Hans Aßmann von Abschatz
An diesem wilden Ort/ auff dieser rauhen Spitze/1
Wo stille Lufft/ wo Sonn und Sommer Gäste seyn/2
Wo ich für Frost halb todt bey lauher Asche sitze/3
Begeh ich doch mit Lust des werthen Tages Schein.4
Ein Lied/ ein schlechter Reim soll meine Nimphe binden:5
Geschenke/ die ihr werth/ sind um kein Geld zu finden.6
–
Verzeihe mir/ im Fall nicht gutte Reimen flüssen/7
Ein grobes Holtz vertritt der zarten Feder Amt/8
Der Schnee ist mein Papir/ doch zeuget mein Gewissen/9
Daß dieser kurtze Wunsch aus reinem Hertzen stammt.10
Des Himmels Gunst laß ihn im Winter auch bekleiben/11
Und einen gutten Wind zu deiner Wohnung treiben!12
–
Es müsse so viel Lust dein edles Hertz erfreuen/13
Als mein Gemütte Schmertz und Trauren in sich hegt!14
Es müsse so viel Glück und Wohlfart dich beschneyen/15
Als dieser hohe Berg gefrorne Tropffen trägt.16
Es kan dir nimmermehr so wohl und glücklich gehen/17
Daß mein getreuer Wunsch dabey wird stille stehen.18
Analyse – Strophe I Verse 1-6
1 An diesem wilden Ort/ auff dieser rauhen Spitze/
Der Sprecher lokalisiert sich in einer extremen, unwirtlichen Landschaft — »wilder Ort« und »rauh\[e] Spitze« lassen an eine exponierte, felsige Höhe denken. Topographisch wird hier ein Bild der Einsamkeit und Abgeschiedenheit entworfen, das barocke Grundmotive wie vanitas (Vergänglichkeit) und solitudo (bewusste Zurückgezogenheit) vorbereitet. Der Ort ist nicht nur geographisch, sondern auch seelisch »spitz«, unbequem und abweisend, was eine innere Spannung ankündigt.
2 Wo stille Lufft/ wo Sonn und Sommer Gäste seyn/
Das lyrische Ich setzt nun einen Kontrast: Trotz der Wildheit herrscht »stille Lufft« — ein Zustand der Ruhe oder sogar der Erstarrung. Sonne und Sommer werden als »Gäste« bezeichnet, was poetisch markiert, dass sie hier nicht heimisch sind, sondern nur sporadisch erscheinen. Das deutet auf eine prinzipielle Kargheit oder Kälte des Ortes hin, in dem Wärme und Leben Ausnahmen bleiben. Auch klingt hier eine barocke Weltsicht an: alles Irdische, selbst Freude und Licht, verweilen nur flüchtig.
3 Wo ich für Frost halb todt bey lauher Asche sitze/
Die persönliche Erfahrung des Dichters wird körperlich: »für Frost halb todt« veranschaulicht einen Zustand zwischen Leben und Erstarrung. Die »lauhe Asche« verweist auf erloschenes Feuer — Symbol für vergehende Leidenschaft, verblichene Lebenskraft oder das Nachglühen vergangener Wärme. Der Gegensatz von »lau« (lauwarm) und »Frost« verdichtet die Ambivalenz: der Ort bietet gerade genug Wärme, um das Leben nicht ganz erlöschen zu lassen, aber nicht genug, um es zu beleben.
4 Begeh ich doch mit Lust des werthen Tages Schein.
Trotz widriger Umstände empfindet das lyrische Ich Freude (»mit Lust«) am »werthen Tages Schein«. Das »doch« ist hier zentral: es markiert den paradoxen Affekt, dass Schönheit und Freude auch in Härte und Kälte erfahrbar sind. Der »Schein« kann doppeldeutig gelesen werden: als physisches Tageslicht und als barockes Scheinmotiv (Glanz, der nicht Substanz ist). Damit deutet sich eine tiefe barocke Dialektik an: das Leben ist zugleich karg und kostbar, unwirtlich und erhellend.
5 Ein Lied/ ein schlechter Reim soll meine Nimphe binden:
Der Sprecher kündigt an, dass er mit einem Gedicht – ausdrücklich als »schlechter Reim« bezeichnet – seine »Nimphe« binden möchte. Die »Nimphe« ist hier nicht wörtlich die mythologische Naturgottheit, sondern eine galante Chiffre für eine Geliebte oder verehrte Dame. Der Ausdruck »binden« ist doppeldeutig: Zum einen meint er die gefühlvolle Bindung durch Zuneigung oder Treue, zum anderen trägt er spielerisch den Unterton des galanten »Einfangens« einer Frau im höfischen Werbespiel. Das Selbstabwertende (»schlechter Reim«) ist Teil des barocken Topos der modestia: Der Dichter gibt vor, sein Werk sei bescheiden und unvollkommen, um umso mehr den Eindruck von Aufrichtigkeit und natürlicher Empfindung zu erwecken. Gleichzeitig spielt diese »falsche Bescheidenheit« mit dem Bewusstsein, dass Poesie im galanten Milieu durchaus ein probates Mittel der Liebeswerbung ist.
