Angelus Silesius
Sie preist den Namen Jesu
Name voller Güte, 1
Komm in mein Gemüte. 2
Ausgegoßnes Öle, 3
Fließ in meine Seele. 4
Arznei aller Schmerzen, 5
Gib dich meinem Herzen, 6
Denn du bist alleine, 7
Jesu, den ich meine. 8
–
Himmel der Verliebten, 9
Leitstern der Betrübten, 10
Ungeschaffne Sonne, 11
Unerhörte Wonne, 12
Gib, daß deine Strahlen 13
Mich erfreun und malen, 14
Denn du bist alleine, 15
Name, den ich meine. 16
–
Name, schöner Name, 17
Der vom Himmel kame, 18
Name, zuckersüße, 19
Lauter Nektarflüsse, 20
Dem kein Balsam weichet 21
Und kein Ambra gleichet, 22
Name, du alleine 23
Bleibest, den ich meine. 24
–
Name, schön wie Rosen, 25
Wert, stets lieb zu kosen, 26
Name, wie Narzissen, 27
Würdig, stets zu küssen. 28
Name, zart wie Lilgen, 29
Die das Weh vertilgen, 30
Jesu, du alleine 31
Bleibest, den ich meine. 32
–
Name, den ich höre 33
Vor der Engel Chöre, 34
Der mir Jauchzen bringet 35
Und am schönsten klinget, 36
Der mich kann ergötzen 37
Und in Freude setzen, 38
Name, du alleine 39
Bleibest, den ich meine. 40
–
Name, den man preiset, 41
Dem man Dienst erweiset, 42
Dem die Welt sich beuget 43
Und der Himmel neiget. 44
Den, was drunten lebet, 45
Fürchtet und erhebet, 46
Jesu, du alleine 47
Bleibest, den ich meine. 48
–
Name, güldner Name, 49
Reicher Himmelssame, 50
Ewig wird mein Herze, 51
Schönste Königskerze, 52
Dich in sich behalten 53
Und mit dir veralten: 54
Denn du bist alleine, 55
Jesu, den ich meine. 56
Vers-für-Vers Analyse
1 Name voller Güte,
a) Analyse:
Der »Name« Jesu wird angesprochen, nicht direkt die Person, sondern der Name als Träger und Vermittler der göttlichen Gegenwart. In der barocken Frömmigkeit gilt der »Name Jesu« als eine sakramentale Kraftformel, die Heil, Trost und Schutz spendet. »Güte« steht für Barmherzigkeit, Milde und unendliche Zuwendung.
b) Tiefenschau:
Hier klingt die mystische Tradition des Nomens Jesu an, die besonders durch Bernhard von Clairvaux oder die Jesuitische Spiritualität des 17. Jahrhunderts stark gepflegt wurde. Der Name wird als mehr als ein Lautzeichen verstanden: er ist eine Essenz göttlicher Wirksamkeit, ähnlich dem hebräischen »Schem HaMephorasch« (unaussprechlicher Gottesname). Philosophisch-theologisch verweist dies auf die Performativität des Wortes: der Name ist nicht bloß Referenz, sondern Gegenwart selbst.
2 Komm in mein Gemüte.
a) Analyse:
Das lyrische Ich bittet um die innere Einkehr Jesu im eigenen »Gemüt« (Seele, Herz, innerstes Wesen).
b) Tiefenschau:
Hier entfaltet sich die Mystik der Innerlichkeit: das Göttliche soll nicht bloß äußerlich gedacht, sondern innerlich gegenwärtig werden. Das »Gemüt« ist ein frühneuzeitlicher Zentralbegriff für die geistig-seelische Einheit von Vernunft, Wille und Gefühl. Philosophisch erinnert dies an Meister Eckhart: Gott wohnt nicht außen, sondern im Seelengrund.
3 Ausgegoßnes Öle,
a) Analyse:
Ein Bild aus dem Hohenlied Salomos (Hld 1,3: »Dein Name ist wie ausgegossenes Salböl«). Das Öl steht für Heilung, Salbung, Königtum und Heiligung.
b) Tiefenschau:
Das »Öl« verweist auf Sakramentalität: Salbung als Zeichen des Heiligen Geistes. Philosophisch kann man es als Bild für göttliche Energie deuten, die sich über die Seele ergießt. Es verbindet die sinnliche Bildhaftigkeit (Duft, Flüssigkeit, Glanz) mit geistlicher Erfahrung.
4 Fließ in meine Seele.
a) Analyse:
Die vorherige Bildwelt wird dynamisiert: das Öl soll nicht nur symbolisch, sondern real in die Seele eindringen, sie durchdringen und verwandeln.
b) Tiefenschau:
Das Bild des »Fließens« zeigt den Prozesscharakter mystischer Vereinigung: es geht um eine Transformation der menschlichen Seele durch göttliches Einströmen. Philosophisch erinnert dies an neuplatonische Vorstellungen vom Aus- und Rückfluss des Einen: der göttliche Logos ergießt sich in die Seele, die Seele soll diesen Strom aufnehmen.
5 Arznei aller Schmerzen,
a) Analyse:
Jesus (bzw. sein Name) wird als Heilmittel gegen alle Leiden bezeichnet, sowohl körperliche als auch geistig-seelische.
b) Tiefenschau:
Das Christusbild als Arzt der Seele (Christus medicus) ist eine zentrale Tradition von Augustinus bis zur mittelalterlichen Mystik. Theologisch bedeutet dies: die Wunde der Erbsünde, die Leiden der Welt und die persönliche Not finden Heilung im Heil selbst. Philosophisch könnte man darin die Idee einer absoluten »Heilquelle« sehen, die über alle endlichen Therapien hinausgeht.
6 Gib dich meinem Herzen,
a) Analyse:
Das lyrische Ich bittet nun nicht mehr um Bilder (Öl, Arznei), sondern direkt um die Hingabe Christi selbst ans »Herz« als Sitz der Liebe.
b) Tiefenschau:
Es geht um ein personales Sich-Schenken Gottes: das »Du« Jesu tritt stärker hervor. Hier wird ein intimer Liebesdialog sichtbar, ähnlich der Brautmystik des Hohenliedes. Philosophisch lässt sich sagen: das Absolute wird nicht als abstrakter Gedanke erfasst, sondern als konkrete personale Zuwendung.
7 Denn du bist alleine,
a) Analyse:
Jesus wird als einzigartig betont: es gibt keinen anderen Heilbringer, keine Konkurrenz.
b) Tiefenschau:
Hier zeigt sich die radikale Christozentrik der barocken Mystik. Nur Christus ist der Mittler, Arzt, Liebhaber der Seele. Philosophisch verweist dies auf die Exklusivität des Absoluten: das Eine duldet kein Zweites neben sich. Der monotheistische Grundgedanke wird auf Christus konzentriert.
8 Jesu, den ich meine.
a) Analyse:
Die Strophe endet in einer direkten Namensnennung und Bekenntnisformel: Jesus selbst, den das Herz meint, ist der Adressat.
b) Tiefenschau:
Das »meinen« verweist auf intentionalen Vollzug: nicht irgendein Wort, sondern der innere Bezug, die geistige Ausrichtung auf das wahre Du. Philosophisch könnte man sagen: das Mystische ist keine Projektion, sondern eine Intentionalität, die auf das reale Absolute verweist.
