Du süßer Knabe du, wie herzlich lieb ich dich!

Angelus Silesius

Sie liebkost das Jesulein

Du süßer Knabe du, wie herzlich lieb ich dich! 1
Wie hab ich dich so gern, wie hoch erfreust du mich! 2
Ach, laß mich doch gelangen, 3
Daß ich dich, wie ich will, 4
Mag herzen und umfangen 5
Ohn alle Maß und Ziel. 6

Du bist mein Augentrost, mein ewiger Gewinn, 7
Mein bester Aufenthalt, wo ich am liebsten bin. 8
Bist englisch an Geberden, 9
Huldselig von Gesicht, 10
Das schönste Kind auf Erden, 11
Dem nie sein Glanz gebricht. 12

O allerliebstes Kind, ach, drücke doch steif ein 13
In meinen bleichen Mund die süßen Lippelein! 14
Du mußt mir Atem geben, 15
Mein Rosenmündelein, 16
Mein Seelichen, mein Leben, 17
Mein liebstes Lämmelein. 18

Du bist ja voller Huld und voller Lieblichkeit, 19
Du bist die Liebe selbst und selbst die Freundlichkeit. 20
O Knabe voller Güte, 21
Du bist mein Brüderlein, 22
Du tröstest mein Gemüte, 23
Du schönstes Engelein. 24

Bleib hier mein Himmelreich und alle meine Lust, 25
Ich lasse dich nunmehr nicht weg von meiner Brust. 26
Du mußt mein eigen bleiben 27
Und mir die lange Zeit 28
Verkürzen und vertreiben 29
Mit deiner Lieblichkeit. 30