6 Geschenke/ die ihr werth/ sind um kein Geld zu finden.
Hier kontrastiert der Sprecher das materielle Geschenk mit dem immateriellen Wert der Dichtung. Er behauptet, dass Geschenke, die der »Nimphe« wirklich würdig sind, nicht käuflich zu erwerben seien. Damit rückt er sein Lied – so unvollkommen er es im vorigen Vers genannt hat – in den Rang eines unbezahlbaren Gutes, das nur aus persönlicher Hingabe und geistiger Kreativität entstehen kann. Im barocken Werbekontext hat dies zwei Dimensionen: Zum einen erhebt er das poetische Werk über die bloße materielle Gabe (Gold, Schmuck, kostbare Stoffe), zum anderen stellt er damit eine moralische und affektive Qualität heraus – wahre Wertschätzung lässt sich nicht in Münzen messen. Diese Betonung des ideellen Werts verweist zugleich auf die galante Kultur des 17. Jahrhunderts, in der geistreiches Spiel, Komplimentkunst und literarischer Ausdruck zu den anerkannten »Währungen« der Liebe gehörten.
Analyse – Strophe II Verse 7-12
7 Verzeihe mir / im Fall nicht gutte Reimen flüssen /
Hier beginnt der Dichter mit einer demütigen Anrede an den Adressaten des Gedichts. Das »Verzeihe mir« ist ein klassischer Topos der barocken Bescheidenheitstopik (modestia), in der der Autor seine dichterischen Fähigkeiten herabsetzt. »Im Fall« bedeutet »für den Fall«, »falls« – also: wenn die Reime nicht »gut fließen«. Das Bild vom »Fließen« ist ein poetologisches, es bezeichnet die Anmut und Leichtigkeit des Versmaßes. Bereits hier deutet sich an, dass die Form nicht Selbstzweck ist, sondern der innere Gehalt über die reine Kunstfertigkeit hinaus im Zentrum steht.
8 Ein grobes Holtz vertritt der zarten Feder Amt /
Das »grobe Holtz« ist ein Bild für ein ungeschicktes, vielleicht unbeholfenes Ausdrucksmittel, das die »zarte Feder« (das Symbol für poetische Kunst, Feinsinn und Bildung) ersetzen muss. Man kann es auch materiell deuten: Er schreibt nicht mit feinem Schreibgerät auf kostbarem Papier, sondern in widrigen Umständen (vielleicht im Winterlager, auf Reisen, fern von den üblichen Hilfsmitteln). Das Wort »Amt« gibt der »Feder« eine quasi-offizielle, ehrwürdige Rolle: Dichten ist ein Dienst, ein Amt vor der Musenwelt, das er im Moment nur provisorisch erfüllen kann.
9 Der Schnee ist mein Papir / doch zeuget mein Gewissen /
Die Wendung »Der Schnee ist mein Papier« könnte wörtlich und metaphorisch verstanden werden. Wörtlich: Er schreibt unter winterlichen Bedingungen, vielleicht draußen oder in einer kargen Behausung, wo Schnee sichtbar ist. Metaphorisch: Der Schnee steht für Reinheit und Unschuld – also ein passendes Sinnbild für den Ursprung des Wunsches. Dass »das Gewissen zeuget« bedeutet: Sein inneres moralisches Bewusstsein bekräftigt und bezeugt die Aufrichtigkeit seines Anliegens. Die Zeugnismetapher passt gut in den barocken Sprachgebrauch: Das Gewissen als innerer Richter, der die Lauterkeit des Autors bestätigt.
10 Daß dieser kurtze Wunsch aus reinem Hertzen stammt.
Der »kurze Wunsch« verweist auf den schlichten, knappen Inhalt des Gedichts, der nicht mit barocker Wortfülle oder komplexer Form glänzt, sondern auf den Kern reduziert ist. »Reines Hertzen« bringt den moralischen Endpunkt der Strophe: Auch wenn Form, Material und äußere Umstände mangelhaft sind, bleibt die Absicht edel und unverfälscht. Dies ist eine Rückführung auf das barocke Ideal der intentio recta – der reinen, aufrichtigen Absicht – die vor Gott und Menschen höher steht als kunstvolle Äußerlichkeit.
11 Des Himmels Gunst laß ihn im Winter auch bekleiben
Wörtlicher Sinn: Der Sprecher bittet, dass »ihn« (vermutlich eine zuvor genannte Person, vielleicht ein Reisender, Freund oder Geliebter) auch im Winter die »Gunst des Himmels« nicht verlässt. »Bekleiben« ist eine ältere Form für »verbleiben«, »bestehen bleiben«, »fortdauern«.
Bittstruktur: Es handelt sich um eine Wunsch- bzw. Segensformel. Das lyrische Ich tritt hier fast priesterlich-segnend auf und ruft das Wohlwollen einer höheren Macht herbei.
Natur- und Jahreszeitenmetaphorik: Der Winter symbolisiert in der frühneuzeitlichen Lyrik oft nicht nur klimatische Härte, sondern auch Lebensschwierigkeiten, Gefahren oder Prüfungen. Die Bitte um »Gunst« ist somit nicht rein meteorologisch, sondern auch existentiell zu verstehen: Schutz vor Widrigkeiten, auch in Zeiten der Kälte und Dunkelheit des Lebens.
Theologische Untertöne: »Des Himmels Gunst« impliziert in der barocken Konnotation sowohl göttliche Gnade als auch Schicksalsgunst. In einem Zeitalter, in dem Providenzvorstellungen noch stark wirksam sind, verschmelzen religiöse und höfisch-gesellschaftliche Wunschformeln.
12 Und einen gutten Wind zu deiner Wohnung treiben!
Wörtlicher Sinn: Der »gute Wind« soll den Adressaten (oder ein Schiff, auf dem er reist) wohlbehalten zur Wohnung des lyrischen Ichs oder zu seinem eigenen Heim führen. Die nautische Metapher deutet klar auf Reise- oder Fahrtkontext hin.