Fazit
Die erste Strophe entfaltet ein dichtes Bildgewebe, das um den Namen Jesu kreist. Zunächst wird der Name als Träger göttlicher Güte angerufen; dann wird um seine innere Gegenwart gebeten. Metaphorisch erscheinen das »ausgegossene Öl« und die »Arznei aller Schmerzen«, die die Seele heilen und durchdringen. Schließlich steigert sich der Text zu einer persönlichen Hingabe an das Herz, gipfelnd in der exklusiven Beziehung: »du bist alleine, Jesu, den ich meine.«
Die Strophe zeigt damit den Weg von der objektiven Anrufung (der Name als Güte) über die metaphorische Bildwelt (Öl, Arznei, Fließen) hin zur intimen Vereinigung (Herz, Alleinheit, persönliches Meinen). Theologisch ist das die Bewegung vom Lobpreis über das Sakramentale zum mystischen Einssein. Philosophisch wird das Verhältnis von Zeichen (Name), Substanz (Öl), Wirkung (Arznei) und personaler Präsenz (Jesu selbst) entfaltet – eine kleine Chiffre der barocken Mystik.
9 Himmel der Verliebten,
a) Analyse: Der »Himmel« wird hier metaphorisch auf den Namen Jesu bezogen. Für die Liebenden – gemeint sind die Liebenden Gottes, die Mystiker, die Seelen in brennender Liebe – ist der Name Jesu selbst der Himmel, also höchste Seligkeit und Vollendung.
b) Tiefenschau: Silesius deutet die mystische Gottesliebe als den eigentlichen Himmel, nicht als jenseitigen Ort. Der Himmel ist der Name Jesu selbst – damit wird Jesus nicht bloß als Vermittler verstanden, sondern als die unmittelbare Seligkeit. Dies entspricht einer mystischen Gleichsetzung von Gott mit der Vollendung des Liebesverlangens.
10 Leitstern der Betrübten,
a) Analyse: Das Bild des »Leitsterns« erinnert an den »Stella Maris« (Maria als Stern des Meeres), wird aber hier auf Jesus angewandt. Für die »Betrübten« ist er Orientierung und Trost.
b) Tiefenschau: Der Leitstern ist Christus als Orientierungsmoment der Seele, die sich im Dunkel oder in der Trauer befindet. Philosophisch bedeutet dies: In der existentiellen Verzweiflung (Augustinus: inquietum cor), leuchtet Christus als Sinnzentrum, das Wegweisung gibt. Theologisch knüpft es an johanneische und patristische Tradition an: »Ich bin das Licht der Welt« (Joh 8,12).
11 Ungeschaffne Sonne,
a) Analyse: Christus bzw. sein Name wird als »ungeschaffene Sonne« bezeichnet – eine kosmische Metapher, die zugleich metaphysische Tiefe hat. »Ungeschaffen« verweist auf die Gottheit Christi, die nicht Teil der Schöpfung, sondern Ursprung selbst ist.
b) Tiefenschau: Mystisch betrachtet wird Christus als das wahre Licht, das allem geschaffenen Licht vorangeht. Philosophisch erinnert dies an den Neuplatonismus (Plotin: die Sonne als Sinnbild des Einen) und zugleich an die christologische Lichtmetaphysik des Dionysius Areopagita. Die Sonne ist hier nicht physisch, sondern das ewige, ungewordene Licht Gottes.
12 Unerhörte Wonne,
a) Analyse: Das Paradox »unerhört« verweist auf etwas Überweltliches, das alles menschliche Begreifen übersteigt. Die Freude, die vom Namen Jesu ausgeht, übertrifft jede irdische Erfahrung.
b) Tiefenschau: Hier wird der Gegensatz zwischen transzendenter Seligkeit und irdischer Freude ausgedrückt. »Unerhört« bedeutet nicht nur »nie vernommen«, sondern auch »über alles Hörbare hinaus«. Theologisch: Es geht um die »Freude im Heiligen Geist« (Röm 14,17), die eine übernatürliche Glückseligkeit ist – die Freude Gottes an sich selbst, die dem Liebenden durch Christus eröffnet wird.
13 Gib, daß deine Strahlen
a) Analyse: Der Sprecher bittet um Teilhabe an dieser unerschaffenen Sonne. »Strahlen« sind hier sowohl das Licht Christi als auch Gnade, die von ihm ausgeht.
b) Tiefenschau: Der Strahl ist ein klassisches mystisches Bild (vgl. Meister Eckhart: der »Seelenfunke«). Christus ist die Sonne, der Mensch empfängt nur Strahlen. Philosophisch verweist dies auf Partizipation: die Seele lebt nicht aus sich, sondern im Empfang der göttlichen Emanationen.
14 Mich erfreun und malen,
a) Analyse: Die Strahlen sollen »erfreuen« (innerlich erquicken) und »malen« (d. h. das Bild Christi in die Seele einprägen). Das Bildwort »malen« deutet auf eine Transformation der Seele durch göttliche Gnade.
b) Tiefenschau: Hier ist eine tiefe mystische Theologie enthalten: Die Seele soll durch das göttliche Licht geformt, übermalt, geprägt werden. Man könnte von der imago Dei sprechen, die durch Christus erneuert wird. Philosophisch verweist dies auf den Prozess der deiformitas, die Gleichgestaltung mit Gott.
15 Denn du bist alleine,
a) Analyse: Christus (oder sein Name) wird als einziger Ursprung und Erfüllung bezeichnet. Kein anderes Prinzip, keine andere Kraft kann dieses Heil bewirken.
b) Tiefenschau: Der exklusive Charakter Christi tritt hervor – eine theologische Setzung gegen jede Vielheit. Mystisch bedeutet dies: Nur das Eine (Gott selbst) genügt. Philosophisch: Monismus des höchsten Prinzips; es gibt kein Zweites, das dem göttlichen Licht gleichkommt.
16 Name, den ich meine.
a) Analyse: Die Strophe schließt mit einer Selbstvergewisserung: der Sänger meint immer nur den Namen Jesu, auf ihn läuft die ganze Anrufung hinaus.
b) Tiefenschau: Der Name ist hier nicht nur eine Bezeichnung, sondern trägt die Gegenwart Christi selbst in sich (theologische Tradition: der Name Jesu ist Kraft, Gegenwart und Heil). Mystisch gesehen ist der Name performativ: ihn zu sprechen ist Teilhabe an seiner Wirksamkeit.
Fazit
Die zweite Strophe entfaltet ein mystisches Lob des Namens Jesu in einer dichten Metaphorik von Kosmos und Licht: Himmel, Leitstern, Sonne, Strahlen. Diese Bilder bewegen sich zwischen orientierendem Licht (für die Betrübten), kosmischer Quelle (ungeschaffene Sonne) und innerer Transformation (Strahlen, die die Seele »malen«). Die Spannung von Transzendenz (»unerhörte Wonne«) und Immanenz (die Strahlen wirken direkt in der Seele) wird aufgehoben im mystischen Vollzug: der Name Jesu ist nicht Symbol, sondern unmittelbare Gegenwart Gottes.
Philosophisch-theologisch steht diese Strophe an der Schnittstelle von christlicher Mystik und neuplatonischer Lichtmetaphysik: Christus als »ungeschaffene Sonne« ist das Eine, das alles erleuchtet; der Mensch ist empfänglich für seine Strahlen und wird durch sie verwandelt. Der Name Jesu wird zum Medium der Vergöttlichung, zur inneren Formung der Seele, die sich als Bild (imago) immer mehr dem Urbild annähert.
17 Name, schöner Name,
a) Analyse: Der Vers hebt den Namen Jesu hervor und bezeichnet ihn als »schön«. Es geht nicht nur um den Laut oder die Klanggestalt, sondern um die innere Schönheit, die in der Christusgestalt anwesend ist.
b) Tiefenschau: In der biblischen Tradition ist der Name mehr als ein bloßes Etikett – er bezeichnet die Wesenheit selbst (vgl. Phil 2,9–10: »… dass in dem Namen Jesu sich beuge jedes Knie«). »Schönheit« wird hier zu einer mystischen Kategorie, die göttliche Offenbarung und Anziehungskraft meint.