Vers-für-Vers Analyse

1 Du süßer Knabe du, wie herzlich lieb ich dich!
Der Eingang ruft Jesus in der Gestalt des Kindes an – eine zärtliche, fast mütterliche Sprache. »Süßer Knabe« deutet nicht nur auf die Kindheit Jesu hin, sondern auf die Mystik der Kenosis: Gott wird klein, ohnmächtig, kindlich. Das »herzlich lieb« ist nicht bloß emotionale Zuneigung, sondern eine innere Herzensbewegung, die auf die unitas cordis verweist – das Herz als Ort, wo Gott wohnt. Die Liebesanrede ist hier schon mystische Vereinigung in Keimform.
2 Wie hab ich dich so gern, wie hoch erfreust du mich!
Die Freude des Mystikers wird nicht aus äußeren Gaben genährt, sondern aus der bloßen Gegenwart Christi. Die Wiederholung des »wie« steigert die Intensität. Freude (gaudium spirituale) gilt in der Mystik als unmittelbare Frucht der Gottesnähe. In der Theologie der Inkarnation ist es der paradoxale Jubel, dass der Ewige sich in kindlicher Gestalt verschenkt.
3 Ach, laß mich doch gelangen,
Hier tritt das Bitten ins Zentrum. Der Sprecher ist nicht schon am Ziel, sondern auf dem Weg (via mystica). Das »gelangen« deutet auf eine Bewegung zur Vereinigung hin – eine Bitte, in das göttliche Innerste einzutreten. Es hat etwas Pilgerhaftes: der Weg zur Nähe Gottes ist nicht automatisch, sondern Gnade-bedingt.
4 Daß ich dich, wie ich will,
Der Mystiker bittet nicht nur um Nähe, sondern auch um Freiheit in der Liebesbegegnung. »Wie ich will« klingt kühn: die eigene Willensbewegung soll in Einklang kommen mit der göttlichen Gestalt, sodass kein Zwang, sondern freie Liebe herrscht. Hier klingt auch das Paradox mystischer Freiheit an: je mehr sich der Mensch Gott hingibt, desto mehr »wie ich will« kann er lieben, weil der eigene Wille in Gottes Wille übergeht.
5 Mag herzen und umfangen
Die Zärtlichkeit des Bildes kulminiert: Umarmen, ans Herz drücken – die mystische unio cordis. Hier wird Christus nicht als ferne Majestät gedacht, sondern als unmittelbares Gegenüber, das sich anfassen, umschlingen lässt. Das ist ein radikaler Ausdruck der Menschwerdung: Gott lässt sich vom Menschen berühren. Mystisch ist dies eine Vorwegnahme der innigsten Vereinigung zwischen Seele und Gott.
6 Ohn alle Maß und Ziel.
Die Liebesbewegung ist grenzenlos. »Ohn Maß und Ziel« erinnert an Meister Eckhart und die apophatische Mystik: Gott kann nicht in menschliches Maß gefasst werden, daher ist auch die Liebe zu ihm maßlos, jenseits der Kategorien von Quantität oder Regel. Dies verweist zugleich auf die göttliche Agape, die selbst unendlich ist. Der Mystiker will in dieselbe Unendlichkeit eintreten.
7 Du bist mein Augentrost, mein ewiger Gewinn,
Hier eröffnet das lyrische Ich (die liebkosende Seele) mit einer innigen Anrede an das Jesuskind. »Augentrost« verweist auf das Sichtbare, das konkrete Anschauen der Schönheit Christi, die das Herz erquickt. Zugleich ist Christus nicht nur momentaner Trost, sondern »ewiger Gewinn«, also der unvergängliche Schatz. Mystisch betrachtet spiegelt sich hierin der Gegensatz von Zeit und Ewigkeit: das sichtbare »Augentrost« wird durch die himmlische Dauer (»ewiger Gewinn«) transzendiert. Silesius knüpft damit an die Tradition der Brautmystik an, wo die Betrachtung des göttlichen Kindes den inneren Blick auf das Ewige richtet.
8 Mein bester Aufenthalt, wo ich am liebsten bin.
Christus ist nicht nur Trost, sondern auch Wohnstätte. Das Wort »Aufenthalt« spielt auf die innere Heimat an: in Ihm ruht die Seele, bei Ihm ist ihr wahrer Ort. Es ist die Mystik der »Wohnung in Gott« (Joh 15:4: »Bleibet in mir, und ich in euch«). Zugleich klingt eine kindliche Geborgenheit mit: das Jesulein wird zur Herberge der Seele. In dieser Vertrautheit liegt der Kern der Mystik Silesius’: die Gottheit nicht nur fern als Transzendenz, sondern nah und gegenwärtig als Ort der Seele.
9 Bist englisch an Geberden,