Metaphorische Ebene: Selbst wenn kein tatsächlicher Schiffskontext vorliegt, ist »guter Wind« in der Barockpoesie ein Bild für günstige Lebensumstände, gottgefügte Führung und beschleunigte Rückkehr zu Sicherheit und Geborgenheit.
Beziehungsdimension: Der Wunsch ist nicht nur allgemeinfreundlich, sondern konkret auf Nähe gerichtet. »Deiner Wohnung« kann bedeuten: zurück zu deinem Heim, aber auch: zurück an den Ort, an dem wir uns begegnen können. In der barocken Brief- und Gedichtkultur schwingt oft beides mit: physische Sicherheit und soziale bzw. emotionale Wiedervereinigung.
Rhetorische Gestalt: Der Vers ist eine Fortführung der Segensbitte aus Vers 11, die sich nun vom Abstrakten (Himmelsgunst) zum Konkreten (günstiger Wind, Heimkehr) entwickelt — eine klassische barocke Stufenführung vom Allgemeinen zum Individuellen.
Analyse – Strophe III Verse 13-18
13 Es müsse so viel Lust dein edles Hertz erfreuen/
Der Sprecher wendet sich in einer Segensformel an eine »edle« Person, vermutlich die Geliebte oder eine hohe Adressatin. »Es müsse« ist hier kein nüchterner Konjunktiv, sondern eine barocke Wunschformel, die den Charakter eines frommen oder feierlichen Gebets hat. Die »Lust« bezeichnet nicht bloß sinnliche Freude, sondern ein idealisiertes Glücksgefühl, das mit dem hohen moralischen Rang des »edlen Herzens« übereinstimmt. Schon hier wird eine Maßstab-Relation vorbereitet: die Intensität der erhofften Freude soll an etwas Gemessenem orientiert sein.
14 Als mein Gemütte Schmertz und Trauren in sich hegt!
Der Vergleich wird nun vollständig: die Größe der gewünschten Freude wird an der eigenen inneren Not gemessen. »Mein Gemütte« verweist auf den Sitz der Empfindungen und der moralisch-geistigen Haltung. »Schmertz und Trauren« ist eine barocktypische Hendiadyoin, die den Seelenzustand verstärkt. Die antithetische Anlage ist deutlich: ihr Glück soll dem Maß seines Leidens entsprechen – ein poetisches Rechenprinzip, das Freude und Leid gegeneinander aufwiegt. Gleichzeitig wirkt die Selbstoffenbarung des Leids als ein impliziter Liebesbeweis, da er die Dimension seines Schmerzes nur nennt, um es als Maß für ihre künftige Freude zu setzen.
15 Es müsse so viel Glück und Wohlfart dich beschneyen/
Die Segensformel wird in einer zweiten Parallelstruktur wiederholt, nun nicht mit »Lust«, sondern mit »Glück und Wohlfart«. Die Verdopplung (»Glück« für das emotionale Wohl, »Wohlfart« für das materielle oder allgemeine Gedeihen) weitet den Wunsch vom Inneren aufs Äußere. Das Verb »beschneyen« ist ein bildkräftiger, heute ungewohnter Ausdruck: Es meint »mit Schnee bedecken«, hier aber im übertragenen Sinn als »reichlich überschütten«. Die Wahl dieses winterlichen Bildes ist nicht zufällig, da sie auf die Naturmetapher im nächsten Vers vorbereitet wird.
16 Als dieser hohe Berg gefrorne Tropffen trägt.
Die Hyperbel erreicht ihren Höhepunkt: das Maß des gewünschten Glücks wird nun an einem grandiosen Naturbild ausgerichtet. Ein »hoher Berg«, gekrönt von »gefrornen Tropffen« (Eis, Schnee, Reif), steht als Sinnbild für Überfülle und Dauerhaftigkeit. Die Metapher verbindet Kälte und Erhabenheit, was auf den ersten Blick paradox wirken kann, da Glück sonst mit Wärme assoziiert wird – hier aber zählt die Quantität und Massivität der »Bedeckung«. Die Bildlogik folgt dem barocken Prinzip, dass Naturgrößen als Maßstab für Überbietungswünsche herangezogen werden. Gleichzeitig schwingt ein Moment von Unnahbarkeit mit: wie der schneebedeckte Berg fern und unberührt bleibt, so bleibt das Ideal des Glücks vielleicht unerreichbar rein.
17 Es kan dir nimmermehr so wohl und glücklich gehen
Wörtlicher Sinn: Der Sprecher sagt dem lyrischen Du, dass es diesem niemals so gut und glücklich gehen könne, dass … – und hier wird durch den folgenden Vers die Bedingung ergänzt.
Sprachlich: »nimmermehr« verstärkt die Verneinung; es bedeutet nicht nur »nie«, sondern »unter keinen Umständen zu irgendeiner Zeit«. »So wohl und glücklich« bildet eine emphatische Doppelung (typisch für den Barock), die sowohl äußeres Wohlergehen (materiell, sozial) als auch inneres Glück (emotional, geistig) umfasst.
Poetische Funktion: Der Sprecher stellt eine Art absolute Regel oder Lebenskonstante auf: Das Glück des Anderen wird niemals in einer bestimmten Hinsicht vollkommen sein. Das klingt zunächst wie eine Einschränkung oder ein »Makelsatz«.
Barocker Kontext: Im Barock war die Vorstellung verbreitet, dass irdisches Glück stets begrenzt und vergänglich ist (»Vanitas«-Motiv). Selbst in Momenten äußerster Freude schleicht sich ein Schatten der Endlichkeit ein. Hier aber scheint der Sprecher nicht das »Glück an sich« zu verneinen, sondern anzudeuten, dass es ohne seine – des Sprechers – innere Beteiligung unvollständig bleibt. Das verschiebt den Ton von metaphysischer Mahnung zu persönlicher Liebesbekundung.
