Angelus Silesius
Sie heißt das Jesulein willkommen sein
Willkommen, edles Knäbelein, 1
Willkommen, liebes Kind. 2
Willkommen, süßes Jesulein, 3
Durch dich mein Leid verschwindt. 4
Du bist mein Heil und Seligkeit, 5
Du bringst mir tausend Freuden, 6
Du machst, daß ich in Ewigkeit 7
Von Gott bleib ungescheiden. 8
–
Du bist mir lieber, als die Welt 9
Und hundert Himmel sein, 10
Auf dich ist all mein Tun gestellt, 11
Du wertes Jesulein.[56] 12
Dir will ich, was ich hab und bin, 13
Von Grund des Herzens schenken. 14
Auf dich soll mein Gemüt und Sinn 15
Ohn Unterlaß gedenken. 16
–
Ich bin ganz unaussprechlich froh, 17
Daß du gekommen bist, 18
Daß du, obzwar auf Heu und Stroh, 19
Wirst Mensch und Kind gegrüßt. 20
Ach, laß dein Zuckermündelein 21
Mein arme Seel erquicken 22
Und die verliebten Äugelein 23
Erfreulich auf mich blicken. 24
–
Wie herzlich sehn ich mich nach dir, 25
O freudenreiches Kind! 26
Verlaß die Kripp und komm zu mir, 27
Komm eilends, komm geschwind. 28
Ich will ein kleines Krippelein 29
Aus meinem Herzen machen, 30
Daß du darin, mein Jesulein, 31
Stets schlafen sollst und wachen. 32
Analyse – Strophe I – Verse 1-8
1 Willkommen, edles Knäbelein,
Das »Willkommen« ist nicht nur eine Begrüßungsformel, sondern ein geistliches Öffnen des Herzens. Silesius begrüßt das »Knäbelein«, den neugeborenen Christus, nicht in äußerlicher Gastfreundschaft, sondern in mystischer Innerlichkeit »Edles« deutet hier auf die doppelte Natur: menschlich klein und doch königlich, göttlich erhaben.
2 Willkommen, liebes Kind.
Die Wiederholung des Willkommens verstärkt die Haltung der Hingabe. Mit »liebes Kind« erscheint das Göttliche zugleich als Nähe, Zärtlichkeit, Liebe – nicht fern und schrecklich, sondern vertraut und kindlich. Mystisch gesehen: Gott tritt in die Seele ein als Liebe, nicht als Macht.
3 Willkommen, süßes Jesulein,
Das Attribut »süß« ist typisch barock-mystisch: es verweist auf die Erfahrung der inneren Süßigkeit der Gottesgegenwart. Das Jesulein ist nicht nur Gegenstand des Glaubens, sondern Quelle eines geschmeckten Trostes. Man könnte sagen: mystische Theologie wird hier sinnlich-experientiell – Gottesnähe schmeckt, ist süß.
4 Durch dich mein Leid verschwindt.
Christus als inneres Heilmittel: Das menschliche Leid, die existentielle Gebrochenheit, wird aufgehoben. Im mystischen Sinn heißt das nicht, dass alle Schmerzen wegfallen, sondern dass sie im göttlichen Licht ihre zerstörende Macht verlieren. Christus ist der, der alles Leiden verwandelt in einen Raum der Vereinigung mit Gott.
5 Du bist mein Heil und Seligkeit,
Hier steigert sich das Bekenntnis: Das Jesulein ist nicht nur Tröster, sondern das Heil selbst »Heil« umfasst Heilung, Ganzwerdung, Erlösung »Seligkeit« wiederum meint die höchste mystische Vollendung: die Teilnahme an der göttlichen Glückseligkeit.
6 Du bringst mir tausend Freuden,
Mystische Überfülle: Gott ist nicht knapp, sondern überströmend »Tausend« ist kein rechnerischer Wert, sondern eine barocke Chiffre für unendliche Fülle. Der Dichter spricht nicht von einer einzigen Freude, sondern von unzähligen, weil die Begegnung mit Christus die ganze Seelenwelt verwandelt.
7 Du machst, daß ich in Ewigkeit
Die Perspektive weitet sich vom Jetzt zur Ewigkeit. Christus wirkt nicht nur im Moment des inneren Trostes, sondern schafft eine bleibende Vereinigung, die den Tod überschreitet. Es geht um die unendliche Dauer der Gnade.
8 Von Gott bleib ungescheiden.
Dies ist der Höhepunkt der Strophe: Das Ziel ist die mystische Untrennbarkeit von Gott »Ungescheiden« bedeutet: keine Distanz mehr, keine Fremdheit, sondern vollkommene Einheit. Dies erinnert stark an Meister Eckhart: das Ziel des Menschen ist, in Gott ungetrennt zu bleiben, eins mit der göttlichen Quelle.