Die Bewegungen Jesu werden »englisch« genannt – also überirdisch rein, lichtvoll, von einer Reinheit, die über das Menschenmaß hinausgeht. »Geberden« (Gesten, Ausdrucksformen) deuten auf die Verkörperung göttlicher Harmonie in menschlicher Gestalt. Hier zeigt sich der Gedanke der Inkarnation als sichtbarer Abglanz der Engelwelt. Gleichzeitig weist der Vers auf die Nähe von Mensch und Engel hin, insofern das Kind bereits in seiner Bewegtheit himmlische Ordnung ausstrahlt.
10 Huldselig von Gesicht,
Das Antlitz Jesu wird als »huldselig« bezeichnet: voll Gnade, Anmut und segnender Zuwendung. In der frühneuzeitlichen Bildfrömmigkeit ist das »heilige Gesicht« (volto santo) ein zentraler Betrachtungspunkt. Mystisch bedeutet es: Das Gesicht Christi ist das Offenbarwerden des göttlichen Wohlwollens selbst. »Huldselig« ist mehr als freundlich – es ist die Manifestation der Gnade im Angesicht.
11 Das schönste Kind auf Erden,
Hier gipfelt die Strophe im Vergleich: Jesus wird als »das schönste Kind« bezeichnet. Schönheit ist hier nicht nur ästhetisch gemeint, sondern theologisch als Ausstrahlung der göttlichen Wahrheit und Liebe. Christus verkörpert die pulchritudo divina – die Schönheit Gottes in Menschengestalt. Im Kindsein erscheint diese Schönheit unverdorben und rein, gleichsam als Archetypus aller Schönheit auf Erden.
12 Dem nie sein Glanz gebricht.
Der Schlussvers setzt das ewige Leuchten Christi gegen die Vergänglichkeit der Welt. Während menschliche Schönheit verblasst, bleibt Jesu Glanz unveränderlich. Damit wird die Inkarnation als ein strahlendes Paradox sichtbar: das Kind ist zugleich dem Wandel der Welt unterworfen, aber in ihm leuchtet das Unvergängliche. Silesius unterstreicht damit die ewige Strahlkraft des Göttlichen im Kindlichen.
13 O allerliebstes Kind, ach, drücke doch steif ein
Der Sprecher wendet sich in innigster Anrede an das göttliche Kind – das Jesuskind, das Inbild der Inkarnation und zugleich der göttlichen Unschuld. »Allerliebst« steigert die zärtliche Nähe bis zur maximalen Intensität. Der Ruf »ach« zeigt die Sehnsucht und das innere Drängen. »Drücke doch steif ein« evoziert das körperliche, fast physisch leidenschaftliche Begehren: ein festes, bleibendes Eindrücken, als wolle die Berührung unauslöschlich im Herzen, ja im Fleisch eingeprägt werden. Hier wird das Motiv der unio mystica körpernah formuliert: die Sehnsucht nach Verschmelzung.
14 In meinen bleichen Mund die süßen Lippelein!
Die Farbe »bleich« markiert den Zustand des Ichs: entkräftet, leblos, auf göttlichen Atem angewiesen. Die »süßen Lippelein« des Jesuleins stehen für die Quelle des Lebens, des Logos, des göttlichen Wortes, das Fleisch geworden ist. In der Mystik ist der Kuss oft Bild für den Austausch des göttlichen Geistes (vgl. Hld 1,2: »Er küsse mich mit dem Kuss seines Mundes«). Der bleiche Mund wird durch die göttliche Süße wiederbelebt – eine Theologie der Inkarnation in zärtlicher Bildsprache.
15 Du mußt mir Atem geben,
Dies ist die innere Konsequenz: Das Ich erkennt seine Abhängigkeit. »Atem« verweist auf den Heiligen Geist (pneuma, spiritus), den Lebenshauch Gottes, ohne den der Mensch tot bleibt. Die Bitte ist radikal: Nur das göttliche Kind kann Leben schenken. Der Vers klingt zugleich an die Schöpfung (Gen 2,7) an, wo Gott dem Menschen den Odem des Lebens einhaucht. Der Mystiker wird zum Adam, der neu beatmet werden muss – diesmal vom menschgewordenen Gotteskind.
16 Mein Rosenmündelein,
Das Bild des »Rosenmundes« ist mehr als poetische Zärtlichkeit: die Rose symbolisiert Liebe, Reinheit, zugleich das blutrote Leiden Christi. Das »-lein« verstärkt die kindliche Liebkosung. Im »Rosenmündelein« verbinden sich sinnliche Schönheit und mystisches Leiden. Der Mund ist zudem Organ des Wortes, des Logos: Hier küsst die Rose des göttlichen Wortes die bleiche Menschenseele.
17 Mein Seelichen, mein Leben,
Die Anrede verschiebt sich: Das Jesulein ist nicht mehr nur äußerer Geliebter, sondern wird identifiziert mit der eigenen Seele und mit dem Leben selbst. Mystische Paradoxie: Das Ich erkennt sein Leben im Anderen, das Andere als sein Innerstes. »Mein Seelichen« ist eine zärtliche Diminutivform, aber zugleich theologisch tief: Christus ist das eigentliche »Seelenleben« des Menschen.