18 Daß mein getreuer Wunsch dabey wird stille stehen.
Wörtlicher Sinn: … dass mein aufrichtiges, treues Wohlwollen dabei unbeteiligt oder inaktiv bliebe. »Stille stehen« heißt hier: ruhen, untätig sein, nicht wirken.
Sprachlich: »getreuer Wunsch« ist eine Formulierung doppelter Loyalität – »getreu« bedeutet sowohl beständig in Zuneigung als auch treu im moralischen Sinn. Es ist kein flüchtiger Gedanke, sondern eine konstante, fast eidgleiche Gesinnung.
Poetische Funktion: Dieser Vers vollendet den Gedanken aus Vers 17: Das Glück des Angesprochenen wird niemals so vollkommen sein, dass der Sprecher es nicht zugleich mitträumte, förderte oder mitempfand. Das bedeutet: Sein Wohlwollen ist untrennbar mit dem Wohl des Anderen verbunden – er ist innerlich stets an dessen Glück beteiligt.
Barocker Kontext: Hier spiegelt sich ein barockes Verständnis von »amor constantissimus« (beständige Liebe) wider, wie es in höfischer Lyrik und Freundschaftsdichtung gepflegt wurde. Selbst wenn der andere Mensch vollkommene äußere Glücksumstände hätte, bliebe der Sprecher in seiner Zuneigung aktiv beteiligt, nicht als Störung, sondern als Teil der Glücksvollendung.
Gesamtdeutung der beiden Verse innerhalb der Strophe:
Der Sprecher formuliert eine paradoxe Zusage: Es gibt keinen Zustand höchsten Glücks für den Anderen, bei dem er – der Sprecher – nicht innerlich mitwirkt. Das ist nicht als Einschränkung, sondern als Liebesbeweis zu verstehen. Sein »getreuer Wunsch« steht niemals still, sondern begleitet das Glück des Anderen immer. In der barocken Rhetorik bedeutet dies eine Verbindung, die über äußere Umstände hinausreicht und selbst in vollkommener Fremderfüllung des Anderen immer präsent bleibt – ähnlich einem Herzschlag, der auch dann weiterschlägt, wenn niemand ihn hört.
Form und Gesamtaufbau
1. Strophengliederung und Versmaß
Das Gedicht besteht aus drei Strophen zu je sechs Versen (insgesamt 18 Verse). Jede Strophe wirkt in sich abgeschlossen, sowohl thematisch als auch syntaktisch. Das metrische Grundgerüst ist ein durchgehender Alexandriner – also ein sechshebiger jambischer Vers mit einer deutlichen Zäsur nach der dritten Hebung. Dieses Versmaß war im 17. Jahrhundert, besonders in der Barockdichtung, beliebt, da es einen feierlich-epigrammatischen Duktus ermöglicht.
Die Reimform ist jeweils Paarreim (aa bb cc), was die Strophen zu geschlossenen Sinn- und Klangblöcken macht. Das gibt dem Text trotz seiner »situativen« Entstehungsszene eine architektonische Festigkeit.
2. Aufbau und inhaltliche Progression
Das Gedicht entwickelt sich in drei klar unterscheidbaren Schritten:
Strophe 1 – Situationsbild und Widmung:
Der Sprecher lokalisiert sich in einer extremen, winterlichen Berglandschaft. Diese Naturbeschreibung ist nicht nur Kulisse, sondern unterstreicht seine Entschlossenheit, auch in widrigsten Umständen an seine »Nimphe« zu denken. Das Motiv des Geschenks (»ein Lied, ein schlechter Reim«) zeigt früh barocke Bescheidenheitsformeln – die Gabe ist immateriell, aber unbezahlbar.
Strophe 2 – Selbstentschuldigung und Reinheit der Intention:
Hier spricht der Dichter eine poetologische Reflexion aus: Die schwierige Umgebung (grobes Holz statt Feder, Schnee statt Papier) entschuldigt formale Schwächen. Gleichzeitig wird der moralische Wert des Gedichts betont – es stammt »aus reinem Hertzen«. Die Strophe schließt mit einem Wunsch, der ausdrücklich als Segensbitte formuliert ist.
Strophe 3 – Segenswünsche und Überbietung:
Der Sprecher steigert seine Zuwendung in der Form von Hyperbeln: Die adressierte Frau möge so viel Freude und Wohlfahrt erfahren, wie er selbst Schmerz erträgt bzw. wie viele gefrorene Tropfen der Berg trägt. Das lyrische Ich erklärt, dass seine guten Wünsche nie zum Stillstand kommen werden – auch wenn äußerlich nicht alles »wohl« ist, bleibt die innere Treue unbeirrbar.
3. Stilistische Charakteristik
Topos der Bescheidenheit: Selbstabwertung der eigenen Dichtung (»schlechter Reim«) und Betonung der Lauterkeit der Absicht sind typisch barocke Rhetorik.
Antithetik: Kälte/Frost vs. Wärme/Liebe, Schmerz vs. Freude, Armut des Ausdrucks vs. Reichtum des Gefühls – das Gedicht lebt vom Gegeneinanderstellen.
Naturmetaphern: Der winterliche Berg ist sowohl konkrete Szenerie als auch Symbol für die Härte der Umstände und die Beständigkeit der Empfindung.
Poetologische Selbstreflexion: Die Erwähnung der schwierigen Schreibbedingungen und der materiellen Armut des »Papiers« zeigt ein Bewusstsein für das Medium selbst.