Fazit
Diese erste Strophe entfaltet also eine mystische Dramaturgie: vom Willkommensgruß (1–3), über die persönliche Heilserfahrung (Vers 4–6), bis hin zum ewigen, unauflöslichen Einssein mit Gott (Vers 7–8).
Gesamte Strophe
Die Strophe entfaltet sich wie ein einziger geistlicher Willkommensgruß, der aus der Mitte einer mystisch-liebenden Seele hervorgeht. Formal betrachtet sind die acht Verse streng symmetrisch gebaut, metrisch gleichmäßig und von einer deutlichen Parallelität geprägt: dreimal wird das »Willkommen« wiederholt, wodurch ein ritueller, fast litaneiartiger Charakter entsteht. Schon dadurch erscheint die Strophe nicht bloß als ein lyrischer Einstieg, sondern als eine geistliche Anrufung, die einen Akt der Aufnahme ins Innere, ins Herz, ausdrückt.
Inhaltlich bewegt sich die Strophe von der zarten Zuwendung (»edles Knäbelein«, »liebes Kind«, »süßes Jesulein«) hin zur Verwandlung des eigenen Lebens durch die Gegenwart Christi: das persönliche Leid verschwindet, Heil und Seligkeit werden geschenkt, die Freude wird vervielfacht, und schließlich wird die bleibende Vereinigung mit Gott versichert. Diese Bewegung ist nicht additiv, sondern organisch: die erste Hälfte (Verse 1–4) umkreist das Bild der zärtlichen Begrüßung, die zweite Hälfte (Verse 5–8) entfaltet die Konsequenzen dieser Begrüßung im Heilszuspruch.
Sprachlich fällt die enge Verschränkung von Zärtlichkeit und Theologie auf. Das Diminutiv »Jesulein« bindet das Göttliche an ein Bild kindlicher Nähe, während Begriffe wie »Heil«, »Seligkeit« und »Ewigkeit« die transzendente Dimension öffnen. Die Strophe lebt also vom paradoxen Zusammenklang von zarter Liebesrede und metaphysischer Tiefe. Dieses Ineinander von Intimität und Ewigkeit macht den organischen Zusammenhang aus: Das Jesulein ist nicht nur Objekt menschlicher Zärtlichkeit, sondern zugleich Quelle unendlicher Freude und untrennbarer Gottgemeinschaft.
Schließlich entsteht durch den rhythmischen Aufbau und die inhaltliche Steigerung eine Kreisbewegung: vom Willkommensgruß über die innere Verwandlung bis zur endgültigen Einheit mit Gott. Die Strophe wirkt dadurch geschlossen wie ein lebendiger Organismus, dessen Gliederung zwar sichtbar ist, aber in einem einheitlichen Strom der mystischen Liebeserfahrung aufgeht.
Analyse – Strophe II – Verse 9-16
9 Du bist mir lieber, als die Welt
Hier wird die klassische Mystikerhaltung ausgesprochen: Christus wird nicht nur bevorzugt, sondern er ist lieber als alles Geschaffene. Die »Welt« steht nicht unbedingt für die Schöpfung als solche, sondern für das Verhaftetsein an das Endliche, Vergängliche. Silesius deutet damit an, dass wahre Liebe jenseits des bloß Sichtbaren liegt und dass Christus für die Seele der höchste Wert ist.
10 Und hundert Himmel sein,
Die Steigerung zur Überweltlichkeit: selbst wenn es »hundert Himmel« gäbe – also nicht nur das eine Paradies, sondern unzählige Seligkeiten – wäre Christus noch mehr wert. Hier klingt eine radikale Christozentrik an: Das Ziel ist nicht eine »Belohnung« im Himmel, sondern die personale Begegnung mit Christus selbst. Mystisch betrachtet ist die Vereinigung mit dem Logos tiefer als jede himmlische Schau.
11 Auf dich ist all mein Tun gestellt,
Die Orientierung der ganzen Existenz: Alles Handeln soll auf Christus ausgerichtet sein. Das erinnert an die ignatianische Formel »Ad majorem Dei gloriam« – alles zur größeren Ehre Gottes. Für Silesius wird Jesus, das Jesulein, zum Maßstab und Ziel jedes Tuns, auch des Geringsten. Mystisch: das Leben wird zum Gebet, indem es Christus als Mitte trägt.
12 Du wertes Jesulein.
Die Anrede »wertes« bringt Zärtlichkeit und Wertschätzung ins Spiel. Das »Jesulein« verweist auf die Menschwerdung, die Kindlichkeit Gottes. Silesius betont damit nicht nur die kosmische Größe, sondern zugleich die zarte Nähe Christi. Das Göttliche wird nicht im Majestätischen allein gesucht, sondern im unscheinbaren, verletzlichen Kind.