18 Mein liebstes Lämmelein.
Abschluss der Strophe: Das Jesulein wird als Lamm bezeichnet – Anspielung auf Christus als »Agnus Dei«, das Opferlamm, das die Sünden der Welt trägt (Joh 1,29). Auch hier wieder der Diminutiv, der die unendliche Nähe und Zärtlichkeit ausdrückt. Der »liebste« Opfercharakter: nicht Schrecken, sondern liebende Hingabe. Mystisch paradox: Das Kind ist zugleich das Opferlamm, die Quelle der Süße und der Tod für die Erlösung.
Fazit
Diese Strophe entfaltet in einer Kette zärtlicher Anreden den Weg der mystischen Annäherung: von der leiblichen Bitte um den Kuss (V. 13–14), über das Erkennen der Abhängigkeit vom göttlichen Lebensatem (V. 15), bis zur Identifikation des Kindes mit der eigenen Seele und dem eigenen Leben (V. 17). Die Endstrophe schließt mit dem paradoxen Bild des Opferlammes (V. 18), das Liebe und Leid in eins setzt.
Die Spannung von sinnlicher Bildlichkeit (Kuss, Lippen, Rosenmund) und theologischer Tiefe (Atem, Seele, Lamm Gottes) zeigt Silesius’ mystischen Stil: Das Göttliche wird nicht abstrakt gedacht, sondern im innigsten Zwiegespräch erfahren.
19 Du bist ja voller Huld und voller Lieblichkeit,
Hier spricht die Stimme der Andacht das Jesulein an als Inbegriff göttlicher Anmut. »Huld« verweist auf die Gnade, die in der lutherischen und mystischen Tradition stets als unverdiente, frei geschenkte Zuwendung Gottes verstanden wird. »Lieblichkeit« betont nicht nur äußere Schönheit, sondern innere Süße, die dem gläubigen Herzen Nahrung gibt. In der barocken Bildsprache wird das Kind nicht nur als unschuldig, sondern als Ausstrahlung des göttlichen Wohlgefallens beschrieben. Dieser Vers öffnet die Atmosphäre der Strophe: reine Zuwendung, reine Attraktion des Göttlichen im Menschensohn.
20 Du bist die Liebe selbst und selbst die Freundlichkeit.
Die Identität Christi mit »Liebe« erinnert an die johanneische Theologie: »Gott ist die Liebe« (1 Joh 4,8). Das Kind ist nicht ein Träger der Liebe, sondern die Liebe in Person. »Freundlichkeit« bedeutet hier nicht bloße Milde, sondern das personale Zuwenden Gottes: Christus ist der »Freund« des Menschen, der in unendlicher Nähe und Sanftheit gegenwärtig ist. Mystisch gesehen: Der Beter erblickt im Jesulein das Wesenhafte, nicht bloß Eigenschaften. Er erkennt die Wesensgleichheit des Kindes mit der göttlichen Agape.
21 O Knabe voller Güte,
Das Kind wird nun direkt in einer Anrufung angesprochen: »O Knabe«. Die Wiederholung von Attributen (»voller Huld«, »voller Lieblichkeit«, nun »voller Güte«) steigert sich in einer litaneiartigen Bewegung. »Güte« verweist stärker auf das aktive Wirken: nicht nur Schönheit oder Zuwendung, sondern tätige, schöpferische Gnade. In mystischer Hinsicht spiegelt sich hier die Erfahrung, dass das Kleine, das Demütige (der »Knabe«), zugleich das Trägerorgan der höchsten Fülle ist.
22 Du bist mein Brüderlein,
Ein kühner Zug: Christus wird nicht nur als Herr oder Heiland, sondern als Bruder angesprochen. Im Protestantismus wie in der Mystik ist die Brüderlichkeit Christi eine vertraute Kategorie: Gott wird nicht nur angebetet, sondern in Christus zum Mitmenschen, Mitgeschöpf. »Brüderlein« verkleinert und verniedlicht das Verhältnis, was die Intimität steigert: Gott ist nicht der ferne Majestätische, sondern das mit mir verbundene, gleichsam familiäre Leben. Mystisch gesehen: Vereinigung geschieht durch Vertrautheit, durch Nähe im Kleinsten.
23 Du tröstest mein Gemüte,
Hier wird die Wirkung Christi auf die Seele ausgesprochen. »Gemüt« bedeutet im barocken Sprachgebrauch nicht bloß Gefühl, sondern das gesamte Innenleben, die geistige und seelische Verfassung. Christus ist Tröster, also derjenige, der Leid und Unruhe verwandelt in Frieden. Damit tritt der soteriologische Aspekt hervor: Das Jesulein ist nicht nur schön, sondern wirkt unmittelbar heilend und befreiend auf die menschliche Seele. Tiefenschau: In der Nähe des Kindes findet der Mystiker sein inneres Gleichgewicht, die Aufhebung von Angst.
24 Du schönstes Engelein.