4. Gesamtwirkung
Das Gedicht ist formal streng, inhaltlich jedoch persönlich gefärbt. Die kompositorische Geschlossenheit der drei Strophen schafft eine symmetrische Steigerung: von der Darstellung des Ortes (Strophe 1) über die Rechtfertigung der Form (Strophe 2) hin zu überreichen Segenswünschen (Strophe 3). Das lyrische Ich erscheint als standhaft, treu und im Gefühl unerschütterlich – selbst in widrigster Umgebung.
Der barocke Alexandrinerrahmen hält die Emotionalität in geordneter Form, wodurch sich eine Spannung zwischen subjektiver Empfindung und objektiver Kunstform ergibt.
Gesamt-inhaltliche Deutung
Der Sprecher befindet sich »an diesem wilden Ort« auf einem kahlen, rauen Berggipfel, umgeben von Winter, Frost und Stille. Die Natur wird als abgeschieden und lebensarm gezeichnet: Sonne und Sommer sind hier nur »Gäste«, also seltene Erscheinungen. Inmitten dieser lebensfeindlichen Szenerie sitzt der Sprecher bei kaum wärmender Asche, halb erfroren – und doch ist sein Blick nicht trüb, sondern auf die Freude am »werthen Tages Schein« gerichtet. Die äußere Kälte kontrastiert mit einer inneren Glut: der Zuwendung zu einer »Nimphe«, einer idealisierten Geliebten oder Muse.
Das »Lied« oder der »schlechte Reim« sind nicht als makellose Kunst, sondern als authentische Gabe gemeint – ein Geschenk, das nicht mit Geld zu erkaufen ist. Schon hier klingt eine barocke Bescheidenheitstopik an: Die Dichtung entschuldigt ihre formale Unvollkommenheit, betont aber zugleich den hohen Wert ihrer Aufrichtigkeit.
In der zweiten Strophe intensiviert sich diese Selbstdarstellung: Das Schreiben geschieht unter extremen Bedingungen – ein »grobes Holtz« dient als Feder, Schnee als Papier. Die äußere Improvisation wird zum Bild dafür, dass wahre Zuneigung nicht auf äußeren Luxus angewiesen ist. Der »kurze Wunsch« an die Nymphe sei rein und von Herzen. Der Sprecher bittet um göttliche Gunst, damit sein Wunsch im »Winter« bestehen möge und sicher zur Geliebten gelange – getragen vom »gutten Wind«. Hier verschränkt sich die Liebesbotschaft mit einem fast segensartigen, frommen Unterton.
Die dritte Strophe bringt den Höhepunkt: Es werden Wunschformeln in übersteigerter barocker Bildsprache aufgestellt. Die Geliebte möge so viel Freude erfahren, wie der Sprecher Schmerz und Trauer trägt; so viel Glück möge sie umhüllen, wie der Berg gefrorene Tropfen trägt. Die hyperbolische Naturmetaphorik unterstreicht die Intensität der Gefühle. Der Schlussvers hebt nochmals die Unbedingtheit der Zuneigung hervor: Es könne ihr gar nicht so gut gehen, dass sein treuer Wunsch nicht mitwirke – seine Anteilnahme ist unverbrüchlich.
Insgesamt ist das Gedicht ein barocker Gelegenheitsgruß aus widriger Lage, der aus der Spannung zwischen äußerer Kälte und innerer Wärme lebt. Es vereint Naturbeschreibung, galantes Kompliment und moralische Aufrichtigkeit. Die Landschaft wird nicht nur als Hintergrund, sondern als rhetorische Verstärkung genutzt: Je kälter und unwirtlicher der Ort, desto leuchtender erscheinen die Empfindungen. Die Sprache ist reich an höfischen Topoi – Selbstbescheidung des Dichters, Überbietung in Wünschen, Verwendung von Natur als Quantitätsmaßstab –, was typisch für die galante Poesie des 17. Jahrhunderts ist.
1. Naturraum als Bühne barocker Selbstverortung
Das Gedicht eröffnet mit einer typischen barocken Naturtopographie: der »wilde Ort« und die »raue Spitze« markieren eine Landschaft von Erhabenheit und Entbehrung. Solche Orte dienen im Barock nicht nur der malerischen Schilderung, sondern sind Projektionsflächen für existentielle und spirituelle Empfindungen. Die »stille Luft« und die »Gäste« Sonne und Sommer kontrastieren mit der körperlichen Kälte des lyrischen Ichs (»für Frost halb todt«). Dieses Nebeneinander von Schönheit und Unbill spiegelt die barocke Lebensauffassung contradictio in adiecto – die Gleichzeitigkeit von Anmut und Leid, oft als Vanitas-Motiv ausgelegt.
2. Gelegenheitsgedicht und höfische Kultur
Das lyrische Ich verfasst unter widrigen Umständen ein Lied als Geschenk für eine »Nimphe«. Die Nymphe kann in der höfischen Dichtung sowohl eine reale Dame (Adressatin eines Galanteriegedichts) als auch eine poetische Chiffre für ideale Schönheit, Tugend oder Geliebte sein. Dass »Geschenke… um kein Geld zu finden« seien, entspricht der barocken Wertschätzung immaterieller, aus dem Herzen kommender Gaben – ein Motiv, das in höfischen und galanten Gedichten häufig gegen die nüchterne Warenlogik gesetzt wird. Hier verknüpft sich die persönliche Hingabe mit dem sozialen Ritual des Dichtens als Zueignung.