18 Der vom Himmel kame,
a) Analyse: Der Name Jesu ist nicht irdischen Ursprungs, sondern vom Himmel »gekommen«. Die Herkunft verweist auf Transzendenz und göttliche Sendung.
b) Tiefenschau: Theologisch klingt hier das Johannesevangelium an (»das Wort ist vom Himmel gekommen«, Joh 3,13). Der Name ist himmlische Gabe, nicht menschliche Konstruktion – er ist ein Teilhabezeichen am göttlichen Logos.
19 Name, zuckersüße,
a) Analyse: Der Name wird mit sinnlicher Süße bezeichnet, die über das bloß Rationale hinausgeht. Er wirkt auf die Seele wie Süßigkeit auf den Gaumen.
b) Tiefenschau: Mystische Erfahrung wird oft in Geschmacksterminologie gefasst (vgl. Ps 34,9: »Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist«). Die Süße des Namens ist eine spirituelle Erfahrung, die die Seele entzückt.
20 Lauter Nektarflüsse,
a) Analyse: Der Name ist gleichgesetzt mit unendlichen, reinen Flüssen göttlichen Nektars – ein Bild für überfließende Lebensfülle.
b) Tiefenschau: Hier wird der antike Topos des »Nektars« (Trank der Unsterblichkeit der Götter) christlich umgedeutet: Der Name Jesu speist, nährt und verleiht ewiges Leben. Das Bild ist stark eucharistisch: der Name als süßer Strom göttlicher Gnade.
21 Dem kein Balsam weichet
a) Analyse: Kein irdisches Heilmittel oder Duft kann dem Namen gleichkommen. »Balsam« steht für Heilkraft, Trost und Wohlgeruch.
b) Tiefenschau: Im alttestamentlichen Kontext ist Balsam Zeichen für Heilung und Salbung (Jer 8,22). Der Name Jesu übertrifft alle Mittel, weil er selbst Heil und Heilung in Person ist – er ist der wahre Arzt der Seele.
22 Und kein Ambra gleichet,
a) Analyse: »Ambra« (Ambra grisea, ein wertvolles Duftmittel) galt als das kostbarste Parfüm. Doch auch sie ist dem Namen nicht ebenbürtig.
b) Tiefenschau: Der Vergleich zeigt, dass der Name Jesu nicht in der Welt der kostbaren Dinge aufgeht, sondern alle Sinneswerte überragt. Der Name ist der »übernatürliche Wohlgeruch Christi« (vgl. 2 Kor 2,15: »Denn wir sind Christi Wohlgeruch«).
23 Name, du alleine
a) Analyse: Radikale Konzentration: Nur dieser eine Name gilt, nur dieser trägt die Macht.
b) Tiefenschau: Das »Alleine« spiegelt das absolute Bekenntnis wider: »In keinem andern ist das Heil« (Apg 4,12). Mystisch betrachtet: Die Seele ruht allein in Christus, alle anderen Namen vergehen.
24 Bleibest, den ich meine.
a) Analyse: Am Ende wird das Ganze auf das Ich bezogen. Der Sprecher bezeugt seine innere Ausrichtung – der Name Jesu bleibt sein einziger Gedanke, sein einziger Halt.
b) Tiefenschau: »Bleiben« verweist auf Ewigkeit und Treue (vgl. Joh 15: »Bleibet in mir«). Das »meinen« ist mehr als Denken, es ist ein existentielles Meinen – eine ganzheitliche Hinwendung des Herzens.
Fazit
Die dritte Strophe entfaltet in dichter, fast hymnischer Sprache den mystischen Lobpreis des Namens Jesu. Sie bewegt sich von der Schönheit und himmlischen Herkunft (V. 17–18) über sinnliche Metaphern der Süße, des Nektars und der Düfte (V. 19–22) hin zur exklusiven Hingabe des lyrischen Ichs an diesen einen Namen (V. 23–24).
Theologisch spiegelt sich darin:
– Christologische Konzentration: Jesus ist Ursprung, Heil und Vollendung.
– Mystische Sinnlichkeit: Sprache von Süße, Duft und Fluss übersetzt die Erfahrung der Gnade in Bilder der Sinne.
– Transzendenz und Immanenz: Der Name kommt vom Himmel, doch er wirkt unmittelbar im Inneren der Seele.
– Exklusivität: Alle irdischen Schätze und Düfte verblassen – nur der Name Jesu bleibt.
Damit erweist sich die Strophe als poetische Verdichtung des Pauluswortes: »Darum hat ihn Gott erhöht und ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist« (Phil 2,9). Der mystische Sänger steigert diese biblische Grundwahrheit in eine ekstatische Erfahrungssprache, in der der Name selbst zur süßesten und heilkräftigsten Substanz wird, die die Seele entzückt und heilt.
25 Name, schön wie Rosen,
a) Analyse:
Der Name Jesu wird mit der Rose verglichen, einer Blume von hoher symbolischer Dichte. Schönheit, Duft und die klassische Konnotation der Liebe (vor allem im christlich-marianischen wie auch im mystischen Kontext) treten hervor.
b) Tiefenschau:
Die Rose steht in der christlichen Mystik sowohl für Maria (»rosa mystica«) als auch für Christus selbst als Offenbarung der göttlichen Liebe. Der Name Jesu ist hier nicht bloß Lautgestalt, sondern verdichtete Präsenz. In der Tradition der nomina sacra trägt der Name eine quasi-sakramentale Qualität: ihn auszusprechen heißt, Anteil an der Schönheit und Liebe Gottes zu nehmen.
26 Wert, stets lieb zu kosen,
a) Analyse:
Der Name Jesu wird als etwas Kostbares (Wert) bezeichnet, das zugleich liebkosend behandelt wird. Der sprachliche Diminutiv der Zärtlichkeit (»kosen«) deutet auf Intimität.
b) Tiefenschau:
Hier wird die Nähe des Göttlichen betont. Mystische Sprache wagt das Erotische als Ausdruck für die unio mystica: Der Name Jesu ist kein abstraktes Dogma, sondern eine erfahrbare Zärtlichkeit. Der »Wert« verbindet ökonomische und affektive Kategorien: Das höchste Gut ist zugleich die innigste Nähe.
27 Name, wie Narzissen,
a) Analyse:
Die Narzisse (weiß, rein, frühblühend) steht für Reinheit, Unschuld und Auferstehungshoffnung.
b) Tiefenschau:
Die Narzisse blüht früh im Jahr und verweist auf Neubeginn, Auferstehung und Verwandlung. Der Name Jesu wird mit diesem österlichen Aufbruch verbunden. Außerdem spielt das weiße Narzissenmotiv auf Reinheit und vergeistigte Schönheit an.
28 Würdig, stets zu küssen.
a) Analyse:
Das Küssen des Namens symbolisiert Verehrung, Zärtlichkeit und Hingabe.
b) Tiefenschau:
In der Mystik wird das Küssen (vgl. Hld 1,2 »Er küsse mich mit dem Kuss seines Mundes«) zum Bild des unmittelbaren geistig-sinnlichen Kontaktes zwischen Gott und Seele. Hier ist der Name Jesu nicht nur zu nennen, sondern zu küssen: das Wort wird zur körpernahen Erfahrung, zum Sakramentalen.
29 Name, zart wie Lilgen,
a) Analyse:
Die Lilie ist klassisches Symbol der Reinheit, der unbefleckten Schönheit. Zartheit betont die Feinheit und Sanftheit des Namens Jesu.
b) Tiefenschau:
Die Lilie (besonders in mariologischer Tradition) trägt die Bedeutung von Reinheit und göttlicher Durchscheinung. Im mystischen Sinn wird Christus als »Lilie unter Dornen« gesehen. Der Name Jesu wird als sanfte Reinheit erlebt, die keine Härte, sondern heilende Zartheit trägt.