Die Strophe schließt mit einer zärtlichen Überhöhung: Das Jesulein wird als Engelchen angesprochen, also als reiner Bote Gottes, als Überirdisches in kindlicher Gestalt. Zugleich liegt ein paradoxes Moment darin: Der Sohn Gottes wird mit einem Engel verglichen, der doch geringer ist als der Sohn. Das zeigt die barocke Tendenz zur liebevollen Übertreibung und zur paradoxalen Bildlichkeit. Mystisch gesehen: Christus ist sowohl ganz Mensch (Knabe, Brüderlein) als auch übermenschlich (Engel). Die Spannung von Immanenz und Transzendenz wird in einem einzigen Kosewort gehalten.
Fazit
Die Strophe 4 entfaltet eine progressive Nähe:
1. Von der objektiven Beschreibung der göttlichen Fülle (Huld, Lieblichkeit) →
2. zur Wesensidentität (Liebe selbst, Freundlichkeit) →
3. zur persönlichen Anrufung (Knabe voller Güte) →
4. zur Intimbeziehung (mein Brüderlein) →
5. zur seelischen Wirkung (Tröster des Gemüts) →
6. bis zur zärtlich-mystischen Überhöhung (schönstes Engelein).
Der Weg führt also von der Anerkennung der Herrlichkeit Christi zur mystischen Vereinigung im familiären, brüderlichen, engelhaften Bild.
25 Bleib hier mein Himmelreich und alle meine Lust,
Der Dichter nennt Christus selbst »mein Himmelreich«. Nicht ein fernes Jenseits ist der Himmel, sondern die Gegenwart Christi im Herzen. Damit wird die Vereinigung des Mystikers mit Christus als schon gegenwärtig verstanden – die eschatologische Hoffnung rückt in die Innerlichkeit. »Alle meine Lust« ist ein paradoxes Wort, weil Lust einerseits erotische Konnotation trägt, andererseits geistliche Wonne bedeutet. Der Vers verbindet erotische Innigkeit mit mystischer Freude: Christus wird als Inbegriff aller Freude und Vollendung angesprochen.
26 Ich lasse dich nunmehr nicht weg von meiner Brust.
Die »Brust« symbolisiert Herz, Innerlichkeit, Sitz der Liebe und Hingabe. Das Festhalten ist ein Motiv der mystischen Brautmystik (vgl. Hld 3,4: »Ich fand, den meine Seele liebt, ich hielt ihn fest und ließ ihn nicht los«). Silesius greift diese Bildwelt auf: Der Mystiker will die innere Christusgegenwart nie mehr verlieren. Ein inniger Besitzanspruch klingt mit, der aber ganz in Liebe begründet ist, nicht in Herrschaft.
27 Du mußt mein eigen bleiben
Das »Eigen« ist ein Eigentumswort. Mystisch paradox: Der Mensch beansprucht Christus für sich, und doch ist er selbst Eigentum Christi. In dieser gegenseitigen Hingabe vollzieht sich die Einheit. Man hört die Sprache einer Minnebeziehung, in der Geliebte und Liebender einander »gehören«. Theologisch gesehen klingt hier die unio mystica an: Christus bleibt »eigen«, aber nicht exklusiv, sondern in der Wechselseitigkeit göttlicher Liebe.
28 Und mir die lange Zeit
»Die lange Zeit« ist die Lebenszeit in der Welt, das irdische Dasein vor der Vollendung. Es klingt die Erfahrung der Mühsal, der »Länge« der Pilgerschaft an, die der Mystiker auszuhalten hat. Sie wird subjektiv als »lang« empfunden, weil das Ziel – die ewige Vereinigung – ersehnt wird. Schon im Hier und Jetzt aber kann Christus durch seine Nähe diese Länge verwandeln.
29 Verkürzen und vertreiben
Christus soll die Last der Zeit verkürzen und die Mühsal vertreiben. Gemeint ist nicht, dass die Zeit faktisch schneller verläuft, sondern dass die Wahrnehmung der Zeit durch Liebe verwandelt wird. Mystische Liebe hebt das quälende Zeitempfinden auf. In der Gegenwart Christi verliert das Leiden der Dauer seinen Stachel. Hier liegt eine subtile Zeitmystik: Zeit wird im Blick auf die Ewigkeit nicht mehr als bloße Last, sondern als durchdrungen von Gegenwart erfahren.
30 Mit deiner Lieblichkeit.
»Lieblichkeit« ist das zärtliche Attribut Christi. Sie verweist zugleich auf die Schönheit Gottes (pulchritudo divina) und die süße Wonne der minnehaften Begegnung. Alles Schwere wird durch diese »Lieblichkeit« aufgehoben. Es ist die Verklärung der Welt durch den göttlichen Glanz. Damit schließt die Strophe in einer Sprache, die an das Hohelied erinnert, und lässt Christus als Liebesquelle die Zeit in Freude verwandeln.