3. Barocke Rhetorik und Selbstrelativierung
Das Eingeständnis möglicher dichterischer Unzulänglichkeit (»Verzeihe mir… nicht gutte Reimen«) ist ein rhetorischer Topos der modestia, mit dem der Autor sein Werk bescheiden einführt, um es im selben Atemzug durch die Bekräftigung der Lauterkeit (»aus reinem Hertzen«) moralisch zu erhöhen. Das grobe Holz, das die zarte Feder vertritt, und der Schnee als »Papir« sind typische ingenium-Figuren, in denen poetische Einfälle mit den gegenwärtigen Umständen verbunden werden. Diese Naturmaterialien als Schreibgrund erzeugen zugleich ein Bild flüchtiger Dichtung – Schnee schmilzt, ebenso wie das geschriebene Wort im Wandel der Zeit vergeht.
4. Wintersymbolik und Wunschpoesie
Die zweite Hälfte der Dichtung kulminiert in Segenswünschen für die Adressatin. Dabei wird das Wintermotiv ambivalent eingesetzt: einerseits ist er Inbegriff der Kälte und Entbehrung, andererseits wird er zum Träger einer positiven Quantitätsmetapher (»so viel Glück… als dieser hohe Berg gefrorne Tropffen trägt«). Die Überfülle an Schnee wird zur Überfülle an Wohlergehen, wodurch das harsche Naturbild ins Gegenteil verkehrt wird. Das ist ein typischer barocker Kunstgriff: negative Naturgegebenheiten werden in poetische Fülle transformiert, oft mit hyperbolischem Maßstab.
5. Vanitas, Fortuna und barocker Affekt
Auch wenn das Gedicht in der Form eines Gelegenheits- und Komplimentgedichts steht, schwingt eine tiefere barocke Dimension mit. Der Winter, der Frost, die Vergänglichkeit des Schnees sind latente Vanitas-Symbole, die hier zwar nicht explizit mit dem Tod verbunden, aber doch im Hintergrund präsent sind. Gleichzeitig ist der Gedanke der Fortuna spürbar – das Schicksal möge günstige Winde bringen, möge Glück »beschneyen«. Damit steht die Dichtung im Spannungsfeld von persönlichem Affekt (Schmerz, Trauer, Freude) und der barocken Weltsicht, dass alles Glück im Fluss ist und menschliches Handeln es nur begrenzt steuern kann.
6. Form und Klang im barocken Stil
Die Verse zeigen eine gereimte Paardichtung mit flüssigem Rhythmus, typisch für die höfische Barockpoesie, die auf klare Gliederung und wohlgefügte Reimpaare setzt. Die bildliche Sprache ist von Antithesen (Frost/Wärme, Lust/Schmerz) durchzogen, ein Lieblingsverfahren barocker Dichter. Das Gedicht bewegt sich zwischen empfindsamer Selbstdarstellung und kunstvoller Überhöhung der Adressatin – eine Balance, die für galante Barocklyrik charakteristisch ist.
Philosophische Tiefendimensionen
Hans Aßmann von Abschatz’ Gedicht entfaltet trotz seiner schlichten Form eine bemerkenswerte Tiefenschicht, in der barocke Topoi, existenzielle Erfahrung und eine poetische Selbstreflexion ineinandergreifen. Die drei Strophen führen den Leser von der Selbstverortung in einer unwirtlichen, winterlichen Natur über die Reflexion der poetischen Mittel bis hin zur Übertragung des eigenen Mangels in eine reiche Wunschformel für die Adressatin.
1. Topos der extremen Gegensätze (Lust und Entbehrung)
Das Gedicht lebt aus der barocken Polarität: der Sprecher sitzt »für Frost halb todt« und genießt doch »mit Lust« den Schein des Tages. Diese Verschränkung von Leid und Freude entspricht dem barocken contradictio in re, in dem die Schönheit des Moments gerade im Kontrast zum Schmerz erfahrbar wird. Philosophisch klingt hier eine stoische Haltung an: die äußere Not mindert nicht die innere Zustimmung zum Guten.
2. Natur als Spiegel des inneren Zustands
Die »rauhen Spitzen«, der »Schnee als Papier« und die »lauhe Asche« sind nicht bloße Kulisse, sondern Symbol des inneren Erlebens: Kälte, Entbehrung, Rückzug. Die Topographie wird zu einem seelischen Landschaftsbild, ein barockes correspondentia-Motiv, bei dem Welt und Seele einander spiegeln.
3. Metapoetische Reflexion und Bescheidenheitsformel
Die Selbstabwertung des »schlechten Reims« und des »groben Holtz« anstelle der »zarten Feder« folgt der barocken modestia-Topik: Der Dichter stellt seine Gabe bewusst als gering dar, um sie umso reiner wirken zu lassen. Philosophisch steckt darin die Erkenntnis, dass Wert nicht an äußere Form oder materiellen Glanz gebunden ist, sondern an die Lauterkeit der Intention.
4. Reinheit des Herzens als höchste Legitimation
Der Vers »daß dieser kurtze Wunsch aus reinem Hertzen stammt« enthält eine ethische Setzung: Im Sinne einer platonisch-christlichen Wertordnung ist die Reinheit des Ursprungs höher zu achten als jede äußere Vollkommenheit. Der wahre Wert einer Gabe liegt im inneren Beweggrund.
5. Gabe jenseits des Marktes
»Geschenke, die ihr werth, sind um kein Geld zu finden« verweist auf eine Ökonomie des Herzens, die nicht der Logik des Tausches oder der materiellen Vergütung unterliegt. Das Gedicht bewegt sich damit in einer frühmodernen Reflexion über die Unkäuflichkeit bestimmter Güter (Liebe, Wohlwollen, Freundschaft).