13 Dir will ich, was ich hab und bin,
Hier klingt eine totale Hingabe an »Was ich hab und bin« umfasst Besitz, Fähigkeiten, Gefühle und letztlich die ganze Person. Es ist ein mystisches Totaloffer, wie wir es auch bei Johannes vom Kreuz oder in der imitatio Christi finden: nichts für sich behalten, alles Christus schenken.
14 Von Grund des Herzens schenken.
Die Hingabe geschieht nicht äußerlich, sondern aus der Tiefe (»Grund des Herzens«). In der Mystik bezeichnet »Herzensgrund« den innersten Kern der Seele, wo sie Gott unmittelbar begegnet. Silesius will nicht bloß fromm erscheinen, sondern die Innerlichkeit völlig in Christus hinein verlagern.
15 Auf dich soll mein Gemüt und Sinn
Das »Gemüt« meint die gesamte seelische Verfassung, »Sinn« den Denk- und Willenshorizont. Christus soll nicht nur Ziel des Tuns sein (wie 11), sondern auch der ständige Bezugspunkt des Denkens, Wollens und Empfindens. Dies ist eine Art contemplatio continua – das unaufhörliche Verweilen bei Gott.
16 Ohn Unterlaß gedenken.
Das beschließt die Strophe mit einer Betonung der Dauer »Ohn Unterlaß« erinnert an das paulinische »Betet ohne Unterlass« (1 Thess 5,17). Für Silesius wird das Gedächtnis Jesu zur ständigen inneren Übung: nie soll der Name, die Gegenwart, die Liebe Christi aus dem Bewusstsein schwinden.
Fazit
Die Strophe entfaltet eine Steigerung: von der Wertschätzung Christi über die Abkehr von weltlichen Zielen bis zur totalen Hingabe und schließlich zum unaufhörlichen Gedenken. Es ist eine Bewegung vom äußeren Vergleich (»lieber als die Welt«) zum innersten Vollzug (»von Grund des Herzens«), die in das kontemplative Dauergebet mündet.
Gesamte Strophe
Die zweite Strophe des Gedichts »Sie heißt das Jesulein willkommen sein« von Angelus Silesius ist in sich ein geschlossenes, organisches Gebilde, das sich klar um die Mitte des religiösen Subjekts ordnet: das Verhältnis des lyrischen Ichs zum »Jesulein«.
1. Innerer Aufbau und Bewegung
Die Strophe gliedert sich in zwei Sinnhälften, die aber eng ineinandergreifen:
Verse 9–12 markieren die Überordnung Jesu gegenüber allen irdischen und selbst himmlischen Gütern. Der Wert des »Jesulein« übersteigt die Welt und »hundert Himmel« – ein Ausdruck der radikalen Christuszentrierung.
Verse 13–16 entfalten die Antwort des Ichs: Hingabe von Sein und Haben, Herz und Gemüt, Tun und Denken.
Die Bewegung der Strophe ist damit dialogisch, aber nicht im äußeren Sinn von Rede und Gegenrede, sondern als innerer Vollzug: zunächst Wertschätzung, dann Hingabe.
2. Organische Geschlossenheit
Die Strophe funktioniert als ein organisches Ganzes, weil sie aus einem Grundimpuls heraus wächst und alle Teile auf dieses Zentrum hin orientiert sind:
Der Grundimpuls ist die Liebe zum Jesulein (V. 9).
Daraus folgt die Entwertung aller anderen Güter (Welt, Himmel – V. 10).
Dieses Wertgefälle begründet das ausgerichtete Handeln (V. 11–12).
Schließlich wird die Bewegung zur totalen Selbsthingabe (V. 13–16), die Herz, Geist und ständiges Gedenken umfasst.
Die Strophe gleicht so einem Kreislauf: vom Vergleich (Jesus größer als Welt und Himmel) zur Konsequenz (alles Tun und Denken auf ihn gerichtet). Keine Zeile steht isoliert, jede trägt zum Ausdruck der zentralen mystischen Erfahrung bei.
3. Sprachliche Verdichtung
Die Formeln sind schlicht, aber stark »Du bist mir lieber« – »auf dich ist all mein Tun gestellt« – »Dir will ich, was ich hab und bin«. Hier findet sich eine konsequente Parallelführung: alles, was das lyrische Ich besitzt (äußerlich wie innerlich), wird Gott/Christus geschenkt. Durch Wiederholungen (»auf dich …«, »Dir …«) wird die Bewegung der Hingabe verstärkt.