Gesamtanalyse

1. Poetische Gesamtbewegung
Das Gedicht entfaltet sich als fortschreitende Steigerung einer mystischen Liebesrede an das Jesuskind. Ausgangspunkt ist die zarte Anrede (»Du süßer Knabe«) mit dem Bekenntnis von Zuneigung und Trost, und die Bewegung geht über in ein immer stärkeres körperlich-inniges Begehren (Herzen, Umfangen, Lippenkuss) bis hin zur mystischen Verschmelzung (Jesus als »mein Himmelreich«, »mein Leben«). Es handelt sich also um eine Steigerung von Verehrung → Zuneigung → Intimität → Verschmelzung, wobei der Sprachduktus zwischen kindlicher Innigkeit, mystischer Theologie und barocker Sinnlichkeit oszilliert.
2. Organische Einheit von Kindlichkeit und Mystik
Das Gedicht arbeitet durchgehend mit der paradoxen Figur: Das göttliche Kind ist zugleich irdisches Kind und ewiger Gott.
Einerseits erscheint Jesus als »Knabe«, »Brüderlein«, »Lämmelein« – das Bild des zarten Kindes, das mit diminutiven Kosenamen angesprochen wird.
Andererseits wird er als »ewiger Gewinn«, »Liebe selbst«, »Himmelreich« bezeichnet – hier spricht die mystische Erkenntnis, dass im Kind die Fülle der Gottheit gegenwärtig ist.
Diese Spannung zwischen konkreter sinnlicher Zärtlichkeit und transzendenter Heilsbedeutung ist das organische Prinzip, das die fünf Strophen zusammenhält.
3. Dynamik von Leiblichkeit und Spiritualität
Das Gedicht ist ein Musterbeispiel für Silesius’ barocke Religiosität, in der Leib und Geist nicht getrennt, sondern ineinander verschränkt sind.
Die Liebkosung des Kindes (Herzen, Umfangen, Küssen) ist nicht profan, sondern Ausdruck der mystischen Vereinigung.
Der Atem Jesu, den das lyrische Ich begehrt, ist doppeldeutig: Lebensatem und Geist (pneuma, spiritus). Damit wird das körperlich Ersehnte zum Bild des geistigen Lebens.
Die »Lippelein« Jesu sind gleichzeitig kindliche Zartheit und Symbol des Logos, des göttlichen Wortes, das Leben spendet.
Die Strophen zeigen so eine progressive Inkarnation des Göttlichen ins Intime und Körperliche, wobei gerade darin das Spirituelle vollendet wird.
4. Rhythmische und rhetorische Einheit
Jede Strophe umfasst sechs Verse und folgt der gleichen Form: eine erste Hälfte, die anredet und bekennt, und eine zweite Hälfte, die konkretisiert und steigert. Durch diese wiederholte Struktur entsteht eine Art litaneiartige Intensivierung.
Strophe 1: Bekenntnis der Liebe und Sehnsucht nach Umarmung.
Strophe 2: Trost, Schönheit, Engelsgleichheit.
Strophe 3: Bitte um den Kuss – körperlich-geistige Vereinigung.
Strophe 4: Bekenntnis Jesu als Liebe und Güte.
Strophe 5: Besitzergreifendes Finale: Jesus bleibt in der Brust des Dichters, als Himmelreich und Lust.
Die Struktur zeigt eine Spannung von Anrufung, Bitte, Besitznahme – ein Dreischritt, der typisch für die barock-mystische Liebeslyrik ist.
5. Theologische Tiefendimension
Das Gedicht ist nicht bloß eine fromme Andacht, sondern Ausdruck einer mystischen Christologie:
Jesuskind = condensatio des Göttlichen in einer liebkosbaren Gestalt.
Die Sprache der Minne, die an die Brautmystik des Hohenliedes erinnert, wird auf das Kind angewendet – ein bewusster Bruch, der die paradoxale Zartheit des Göttlichen unterstreicht.
Das Gedicht zielt auf die unio mystica: »Bleib hier mein Himmelreich und alle meine Lust« – die Präsenz des Gotteskindes im Inneren der Seele.
Die letzte Strophe markiert die endgültige Vergöttlichung der Liebesgemeinschaft: Jesus wird nicht mehr von außen erbeten, sondern bleibt als inneres Reich und Quelle der Freude.
6. Zusammenfassung der organischen Ganzheit
Das Gedicht »Sie liebkost das Jesulein« bildet eine einzige Bewegung der mystischen Vereinigung:
Beginnend mit der kindlichen Zärtlichkeit,
– durchdrungen von barocker Leiblichkeit,
– getragen von der Theologie der Inkarnation,
– gipfelnd in der inneren Aneignung des Göttlichen.
Es ist ein Liebesgedicht an Gott im Modus der Kindlichkeit, das dennoch höchste mystische Wahrheit artikuliert: Gott ist nicht fern, sondern wird im Herzen des Liebenden zum »Himmelreich«.

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