30 Die das Weh vertilgen,
a) Analyse:
Die Lilien haben eine heilende Funktion: sie vertilgen Leid und Schmerz. Der Name Jesu ist nicht nur schön, sondern wirksam.
b) Tiefenschau:
Dies verweist auf die soteriologische Kraft des Namens: In ihm ist Heilung, Trost und Erlösung. Die Sprache erinnert an die apotropäische Kraft des Namens Gottes in der jüdischen Tradition: den Namen zu rufen, bedeutet, das Böse und Leid zu vertreiben. Für Angelus Silesius ist die Schönheit Jesu keine Ästhetik, sondern Heilsmacht.
31 Jesu, du alleine
a) Analyse:
Direkte Anrede: von den Bildern (Rose, Narzisse, Lilie) tritt der Sprecher nun unmittelbar zum Du, zur persönlichen Begegnung.
b) Tiefenschau:
Die mystische Bewegung kulminiert im Du-Erlebnis. Alles Bildhafte war nur Annäherung; nun wird Jesus selbst angeredet. Damit vollzieht sich die Wende vom Vergleich (metaphorische Rede) zur unio mystica (direkte Ansprache).
32 Bleibest, den ich meine.
a) Analyse:
Der Name Jesu bleibt das eigentliche Ziel der Liebe und Intention des lyrischen Ichs.
b) Tiefenschau:
Dies ist die Konstanz der mystischen Intention: im Wechsel der Metaphern, der Zärtlichkeiten, der Vergleiche bleibt Jesus allein das Ziel. »Meinen« ist hier mehr als »denken«: es ist intendere, gerichtet sein. Der Vers artikuliert den Kern mystischer Liebe: alle Bilder lösen sich auf, allein die intentionale Ausrichtung auf den göttlichen Du bleibt.
Fazit
Die vierte Strophe entfaltet eine blumenmystische Allegorie des Namens Jesu. Der Name wird mit Rosen, Narzissen und Lilien verglichen – drei Pflanzen, die Schönheit, Reinheit, Zartheit und Heilskraft symbolisieren. Zugleich werden diese Bilder in eine affektive Beziehung überführt: liebkosen, küssen, Zärtlichkeit. Damit verschränkt Angelus Silesius ästhetische, erotische und soteriologische Dimensionen.
Die Bewegung der Strophe führt von der Vergleichssprache (Rosen, Narzissen, Lilien) über die zärtlich-intime Verehrung (kosen, küssen) hin zur direkten Anrede (Jesu, du alleine). Dies entspricht einer mystischen Dynamik: vom Symbol über die Erfahrung hin zur unmittelbaren Begegnung mit Christus.
Philosophisch-theologisch liegt darin eine tiefe Aussage: Der Name Jesu ist nicht nur ein sprachliches Zeichen, sondern Träger göttlicher Präsenz, Schönheit, Reinheit und Heilsmacht. In ihm verbindet sich das Sinnliche (Duft, Zartheit, Kuss) mit dem Metaphysischen (Heilung, Erlösung, Unio). Die Strophe bildet ein mystisches »Sakrament des Wortes«: das Aussprechen des Namens Jesu wird zur innigsten Form der Vereinigung mit Gott.
33 Name, den ich höre
a) Analyse:
Der Vers eröffnet die Strophe mit dem Hinweis auf die reine Audition – das Hören des Namens Jesu. Nicht die Schau, nicht das Denken, sondern das Ohr und die innere Resonanz sind hier entscheidend.
b) Tiefenschau:
Im mystischen Denken ist der Name Jesu nicht nur Lautfolge, sondern Träger der Gegenwart des Angesprochenen. Er ist Sakrament im Wort, eine Verdichtung göttlicher Wirklichkeit. Hören heißt Teilnahme: Wer den Namen hört, hat Anteil an Christus.
34 Vor der Engel Chöre,
a) Analyse:
Das Hören wird verortet »vor der Engel Chöre«. Der Mensch tritt gleichsam in die liturgische Sphäre des Himmels ein, wo die Engel in ewiger Lobpreisung stehen.
b) Tiefenschau:
Mystisch gesehen wird der irdische Lobpreis eingebunden in die himmlische Liturgie. Der Name Jesu wird im Kosmos vernommen – nicht isoliert, sondern in Gemeinschaft mit den Engeln. Hier klingt an, dass der Namensruf eine Brücke zwischen Erde und Himmel schlägt.
35 Der mir Jauchzen bringet
a) Analyse:
Das Hören des Namens wirkt unmittelbar Freude aus – ein »Jauchzen«. Der Vers bezeugt eine innere Bewegung, ein seelisches Aufspringen in die Freude.
b) Tiefenschau:
Hier begegnet uns der johanneische Gedanke: »Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden« (Joh 16,20). Der Name Jesu trägt die Kraft, das Herz zu verwandeln, zu erheben, in den ekstatischen Zustand der »jubilation« – jener wortlosen Freude, von der Augustinus sagt, sie sei die Sprache, die das menschliche Wort übersteigt.
36 Und am schönsten klinget,
a) Analyse:
Der Vergleichscharakter wird betont: Unter allen Lauten und Namen klingt dieser am schönsten. Es geht um den höchsten Wohlklang.
b) Tiefenschau:
Der Name Jesu ist die Harmonie des Seins selbst. Mystiker sehen in ihm den »logos-tonos«, den Klang des Logos, der die Welt trägt. Schönster Klang heißt: höchste Ordnung, höchste Harmonie, die alle Disharmonien der Welt übersteigt.
37 Der mich kann ergötzen
a) Analyse:
Das Wort »ergötzen« verweist auf ein tiefes Wohlgefallen, eine süße Lust, die nicht sinnlich, sondern geistlich ist.
b) Tiefenschau:
Dies ist der Punkt, wo sinnliche Metaphorik in geistliche Freude umschlägt. »Ergötzen« erinnert an die mystische »süße« (dulcedo), die Meister Eckhart und die Devotio moderna beschreiben. Es ist die Erfahrung der göttlichen Liebe, die den inneren Menschen nährt.
38 Und in Freude setzen,
a) Analyse:
Nicht nur momentane Lust, sondern eine stabile »Setzung« in Freude – die Freude wird zum bleibenden Zustand.
b) Tiefenschau:
Dies ist mehr als emotionales Aufwallung. Es ist eine ontologische Verwandlung: Der Mensch wird hineingestellt in den Raum der göttlichen Freude. Der Name Jesu ist hier verstanden als Ort der Glückseligkeit, als innere Wohnung, wie Christus sagt: »Bleibt in meiner Liebe« (Joh 15,9).
39 Name, du alleine
a) Analyse:
Exklusivität: Kein anderer Name, keine andere Macht, kein anderes Wort hat diese Kraft – nur der eine Name.
b) Tiefenschau:
Dies spiegelt Philipper 2,9–10 wider: »Darum hat ihn Gott erhöht und ihm den Namen geschenkt, der über allen Namen ist.« Es ist die theologische Exklusivität des Heilsnamens Jesu, der alle anderen Namen und Bezeichnungen überragt.
40 Bleibest, den ich meine.
a) Analyse:
Der Vers schließt mit einer subjektiven Bekräftigung: Alles, was gesagt wurde, zielt auf diesen einen Namen. Es ist die Intentionalität des Herzens: Ich meine, ich begehre, ich denke einzig auf diesen Namen.
b) Tiefenschau:
Das »Meinen« ist hier ein mystisches »Gerichtetsein«. In der Tradition der »intentio recta« ist das innere Streben des Menschen auf Gott hin ausgerichtet. Der Name Jesu ist Ziel und Inhalt zugleich – das Herz bleibt fixiert im Namen, im Wort, in der Gegenwart Christi.
Fazit
Die fünfte Strophe entfaltet eine Mystik des Hörens. Der Name Jesu erscheint als klangliche Theophanie, als Musik, die schöner ist als jede andere und die den Menschen in Jubel und Freude erhebt. Er ist nicht nur ein Laut, sondern eine göttliche Gegenwart im Wort, eingebettet in die himmlische Liturgie der Engel. Von der ersten Erfahrung des Hörens (Vers 33) bis zur exklusiven Hingabe (Vers 40) zeigt sich ein mystischer Weg: Hören – Freude – Schönheit – innere Erhebung – bleibende Freude – Exklusivität – Hingabe.