6. Winter als Prüf- und Wahrheitsraum
Der Winter ist nicht nur meteorologische Kulisse, sondern ein Gleichnis für Entbehrung, Läuterung und Unbestechlichkeit. Wer im Winter seine Wünsche ausspricht, tut es fern von Festlichkeit oder Überfluss — hier ist die Ernsthaftigkeit am reinsten. Diese Metapher hat asketisch-mystische Untertöne.
7. Translatio von Schmerz in Wunschfülle
In den letzten Versen erfolgt eine Übertragung: So viel Lust, wie der Sprecher Schmerz kennt, so viel Glück, wie der Berg Eistropfen trägt, soll der Adressatin zuteilwerden. Dies ist eine poetische Umkehrung des Mangels in Fülle — philosophisch eine Geste der Selbstentäußerung, die an christliche Agape erinnert.
8. Unendlichkeit der Zuwendung
Der Schlussvers »Es kan dir nimmermehr so wohl und glücklich gehen, daß mein getreuer Wunsch dabey wird stille stehen« entwirft ein Ideal ewiger, unerschütterlicher Zuwendung. Hier klingt ein Verständnis von Treue an, das unabhängig von äußerer Erfüllung fortbesteht — ein stoisch-christlicher Gedanke der Beharrlichkeit.
9. Barocke Zeit- und Vergänglichkeitswahrnehmung
Unter der Oberfläche weht das barocke memento mori: Das winterliche Szenario, das Bewusstsein der Endlichkeit, der Verweis auf das Hier-und-Jetzt des »werthen Tages« — alles ist durchdrungen von dem Wissen, dass Freude im Angesicht der Kälte und Vergänglichkeit besonders kostbar ist.
Psychologische Tiefeninterpretation
1. Die Bühne der Einsamkeit und Entbehrung (Verse 1–6)
Die erste Strophe verortet den Sprecher an einem »wilden Ort« und einer »rauhen Spitze« – vermutlich eine alpine oder hochgebirgige Szenerie. Psychologisch ist dieser Schauplatz ein Bild für Abgeschiedenheit, vielleicht sogar Selbstexil. »Stille Luft« und »Sonn und Sommer« sind Gäste, d.h. temporäre, kostbare Erscheinungen, die nicht dauerhaft verweilen. Diese Ambivalenz – kurze Momente der Wärme im ansonsten frostigen Raum – spiegelt eine seelische Grundhaltung: das Leben als Abfolge seltener Lichtmomente inmitten einer ansonsten harschen Realität.
Der Sprecher sitzt »halb todt bey lauher Asche« – ein Bild für den Rest einer Wärmequelle, die fast erloschen ist. Innerlich ist dies die Lage eines Menschen, der von einer vergangenen Leidenschaft zehrt, deren Glut kaum noch spürbar ist, aber doch als letzter Hort des Lebensgefühls dient. Trotz dieser widrigen Lage bejaht er »mit Lust« den »werthen Tages Schein« – eine Haltung, die psychologisch einer trotzigen Selbstbehauptung entspricht: Freude wird nicht aus den Umständen, sondern aus der inneren Einstellung geschöpft.
Das angekündigte »Lied« oder der »schlechter Reim« soll die »Nimphe binden«. Hier offenbart sich die eigentliche Triebkraft: die Zuwendung zu einer geliebten Person (die »Nimphe«) ist Motivation und psychologischer Fluchtpunkt. Das Eingeständnis, dass wahre Geschenke »um kein Geld zu finden« seien, markiert den Vorrang immaterieller, seelischer Gaben vor materiellen.
2. Das Bewusstsein der Ausdrucksgrenzen und die Reinheit der Intention (Verse 7–12)
Die zweite Strophe verschiebt den Akzent von der Landschafts- und Stimmungsschilderung hin zur Reflexion über die eigene Ausdrucksfähigkeit. Das »grobe Holtz« als Ersatz für die »zarte Feder« deutet auf die widrigen Umstände des Schreibens hin, aber auch auf das Selbstbild: das Gedicht versteht sich als ungeschliffenes Werkzeug im Vergleich zur idealen Poesie. Der Schnee als »Papir« betont die Vergänglichkeit des Mediums – es ist kein dauerhafter Träger, sondern etwas, das bald zerschmilzt.
Psychologisch lässt sich darin eine tiefe Spannung erkennen: Die Botschaft ist ernst, innig, aufrichtig – aber sie muss durch unzureichende, provisorische Mittel vermittelt werden. Das »Gewissen« des Dichters bezeugt, dass der Wunsch »aus reinem Hertzen stammt«. Dieses Selbstzeugnis hat eine doppelte Funktion: es entschuldigt nicht nur den formalen Mangel, sondern erhebt den Inhalt über jede ästhetische Einschränkung.
Mit der Bitte, »Des Himmels Gunst« möge den Wunsch »im Winter auch bekleiben«, formuliert der Sprecher eine Art geistige Brücke: er möchte, dass seine Sehnsucht nicht nur im warmen Frühling der Emotion, sondern auch in der frostigen Zeit bestehen bleibt. Die Metapher des »guten Winds« als Bote zur Geliebten verweist auf das Bedürfnis nach Kontakt trotz räumlicher Trennung – eine seelische Bewegung gegen die Isolierung.
3. Überbietung des eigenen Schmerzes im Glück der Geliebten (Verse 13–18)
Die dritte Strophe steigert das Anliegen: Das Maß des Glücks, das der Geliebten gewünscht wird, soll proportional zu der Menge an Schmerz sein, die das lyrische Ich empfindet – und damit potenziell grenzenlos. Hier liegt ein psychologischer Schlüssel: der Sprecher misst seine Liebe nicht an Symmetrie, sondern an der Überfülle der Hingabe. Schmerz wird zum Rohstoff, aus dem das Glück der anderen geschmiedet werden soll.
