. In der höfischen Dichtung kann er, positiv gewendet, auch für jugendliche Anmut und frische Blüte stehen.
Die Kombination von Edelstein- und Blumensymbolen ist typisch barock: Der Dichter setzt das Dauerhafte (Edelstein) gegen das Flüchtige (Blüte) und deutet so auf eine Überbietung – die besungene Dame ist dieser irdischen Herrlichkeiten würdig, aber nicht von ihnen abhängig.
Der Amaranth als Emblem der Unsterblichkeit
In Vers 5–6 tritt der Amaranth auf, eine emblematische Pflanze, die in der frühneuzeitlichen Blumensprache für Unsterblichkeit und ewige Schönheit steht. Anders als Rose oder Narzisse welkt er nicht (Name vom griechischen ἀμάραντος, »nicht verwelkend«).
In der Bildlogik steigert sich die Wertordnung:
Edelstein (irdische Dauer)
Blüte (vergängliche Schönheit)
Amaranth (überirdische, ewige Schönheit)
Diese Rangfolge folgt der barocken Trias »natura – ars – aeternitas«: Naturpracht wird durch Kunst (das Gedicht) sublimiert und auf eine ewige, göttlich legitimierte Ebene gehoben.
Kultisches Schenken und göttliche Ökonomie
Mit »Opffer treuer Hände« (Vers 7) tritt eine zweite emblematische Ebene hinzu: die des kultisch-rituellen Geschenks. In der höfischen Emblematik ist das Opfer kein Verlust, sondern ein Akt der Wertsteigerung, der den Schenkenden in eine höhere Beziehung zu Gottheit oder Herrschaft versetzt.
Der Topos »wer wenig, aber willig giebt, ist bey den Göttern beliebt« (Vers 8–9) entstammt der antiken Morallehre und wird in barocker Lyrik zu einer theologischen wie politischen Maxime: Nicht der materielle Wert zählt, sondern die Gesinnung. Hier verschränkt sich christliche Caritas mit klassischer Virtus.
Zeit- und Glückswünsche in unendlicher Ausdehnung
Die Schlusspassage »auff Jahre sonder Ziel, auff Glücke sonder Ende« (Vers 10) ist barocke Hyperbel in Reinform. Zeit und Glück werden nicht nur gewünscht, sondern in der Rhetorik ins Unendliche gesteigert. Das entspricht der barocken Kunst, Begrenztes (das Leben der Dame) in unbegrenzte Sphären (Ewigkeit, kosmisches Glück) zu projizieren.
Kunsthistorisch erinnert diese Struktur an Emblembücher, in denen das motto (»Glücke sonder Ende«) durch eine Bildszene (Amaranth, Sonnenlauf, ewige Flamme) visualisiert wird.
Die Unendlichkeit ist hier keine abstrakte Idee, sondern wird bildhaft durch die Symbolkette (Edelstein – Blume – Amaranth – Götter – Zeitlosigkeit) verankert.
Emblematische Tiefenschicht: Komposition als »Hierarchie der Gaben«
Die Bild- und Symbolstruktur folgt einer klaren Aufstiegschoreographie:
1. Kostbare, aber endliche Materie (Demant, Rubin) – repräsentiert weltlichen Glanz.
2. Vergängliche, sinnliche Schönheit (Rose, Narzisse) – betont Jugend und Anmut.
3. Unvergängliche Schönheit (Amaranth) – hebt das Lob in die Sphäre des Überzeitlichen.
4. Rituelles Opfer – bindet die Gabe an göttliche Gunst.
5. Ewige Zeit und Glück – vollendet das Loblied in der Dimension der Unendlichkeit.
Diese Hierarchie der Gaben ist nicht nur poetischer Schmuck, sondern folgt der barocken Kunstauffassung, dass wahre Pracht darin liegt, alles Irdische zu transzendieren und das Bildhafte in den Bereich des Ewigen zu führen.
Allegorisch-theologische Tiefenstruktur
1. Florale Symbolik als Tugendmetapher
Die Eröffnung mit »Demant und Rubin, Rosen und Narcissen« ist nicht nur ein Schmuckmotiv, sondern verweist auf eine geistliche Werteskala.
Demant (Diamant) steht im christlich-allegorischen Sinn für Standhaftigkeit, Unzerbrechlichkeit und die Unüberwindbarkeit der Tugend vor Sünde.