Die Strophe stellt so den Namen Jesu als das einzige, ergötzende, freudestiftende Zentrum menschlicher Existenz dar.
41 Name, den man preiset,
a) Analyse: Der Fokus liegt auf dem »Namen Jesu«, nicht nur auf der Person. In der christlichen Tradition ist der Name mehr als ein Wort – er ist Träger der Gegenwart und Macht des Genannten. Das Loblied beginnt mit dem Akt des Preisens, der Verehrung in Worten und Gesang.
b) Tiefenschau: Hier klingt Phil 2,9–10 an (»…darum hat ihn auch Gott erhöht und ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist«). Der Name Jesu wird als selbst sakramental verstanden: er ist nicht nur Laut, sondern wirksame Wirklichkeit. Mystisch bedeutet dies: schon die Anrufung des Namens ist Teilhabe am Göttlichen.
42 Dem man Dienst erweiset,
a) Analyse: Das Preisens des Namens geht in tätige Verehrung über. »Dienst« meint hier Kult, Liturgie, aber auch Lebensführung, die sich nach Christus ausrichtet.
b) Tiefenschau: Der »Dienst« verweist auf das Paradox christlicher Freiheit: wahre Freiheit liegt im Dienst an Gott (vgl. Paulus: »Diener Christi Jesu«). Philosophisch betrachtet hebt sich der Gegensatz von Herrschaft und Knechtschaft auf: Dienst am göttlichen Namen ist zugleich Teilhabe an seiner Würde.
43 Dem die Welt sich beuget
a) Analyse: Die Dimension weitet sich kosmisch. Nicht nur der Einzelne, auch die ganze Welt ist dem Namen untergeordnet. »Beugen« signalisiert Unterwerfung, aber auch Anerkennung göttlicher Autorität.
b) Tiefenschau: Im johanneischen Sinne wird die Welt (kosmos) ambivalent verstanden: sie ist zugleich Schöpfung und Ort der Verblendung. Doch im eschatologischen Horizont beugt sich alles unter Christus. Philosophisch liegt hier eine Ontologie der Hierarchie: alles Seiende ordnet sich der höchsten Instanz unter.
44 Und der Himmel neiget.
a) Analyse: Nach der Welt nun auch der Himmel – die Engel, die seligen Geister, neigen sich ehrfürchtig. Der »Himmel« ist nicht unberührt, sondern aktiv im Akt der Verehrung.
b) Tiefenschau: Dies verdeutlicht, dass selbst das Höchste Geschaffene (Engel, Cherubim, Seraphim) dem Namen Christi untergeordnet ist. Theologisch ist hier die Christozentrik der Schöpfung präsent: Christus als Mitte, der sowohl Himmel als Erde zusammenführt (Kol 1,16). Mystisch heißt das: die himmlische und die irdische Sphäre finden in Christus ihre gemeinsame Bewegung.
45 Den, was drunten lebet,
a) Analyse: Jetzt weitet sich der Blick auf das Untere, das »drunten Lebende« – gemeint sind vermutlich Tiere, Menschen, vielleicht auch die unterweltlichen Mächte.
b) Tiefenschau: Die Bewegung ist trinitarisch-kosmisch: oben (Himmel), Mitte (Welt), unten (drunten). Alles, was lebt, fürchtet und anerkennt den Namen. Hier schwingt die paulinische Theologie mit: »…dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind« (Phil 2,10).
46 Fürchtet und erhebet,
a) Analyse: Zwei scheinbar widersprüchliche Haltungen: Furcht und Erhebung. Die Schöpfung fürchtet die Macht des Namens, erhebt ihn aber zugleich im Lobpreis.
b) Tiefenschau: Die Dialektik von »furchtvollem Respekt« und »jubelnder Erhebung« ist typisch für die Gotteserfahrung: Tremendum et Fascinans (Rudolf Otto). Philosophisch könnte man sagen: das Absolute übersteigt und zieht zugleich an. Theologisch wird die »Furcht des Herrn« hier nicht als Angst, sondern als Ehrfurcht verstanden, die ins Lob führt.
47 Jesu, du alleine
a) Analyse: Nach der kosmischen Breite zieht sich der Blick wieder zusammen auf den persönlichen Anruf: »Jesu«. Es ist das lyrische Ich, das nun direkt mit Christus spricht. »Du alleine« betont die Einzigkeit, die Ausschließlichkeit des Heilsmittlers.
b) Tiefenschau: Mystisch ist dies der Augenblick der Einung: der Beter spricht Christus unmittelbar an, ohne Mittler. Philosophisch ist dies eine Reduktion auf das Eine – keine Vielheit mehr, nur das Zentrum des Seins.
48 Bleibest, den ich meine.
a) Analyse: Die Strophe schließt mit einer persönlichen Bekräftigung: Christus bleibt der eine Gegenstand des inneren Denkens, Wollens und Liebens. »Meinen« ist hier nicht bloß Gedankentätigkeit, sondern intendieren, ersehnen, ergreifen.
b) Tiefenschau: Das Verharren Christi als Fixpunkt der Seele zeigt das Ziel mystischer Bewegung: alle Vielheit, alle kosmischen Dimensionen laufen auf die personale Bindung an Christus hinaus. Der Name Jesu ist bleibend, unerschütterlich, während alles andere vergeht.
Fazit
Die sechste Strophe entfaltet eine kosmische Hierarchie der Anbetung: vom Preis und Dienst des Menschen (V. 41–42), über die gesamte Welt (V. 43), den Himmel (V. 44) und das »Drunten« (V. 45–46), bis hin zur Rückkehr in die intime, persönliche Anrede (V. 47–48).
Das Muster ist konzentrisch: vom Individuum → über die Schöpfung in ihrer Totalität → zurück zum Individuum in der mystischen Vereinigung. Der »Name Jesu« fungiert als Scharnier zwischen diesen Dimensionen, als Medium, das Himmel und Erde, Oben und Unten, Furcht und Erhebung, Transzendenz und Intimität verbindet.
Philosophisch-theologisch ist die Strophe ein poetischer Vollzug von Philipper 2,9–11, eine Dichtung über das universale Bekenntnis zum Namen Jesu, durchzogen von mystischer Innerlichkeit: die Seele erkennt im allumfassenden Lobpreis zugleich ihr eigenes Ziel, die ausschließliche Bindung an Christus.
49 Name, güldner Name,
a) Analyse: Der Vers hebt an mit einer feierlich-anrufenden Wiederholung: »Name« – und sogleich die Qualifizierung: »güldner«. Gold steht in der christlichen Dichtung für Reinheit, Kostbarkeit, Unvergänglichkeit. Der Name Jesu wird hier als etwas über alle irdische Kostbarkeit Erhabenes dargestellt.
b) Tiefenschau: Der »Name« Jesu ist im biblischen Verständnis mehr als ein Lautzeichen: er ist identisch mit der Person, die er benennt. So bedeutet es, dass Jesus selbst kostbarer als Gold ist. Mystisch wird die Anrufung des Namens zum Weg der unmittelbaren Präsenz: Wer den Namen ruft, trägt den Christus selbst in sich.
50 Reicher Himmelssame,
a) Analyse: Der Name Jesu wird hier als »Same« bezeichnet – Samen, der Fruchtbarkeit bringt. »Himmelssame« macht ihn zur göttlichen Quelle, die neues Leben hervorbringt. »Reich« betont die Überfülle dieser Gnade.
b) Tiefenschau: In biblischer Symbolik ist der Same Bild für das Wort Gottes (vgl. Markus 4, Gleichnis vom Sämann). Der Name Jesu ist also nicht nur Schmuck, sondern schöpferische Kraft, die im Herzen ausgesät wird und Früchte des Glaubens hervorbringt. Philosophisch kann man hierin eine ontologische Dimension sehen: der Name Jesu ist Prinzip und Archetyp, der das Seiende mit göttlicher Lebenskraft durchtränkt.