Die Bildlogik intensiviert sich: so wie der Berg von unzähligen »gefrornen Tropffen« bedeckt ist, so soll die Geliebte mit Glück überschüttet werden. Der Frost, der im äußeren Bild als Härte empfunden wird, verwandelt sich in eine Metapher für Fülle – Kälte wird symbolisch in Segen umgedeutet.
Die letzten beiden Verse enthalten eine paradoxe Formulierung: Es könne ihr niemals so gut gehen, »daß mein getreuer Wunsch dabey wird stille stehen«. Psychologisch ist das eine Selbstauslöschung im Dienst der anderen Person: selbst im Fall ihres vollkommenen Glücks würde der Wunsch nicht erlöschen, sondern fortbestehen. Das bedeutet, dass die Liebe hier nicht auf Erfüllung oder Rückgabe zielt, sondern auf permanentes Geben.
Psychologische Tiefendimensionen
1. Ambivalenz zwischen äußerer Kälte und innerer Wärme
Die Landschaft ist eine Spiegelung des inneren Zustands: äußerlich Härte, innerlich ein Rest von Glut.
2. Selbstbehauptung trotz widriger Umstände
Freude wird nicht von der Umgebung diktiert, sondern aus innerer Kraft geschöpft.
3. Bewusstsein eigener Ausdrucksgrenzen
Die Poesie ist unvollkommen, aber die innere Wahrheit des Gefühls rechtfertigt und überstrahlt formale Schwächen.
4. Verwandlung von Mangel in Symbol
Der Schnee als »Papir« und der grobe Ast als Feder werden zu poetischen Signaturen der Authentizität.
5. Liebe als asymmetrische Hingabe
Der Maßstab ist nicht das Gleichgewicht, sondern das Übermaß zugunsten der Geliebten.
6. Umdeutung des Frostes in Segen
Schmerz und Entbehrung werden in Bilder der Fülle transformiert; Leiden wird zur Quelle positiver Energie.
7. Permanenz des Wunsches
Selbst bei Erfüllung bleibt der Wunsch aktiv, was auf eine Liebe verweist, die über konkrete Situationen hinaus in die Ewigkeit zielt.
Rhetorische und stilistische Mittel
Der Einstieg (V. 1–2) nutzt eine topographische Exposition, in der der »wilde Ort« und die »rauhen Spitze« die lebensfeindliche Szenerie eröffnen. Durch Antithese wird Spannung erzeugt: »stille Lufft« und »Sonn und Sommer Gäste seyn« stehen der winterlichen Kälte entgegen. In V. 3 intensiviert die Hyperbel »für Frost halb todt« das Gefühl physischer Not, während »lauhe Asche« ein Bild von unvollkommener Wärme schafft. Dennoch (V. 4) tritt eine Kontrastwendung ein: trotz widriger Umstände empfindet das lyrische Ich »Lust« am »werthen Tages Schein« – ein barocker carpe-diem-Impuls.
In V. 5–6 erscheint das Motiv der poetischen Gabe: »Ein Lied/ ein schlechter Reim« wird der Nymphe dargebracht. Hier wirkt die Litotes (»schlechter Reim«) als demütige Untertreibung, typisch für höfische Selbstinszenierung. Die Pointe, dass »Geschenke… um kein Geld zu finden« sind, betont durch Paradoxie den ideellen Wert der Geste über den materiellen.
Die zweite Strophe beginnt mit einer captatio benevolentiae (V. 7) – die Bitte um Verzeihung für etwaige mangelhafte Reime. Die Formulierung »grobes Holtz vertritt der zarten Feder Amt« (V. 8) ist eine Metapher für die erschwerten Schreibbedingungen in der Natur. »Der Schnee ist mein Papir« (V. 9) stellt eine sinnfällige Allegorie der winterlichen Dichtung dar. V. 10 enthält eine Versicherung der Aufrichtigkeit (ethos-Appell): der Wunsch »aus reinem Hertzen«. Die Verse 11–12 verbinden Personifikation (»Des Himmels Gunst«) mit einem Segenswunsch, wodurch die Winterkulisse auch als Prüfstein der Treue erscheint.
Die dritte Strophe (V. 13–18) steigert die Formelhaftigkeit der Wünsche durch Parallelismus (»Es müsse so viel…« in V. 13 und V. 15), verbunden mit Antithese zwischen der eigenen Trauer (V. 14) und dem ersehnten Glück der Adressatin. Die Bilder »beschneyen« (V. 15) und »gefrorne Tropffen« (V. 16) übertragen die Kälte der Landschaft als metaphorische Quantitätsangabe für Glück und Wohlfahrt – eine Hyperbel, die durch den Vergleich mit dem »hohen Berg« verstärkt wird. Der Schlussvers (V. 18) bindet den Wunsch an ein ewiges Kontinuum: selbst maximales Glück der Geliebten wird den »getreuen Wunsch« nicht zum Schweigen bringen – eine Form von hyperbolischer Treueformel, typisch für die galante Liebeslyrik des 17. Jahrhunderts.
Insgesamt kombiniert das Gedicht barocke Antithetik (Kälte/Wärme, Lust/Schmerz), Naturmetaphorik (Schnee, Berg, Wind, Sonne) und formelhafte Segenswünsche mit selbstironischer Bescheidenheit, um die Liebesbotschaft zugleich kunstvoll wie schlicht erscheinen zu lassen. Dabei wird die äußere Landschaft als Spiegel und Verstärker des inneren Affekts inszeniert – ein rhetorisches Wechselspiel zwischen locus amoenus und locus terribilis.