Rubin symbolisiert in mittelalterlicher Farbsymbolik die göttliche Liebe und das Blut Christi.
Rose gilt in der Marienverehrung als Emblem der Reinheit und vollkommenen Liebe, aber auch als Hinweis auf die »Rosa mystica« – Christus selbst oder seine Mutter.
Narcissen tragen eine doppelte Bedeutung: einerseits Frühlingsblume der Wiedergeburt und Auferstehung, andererseits im antiken Mythos Symbol für Selbstbespiegelung – hier vermutlich durch den Kontext »aufwertend« umgedeutet, als Reinheit und Aufblühen der Seele.
Die Aufzählung der Blumen ist also eine Komposition von Tugenden (Standhaftigkeit, göttliche Liebe, Reinheit, erneuertes Leben), womit die Dame nicht nur als höfische Schönheit, sondern als Spiegel einer idealisierten christlichen Tugendwelt erscheint.
2. Amaranth als Bild ewiger Unvergänglichkeit
In Vers 5–6 wird explizit das »Amaranthen«-Motiv eingeführt. Der Amaranth ist in der christlichen Allegorese die Blume der Unsterblichkeit und der himmlischen Glorie (vgl. Offenbarung 2,7: »Baum des Lebens«). Im Gegensatz zu Rosen oder Narzissen, die welken, verweist der Amaranth auf die himmlische Sphäre, wo Schönheit und Tugend ewig währen. Abschatz’ lyrisches Ich erkennt damit an, dass nur das Unvergängliche des Himmels der Dame wirklich angemessen wäre – ein Hinweis auf die übernatürliche Dimension ihrer Würde.
3. Opfergabe und kultischer Unterton
Vers 7 spricht von einem »Opffer treuer Hände«. Das ist kein bloßes Geschenk, sondern rhetorisch ein kultisches Opfer. In der antiken wie christlichen Tradition ist das Opfer eine Geste der Hingabe, die Beziehung zwischen Mensch und Gott oder – in der höfischen Transposition – zwischen Dichter und verehrter Dame begründet. Das Gedicht wird so zum quasi-liturgischen Akt: die Worte selbst sind Opfergaben.
4. Wenig, aber willig – das Motiv der Herzensgesinnung
In Vers 8–9 tritt ein theologischer Gedanke in den Vordergrund: »Wer wenig, aber willig gibt, ist bei den Göttern auch beliebt.« Das entspricht dem biblischen Motiv (Markus 12,41–44) vom Scherflein der Witwe: nicht die materielle Größe, sondern die innere Aufrichtigkeit des Gebers zählt. Abschatz transponiert diesen Topos in ein höfisches Kompliment, doch die zugrunde liegende Moral ist universell-christlich.
5. Zeit- und Glückswunsch in Ewigkeitsperspektive
Die Segensformel in Vers 10–12 – »auff Jahre sonder Ziel, auff Glücke sonder Ende« – bewegt sich bewusst im Bereich des Unendlichen. Das »sonder Ziel« (ohne Ende) evoziert die Ewigkeit, und »Glücke sonder Ende« ist eine Variation der theologischen Formel für die ewige Seligkeit. Damit wird die Dame nicht nur in irdischem Glück, sondern im eschatologischen Sinn gesegnet. »Silvanders treuer Wunsch« ist so nicht nur weltlich-höfisch, sondern lässt sich als geistliches Segensgebet deuten.
6. Mythologisch-christliche Doppelkodierung
Die Anrede »Nimphe« (Vers 7) verweist auf die antike Mythologie, ist aber im Barock oft allegorisch verschränkt mit christlicher Heiligen- oder Marienikonographie. Die Dame wird so zugleich als göttlich inspirierte Muse und als quasi-heilige Figur gezeichnet – eine Doppelcodierung, die typisch für die synkretistische Barockdichtung ist.
Zusammenfassend
Das Gedicht entfaltet eine dichte Bildwelt, in der höfische Galanterie, antike Mythologie und christliche Symbolik verschmolzen sind. Die Dame erscheint als Inkarnation von Tugend, Reinheit und ewiger Schönheit, wobei jedes Detail – von Edelstein bis Amaranth – eine geistlich-moralische Dimension trägt. Die Geste des lyrischen Ichs ist nicht nur ein Kompliment, sondern eine kultisch aufgeladene Handlung: Das Gedicht selbst wird zum Opfer, das den Anspruch erhebt, im »ewigen« Bereich Geltung zu haben.

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