51 Ewig wird mein Herze,
a) Analyse: Das lyrische Ich setzt nun sein Herz als den Ort, an dem die Saat aufgenommen wird. »Ewig« bedeutet: diese Beziehung ist nicht auf Zeit beschränkt, sondern überschreitet die Vergänglichkeit.
b) Tiefenschau: Hier klingt die mystische Theologie an: Das Herz des Menschen ist fähig zur Ewigkeit, weil es den unvergänglichen Samen des Logos trägt. Das Ich spricht eine Identität mit dem Ewigen aus: durch den Namen Jesu wird das Herz in den Modus der Ewigkeit versetzt.
52 Schönste Königskerze,
a) Analyse: Ein poetisches Bild: die »Königskerze« (eine Pflanze, die hoch, leuchtend und kerzenartig blüht). Sie steht als Metapher für das Licht, das erhaben brennt und sichtbar leuchtet. Durch den Zusatz »schönste« wird Christus als das erhabenste Licht bezeichnet.
b) Tiefenschau: Die Königskerze als Christus-Symbol verweist auf das »Licht der Welt« (Joh 8,12). Mystisch gesehen: das Herz wird zum Leuchter, in dem Christus brennt. Auch ist der Begriff »König« zentral: Christus als König, dessen Herrlichkeit leuchtet. Philosophisch: die Metapher verbindet Natur und Theologie – die Pflanze der Schöpfung wird zum Symbol für die göttliche Präsenz im Kosmos.
53 Dich in sich behalten
a) Analyse: Die Konsequenz: das Herz wird diesen Namen, diesen Samen, dieses Licht nicht verlieren, sondern bewahren. Die Bewegung des Gedichts geht auf die Innerlichkeit zurück: es geht nicht um äußeren Schmuck, sondern um das Innesein.
b) Tiefenschau: Mystische Tradition (z. B. Meister Eckhart): Gott wird im Herzen geboren, im Innern bewahrt. Das »Behalten« ist das kontemplative Verweilen: der Name Jesu ist in der Seele unauslöschlich eingeschrieben.
54 Und mit dir veralten:
a) Analyse: Ein paradox wirkendes Bild: Das Herz will mit Jesus »veralten«. Normalerweise ist Altern mit Verfall verbunden; hier jedoch wird es durch die Einheit mit Jesus verklärt.
b) Tiefenschau: Theologisch bedeutet dies: das Altern mit Jesus ist kein Verfall, sondern ein Mitwachsen in der Zeitlichkeit hinein zur Ewigkeit. Die Seele wird nicht von der Zeit verschlungen, sondern »altert« im Sinn von Reife, Weisheit, inniger Verbindung. Mystisch: die Zeit selbst verliert ihren negativen Charakter, wenn sie in Christus gelebt wird. Philosophisch: Hier verschmilzt die Dialektik von Zeit und Ewigkeit – der Mensch wird alt, aber in Christus wird dieses Altern zur Verklärung.
55 Denn du bist alleine,
a) Analyse: Das »denn« gibt die Begründung: allein Jesus ist es, der diese Qualität möglich macht. Alles andere wäre vergänglich, nur er bleibt.
b) Tiefenschau: Mystische Exklusivität: Jesus als der einzige Name, durch den Heil und Ewigkeit möglich werden (vgl. Apostelgeschichte 4,12). Philosophisch: es geht um das Prinzip der Einheit – alle Vielheit, alle Zweideutigkeit wird aufgehoben in der Alleinheit Christi.
56 Jesu, den ich meine.
a) Analyse: Das Gedicht schließt in einer simplen, fast kindlich-innigen Wendung: »Jesu, den ich meine.« Die personale Zuwendung, nicht abstrakte Idee, sondern unmittelbare Beziehung.
b) Tiefenschau: Hier tritt die mystische Liebesbeziehung hervor: das Ich und Jesus in direkter Innigkeit. »Meinen« im barocken Sprachgebrauch bedeutet sowohl »denken an« wie auch »lieben«. Die Theologie wird hier zur Mystik der Liebe: der Name Jesu ist nicht Objekt, sondern Du.
Fazit
Die siebte Strophe ist ein dichterischer Höhepunkt, in dem Angelus Silesius die mystische Erfahrung des Namens Jesu zu einem poetischen Schluss führt. Der Name Jesu erscheint als Gold, als Same, als Licht, das ins Herz fällt. Das Herz wird ewig, leuchtend und fruchtbar, indem es Christus bewahrt. Selbst das Altern wird transfiguriert, weil es in Christus geschieht. Die letzten beiden Verse verdichten diese Theologie zur Mystik der Liebesansprache: Christus ist der einzige, der gemeint ist.
Philosophisch-theologisch entfaltet sich hier eine Synthese:
– Ontologisch: der Name Jesu ist nicht Symbol, sondern Seinsträger.
– Kosmologisch: Bilder aus Natur (Same, Kerze) deuten das Wirken Christi in der Schöpfung.
– Anthropologisch: das Herz des Menschen wird durch Christus zur Ewigkeit fähig.
– Mystisch-theologisch: die Einwohnung Christi im Herzen verwandelt die Zeitlichkeit, das Altern, das Leben insgesamt.
– Spirituell-erotisch: in der letzten Wendung klingt die Liebesmystik an – Jesus als der einzig Geliebte, der »gemeint« wird.
So wird das Gedicht zur Formel der innigsten Christus-Mystik: im Namen Jesu erfüllt sich das Herz in Ewigkeit.
Gesamtanalyse
1. Form und Grundgestalt
Angelus Silesius’ Lied »Sie preist den Namen Jesu« ist ein Hymnus in sieben Strophen mit jeweils acht Versen, der formal dem barocken Lied- und Kirchenhymnus verpflichtet bleibt. Die gleichmäßige Struktur, das ständige Wiederkehren der Schlussformel »… du bist alleine / Jesu, den ich meine« oder »… Name, den ich meine« wirkt wie ein litaneiartiger Refrain. Dadurch wird die Bewegung des Gedichts getragen von einer rhythmischen, fast ekstatischen Wiederholung – ein »Rosenkranz« des Namens Jesu, poetisch zur Blüte gebracht.
2. Das Leitmotiv: der Name Jesu
Das Zentrum des Gedichts ist nicht »Jesus« als Person in narrativer Darstellung, sondern der Name Jesu selbst. Schon die Überschrift »Sie preist den Namen Jesu« zeigt: Es geht um das Wort, den Klang, die Nennung, die Anrufung. Der Name ist hier Träger göttlicher Präsenz. Barock-mystische Tradition (vgl. Bernhard von Clairvaux, die »Monogramm«-Frömmigkeit, auch die Jesuitenfrömmigkeit) hat das Wort »Jesus« als geistliche Medizin, als süße Speise, als himmlische Schönheit gefeiert. Silesius reiht sich hier ein: der Name ist Heilmittel, Duft, Klang, Licht, Süßigkeit – kurz: ein Medium, das Gott in den Menschen hineinzieht.
3. Steigerung und organische Entfaltung
Das Gedicht entfaltet sich wie eine konzentrische Spirale, die das gleiche Thema immer intensiver umkreist. Jede Strophe steigert und vertieft die Bilder:
1. Heilmittel (Öl, Arznei, Herz)
2. Licht und Orientierung (Himmel, Leitstern, Sonne)
3. Süßigkeit und Duft (Nektar, Balsam, Ambra)
4. Blumenschönheit (Rosen, Narzissen, Lilien)
5. Himmlische Musik (Engelchöre, Klang, Freude)
6. Kosmische Herrschaft (Dienst, Himmel und Erde, Furcht, Erhebung)
7. Ewige Fruchtbarkeit (Samen, Kerze, Herzbewahrung, Veralten mit Jesus)
Diese Progression ist nicht rein additiv, sondern organisch: vom Innerlich-Subjektiven (Herz, Seele, Schmerzen) über kosmische Bilder (Sonne, Stern, Himmel) hin zu einer universalen Theologie (Himmel, Erde, Dienst, Ewigkeit). Es ist eine Bewegung vom Individuum über die Schöpfung zum Ewigen.
4. Sprachliche und bildhafte Struktur
Silesius’ Sprache ist geprägt von barocker Emblematik: jedes Bild (Öl, Arznei, Sonne, Nektar, Rosen, Engelchöre, Himmelssame, Königskerze) ist emblematisch aufgeladen, verweist auf biblische, liturgische, mystische Kontexte. Die Metaphern stammen aus verschiedenen Sphären:
– Medizinisch / heilend: Arznei, Öl.
– Kosmisch / lichtmetaphorisch: Sonne, Leitstern, Himmel.
– Sinnlich / geschmacklich: Nektar, Zucker, Balsam.
– Florale Symbolik: Rose, Narzisse, Lilie.
– Akustisch-musikalisch: Chöre, Jauchzen, Klang.
– Hierarchisch / königlich: Dienst, Furcht, Königskerze.
– Fruchtbarkeit / Ewigkeit: Same, Herz, Veralten mit Jesus.
Die Bilder bilden keine zufällige Sammlung, sondern ein mystisches Synästhesie-Geflecht: alle Sinne werden angesprochen (sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen), um den Namen Jesu als Totalphänomen der Gotteserfahrung darzustellen.
5. Theologische Dimension
Das Gedicht ist ein Beispiel barocker Namensmystik. Der Name Jesu ist hier nicht nur ein Laut, sondern eine epiphanische Realität: er trägt göttliche Kraft. In der christlichen Tradition gilt der Name Jesu (vgl. Phil 2,9–11: »Gott hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist…«) als heilig, als Gegenwart Gottes selbst. Silesius entfaltet diesen Gedanken poetisch und liturgisch.
Besonders wichtig ist die Exklusivität: immer wieder »du alleine«, »den ich meine«. Diese Ausschließlichkeit betont den mystischen Absolutheitsanspruch: nichts anderes erfüllt, heilt, erfreut – nur der Name Jesu. Es ist eine Form von Liebesmystik, die alle Kreaturensinne auf ein einziges Zentrum hin bündelt.
6. Innerer Rhythmus: Mystische Ekstase
Durch die Wiederholungen entsteht ein mantrischer Charakter. Das Gedicht funktioniert nicht wie eine nüchterne Beschreibung, sondern wie ein Gebet in Ekstase: je öfter der Name angerufen wird, desto mehr wird er verklärt, desto reicher werden die Bilder. So steigert sich die innere Bewegung des Gedichts in Richtung Totalität: am Ende verschmilzt das Herz des lyrischen Ichs mit dem Namen, trägt ihn ewig in sich, »veraltet« mit ihm. Die finale Strophe bildet die mystische Vereinigung: das Ich wird zur Wohnstätte des Namens.
7. Organische Geschlossenheit
Das Gedicht ist organisch geschlossen in dreifacher Hinsicht:
– Form: Sieben Strophen, symmetrisch, jeweils mit Refrain.
– Inhalt: Kreislauf von Heilung → Schönheit → Freude → Kosmos → Ewigkeit.
– Mystik: Bewegung vom äußeren Lobpreis in die innere Identität des Herzens.
Die Wiederkehr des Refrains bündelt die Vielfalt der Bilder und macht klar: trotz aller Sinneindrücke, trotz aller Metaphern bleibt es immer dasselbe Zentrum – der Name Jesu.
8. Fazit
Das Gedicht ist ein barocker Mystik-Hymnus, der die Mystik des Namens Jesu in sieben Strophen entfaltet. Es integriert Heilung, Schönheit, Sinnlichkeit, Kosmos und Ewigkeit in einem einzigen poetischen Organismus. Seine innere Dynamik besteht in einer Spirale der Anrufung, die von der subjektiven Empfindung über kosmische und liturgische Dimensionen hin zur ewigen Einwohnung des Namens im Herzen führt.
Es ist ein Gedicht der Ganzheit, das alle Sinne, alle Bilder und alle Schichten der Schöpfung in einen einzigen mystischen Fokus sammelt: Jesu dulcis memoria – die Süße, Kraft und Allgegenwart des Namens.
Psychologische Dimension
– Innere Bewegung und Affektivität: Das Gedicht beschreibt eine seelische Dynamik, die von Bedürftigkeit, Sehnsucht und Schmerz ausgeht und in der Erfahrung von Trost, Freude und Erfüllung mündet. Der Name Jesu ist dabei ein Projektionspunkt für das psychische Begehren nach Heilung (»Arznei aller Schmerzen«), nach Geborgenheit und nach einer stabilen Mitte.
– Ritualisierte Wiederholung: Die Refrainformel (»du bist alleine / den ich meine«) wirkt wie eine Selbstvergewisserung, die psychologisch eine Verdichtung des Selbstgefühls erzeugt. Das lyrische Ich bindet seine Identität an den Namen, sodass dieser zum seelischen Orientierungspunkt wird.
– Ekstatisches Moment: Bilder wie »unerhörte Wonne«, »zuckersüße«, »Nektarflüsse« oder »Name, wie Narzissen« transportieren eine psychologische Dimension der Verzückung. Hier wird nicht bloß ein Bekenntnis formuliert, sondern ein emotionaler Überschwang, der nahe an mystische Ekstase grenzt.
– Hören und Klang: Psychologisch bedeutsam ist auch der akustische Aspekt: Der Name klingt, er wird gehört vor den »Engel Chören«, er bringt »Jauchzen«. Der Klang selbst wirkt auf die Seele – Sprache wird zur seelischen Medizin.
Ethische Dimension
– Demut und Hingabe: Die Ethik des Gedichts ist eine Ethik der völligen Selbsthingabe an den göttlichen Namen. Alles Eigene wird relativiert, einzig das Lob und die Treue zu Jesus zählt. Dadurch entsteht ein Ethos der Demut, das dem barocken Mystiker eigen ist.
– Abkehr von weltlicher Wertordnung: Mit der Betonung, dass kein Balsam, kein Ambra, keine Rosen oder Lilien im irdischen Sinn mit dem Namen Jesu vergleichbar sind, wird eine klare Rangordnung formuliert: Ethisch soll das Herz sich nicht an Weltliches binden, sondern am Überirdischen.
– Universalität: In der sechsten Strophe tritt eine kosmische Ethik auf: »Dem die Welt sich beuget / Und der Himmel neiget. / Den, was drunten lebet, / Fürchtet und erhebet«. Das bedeutet: nicht nur der einzelne Mensch, sondern die gesamte Schöpfung ist diesem Namen verpflichtet. Ethik wird hier zur universalen Ordnung, in der die Welt unter Christus gebunden ist.
– Ethische Konsequenz: Wenn der Name als »reicher Himmelssame« das Herz erfüllt, dann soll das Leben aus dieser inneren Verwurzelung heraus gestaltet werden. Das Gedicht impliziert: Wer wahrhaft den Namen Jesu trägt, wird nicht anders handeln können, als in Liebe, Hingabe und Treue.
Ästhetische Dimension
– Struktur und Musikalität: Formal besticht das Gedicht durch die Symmetrie der sieben Strophen, den klaren Refrain und die Reimführung in Paar- und Kreuzreimen. Diese formale Geschlossenheit erzeugt eine musikalische Wirkung, die die meditative, liturgische Intention unterstützt.
– Bildlichkeit und Synästhesie: Silesius verbindet visuelle Bilder (Sonne, Rosen, Lilien, Königskerze) mit gustatorischen (Nektar, Zucker, Balsam), olfaktorischen (Ambra) und akustischen (»klinget«, »Chöre«) Eindrücken. Das ist eine ästhetische Synästhesie, die die ganze Sinneswelt auf den Namen Jesu konzentriert.
– Barocke Überfülle: Die Aneinanderreihung von Metaphern wirkt wie eine Perlenkette – eine typisch barocke Ästhetik, die Überfülle und Ornamentik als Ausdruck des Unsagbaren nutzt. Der Name Jesu kann nicht in einem Bild gefasst werden, er verlangt die Vielfalt der Bilder.
– Ästhetische Paradoxie: Der Name Jesu ist »alleine«, und doch wird er in unzähligen Bildern gepriesen. Die Ästhetik zeigt: das eine wird durch die Vielfalt bezeugt. Das ist eine poetische Strategie, die das unaussprechliche Eine in der Vielfalt zur Erscheinung bringt.
– Klangfarbe: Die Reimwörter (»Öle – Seele«, »Strahlen – malen«, »Lilgen – vertilgen«) schaffen eine weiche, fließende Klangfarbe, die den Charakter der Sanftheit und Süße (ein wiederkehrendes Leitmotiv) verstärkt.
Fazit
Das Gedicht ist psychologisch ein Ausdruck mystischer Sehnsucht, in der Wiederholung des Namens Jesu als identitätsstiftender Anker. Ethisch ruft es zur totalen Hingabe und zur Ausrichtung des ganzen Lebens (und der ganzen Schöpfung) an Christus auf. Ästhetisch entfaltet es ein barockes Geflecht aus Klang, Bild und Sinnlichkeit, in dem der Name Jesu zur poetischen Mitte wird.
Literaturhistorische Dimension
1. Barockzeit (17. Jahrhundert)
Das Gedicht stammt aus dem Zyklus Heilige Seelenlust oder geistliche Hirtenlieder (1657), einer Sammlung, die der barocken Frömmigkeit verpflichtet ist. Die Barockliteratur ist durch die Spannung zwischen Vanitas (Vergänglichkeit) und Aeternitas (Ewigkeit), zwischen Weltflucht und Diesseitsbindung geprägt. Bei Silesius wird diese Spannung zugunsten der mystischen Gotteshingabe aufgelöst.
2. Mystische Tradition
Angelus Silesius (1624–1677, eigentlich Johannes Scheffler) knüpft an die mittelalterliche Mystik (Meister Eckhart, Johannes Tauler, Heinrich Seuse) an. Die mystische Tradition betont die Vereinigung der Seele mit Gott, oft über das Symbol der Liebe oder des »Namens«. In der mittelalterlichen Mystik war der Name Jesu ein »Ort der Gegenwart« Gottes, der nicht bloß Bezeichnung, sondern lebendige Realität ist.
3. Konfessioneller Hintergrund
Der Text gehört in den Kontext der katholischen Konfessionalisierung nach Silesius’ Übertritt vom Luthertum (1653). Die Namensverehrung Jesu knüpft an katholische Frömmigkeitspraktiken an (Jesuitenfrömmigkeit, Jesusgebet, Herz-Jesu-Verehrung), die durch die Gegenreformation stark gefördert wurden.
4. Biblische und liturgische Wurzeln
– Anspielungen auf das Hohelied Salomos (»Name wie ausgegossenes Öl«, vgl. Hld 1,3).
– Bezug auf Phil 2,10 (»dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind«).
– Die Litanei vom heiligsten Namen Jesu, die im Katholizismus gebräuchlich ist, bildet eine deutliche Parallele zur Struktur.
5. Barocke Bildlichkeit
Typisch barock ist die Überfülle an Sinnbildern: Öl, Rosen, Lilien, Narzissen, Sonne, Leitstern, Ambra, Nektar. Die Ornamentik ist Ausdruck einer Überbietungsrhetorik: kein irdisches Bild reicht aus, um die Süße und Herrlichkeit des Namens Jesu zu fassen.
Literaturwissenschaftliche Dimension
1. Form und Aufbau
– Das Gedicht umfasst 7 Strophen zu je 8 Versen (56 Verse).
– Der Reim folgt einem streng durchgehaltenen Paarreimschema (aa bb cc dd), was den Lobpreis fast wie einen unendlichen hymnischen Strom erscheinen lässt.
– Jede Strophe endet mit einer Variation der Formel: »Denn/Name/Jesu, du bist alleine, den ich meine.« → Dies wirkt wie ein Kehrreim, ein meditativer Anker, der das Lob immer wieder auf den einen Punkt zurückführt: Jesus selbst.
2. Thematische Progression
– Strophe 1–2: Einleitung – Bitte um innere Aufnahme des Namens als heilende Kraft und als himmlisches Licht.
– Strophe 3–4: Sinnliche Bildwelt – Süße, Blumen, Düfte, Kosen, Küssen. Hier wird der Name zu einer »sinnlichen Erfahrung« des Göttlichen.
– Strophe 5: Himmlische Dimension – Engelchöre, Freude, ewiges Jauchzen.
– Strophe 6: Kosmische Dimension – Himmel, Erde, alle Geschöpfe neigen sich vor diesem Namen.
– Strophe 7: Eschatologische Vollendung – Der Name wird im Herzen ewig getragen, bis in die Ewigkeit hinein.
Damit steigert sich das Gedicht von der inneren Seele → zur sinnlichen Natur → zu den Engeln → zur ganzen Schöpfung → zur Ewigkeit.
3. Sprache und Stil
– Anaphern und Wiederholungen: »Name … Name … Name …« – die obsessive Wiederholung ist mystisch bedeutsam: sie verwandelt das Gedicht selbst in eine Form des Gebets.
– Epitheta und Metaphernfülle: »ungeschaffne Sonne«, »zuckersüße«, »güldner Name«. Solche Attribute steigern die Ekstase und schaffen einen Rausch von Bildern.
– Synästhesie: Duft (Ambra, Balsam), Geschmack (Nektar, süße), Klang (Engelsgesang) – alle Sinne werden hereingezogen, sodass das Ganze eine mystische Totalerfahrung wird.
– Paradoxe Überhöhung: »ungeschaffne Sonne« – eine Sonne, die nicht erschaffen ist, verweist auf die Ewigkeit Christi.
4. Funktion der Namenspoetik
Der Name Jesu wird nicht als bloße Lautfolge verstanden, sondern als Präsenz und Wirkkraft. In mystischer Tradition bedeutet der Name, dass Gott in der Sprache selbst erfahrbar wird. Sprache ist nicht nur Zeichen, sondern Medium des Göttlichen. Das Gedicht ist daher Gebet und Theologie in poetischer Form.
5. Theologische Tiefendimension
– Christozentrik: Alles wird auf Jesus fokussiert.
– Mystische Union: Der Name wird ins Herz aufgenommen, die Seele wird durch den Klang, Duft, Geschmack des Namens transformiert.
– Inkarnation im Wort: Der Name selbst ist wie eine zweite »Inkarnation«: in Laut und Klang tritt das Göttliche unmittelbar hervor.
– Eschatologische Hoffnung: Das Herz trägt den Namen in Ewigkeit – eine innere Unio mystica, die nie vergeht.
Fazit
Das Gedicht »Sie preist den Namen Jesu« ist ein paradigmatisches Beispiel barocker Mystikdichtung. Es verbindet die überbordende Bildfülle der Epoche mit der asketisch-mystischen Konzentration auf den Namen Jesu. Literaturhistorisch steht es in der Tradition der katholischen Namensfrömmigkeit und der mittelalterlichen Mystik; literaturwissenschaftlich zeigt es eine hochartifizielle, hymnische Struktur, die den Leser/Hörer nicht nur informieren, sondern performativ in die Erfahrung des »süßen Namens Jesu« hineinziehen will.