4. Theologisch-mystische Dimension
Die Strophe lebt aus dem Grundton der Brautmystik: das Ich spricht zu Christus in der Zärtlichkeit kindlicher und zugleich liebender Hingabe. Dass das Jesulein »lieber als hundert Himmel« ist, weist über traditionelle Jenseitsvorstellungen hinaus. Nicht die Verheißung des Himmels zählt, sondern die unmittelbare Gemeinschaft mit Christus.
Damit wird das Wesen mystischer Frömmigkeit spürbar: nicht Lohn oder äußere Glückseligkeit, sondern die personale Einheit mit Christus ist Ziel. Der Vollzug des »ohne Unterlaß gedenken« ist nichts anderes als das kontemplative Gebet – ständiges Erinnern und Einwohnen in der Gegenwart Christi.
Fazit
Die zweite Strophe bildet eine in sich runde Bewegung: vom Überbietungswert Christi über Welt und Himmel hin zur Totalhingabe des Ichs. Sie ist organisch geschlossen, weil sie einen inneren Prozess abbildet: Erkenntnis des Wertes → Ausrichtung allen Tuns → Hingabe des ganzen Seins → dauerndes Gedenken. Diese Einheit von Gedanken und Affekt, von Erkenntnis und Hingabe, macht die Strophe zu einem mystischen Mikrokosmos der gesamten Dichtung Angelus Silesius’.
Analyse – Strophe III – Verse 17-24
17 Ich bin ganz unaussprechlich froh,
Hier beginnt die Strophe mit einer paradox klingenden Erfahrung: Die Freude ist »unaussprechlich«, d.h. sie übersteigt die Sprache. Schon hier deutet sich der mystische Zug bei Silesius an: das Göttliche lässt sich in menschlichen Worten nicht vollkommen fassen. Gleichzeitig ist die Freude persönlich und existentiell, kein abstrakter Gedanke, sondern ein übervolles Gefühl, das nur in der paradoxen Formulierung benannt werden kann.
18 Daß du gekommen bist,
Die Ursache dieser Freude ist die Menschwerdung Christi. Das »Du« zeigt die persönliche Ansprache: Christus ist nicht ein fernes Heilsgeschehen, sondern ein Du, dem der Sprecher begegnet. Hier spiegelt sich die innige, fast brautmystische Haltung des Barockmystikers, die eine ganz persönliche Christusliebe ausdrückt.
19 Daß du, obzwar auf Heu und Stroh,
Dieser Vers verweist auf die Armut der Geburt im Stall. Das Heu und Stroh sind Sinnbilder der Demut Gottes: der Schöpfer des Himmels nimmt Wohnung im Niedrigsten, Materiellsten. Mystisch gesehen wird hier der Kontrast zwischen göttlicher Majestät und irdischer Armut hervorgehoben – das eigentliche Wunder der Inkarnation.
20 Wirst Mensch und Kind gegrüßt.
Das Jesulein wird nicht nur als Gottessohn, sondern ausdrücklich als »Mensch und Kind« angesprochen. Dies ist ein Schlüsselvers, der die Inkarnation als vollständiges Menschwerden festhält. Es geht um das »Gegrüßtsein«: Der Mensch grüßt Gott, aber Gott grüßt auch den Menschen – ein gegenseitiges Erkennen. Das »Kind« ist Symbol der Reinheit, Unschuld und zugleich der Zuwendung Gottes in größter Nähe.
21 Ach, laß dein Zuckermündelein
Die Sprache kippt hier in eine zärtliche, fast kindlich-brautmystische Dimension. Das »Zuckermündelein« ist ein typisch barockes Diminutiv, das nicht verniedlicht, sondern die Süßigkeit und Lieblichkeit Christi hervorhebt. Mystisch gesprochen: Gottes Wort (das »Mündelein«) ist süß wie Honig – ein Motiv, das sich auch in der Bibel (z. B. Psalm 119,103 »Wie süß sind deine Worte meinem Gaumen«) wiederfindet.
22 Mein arme Seel erquicken
Die Seele des Sprechers ist »arm«, d.h. bedürftig und leer – barocker Ausdruck der creaturalen Hinfälligkeit des Menschen. Doch gerade diese Armut ist der Ort, an dem die göttliche Süße erquickend wirken kann. Mystische Tradition: Nur der, der arm im Geiste ist, kann erfüllt werden (vgl. Mt 5,3).
23 Und die verliebten Äugelein
Christus’ Augen werden als »verliebt« beschrieben – ein überraschendes, fast erotisches Bild. Silesius spricht hier aus der Sprache der Brautmystik, die in Christus den göttlichen Liebhaber sieht. Diese Augen sind nicht strafend oder prüfend, sondern voller Liebe, die den Menschen anblickt und verwandelt.
24 Erfreulich auf mich blicken.
Der Schlussvers kulminiert in der Bitte: Christus möge den Sprecher anschauen. In der Mystik ist der Blick Gottes heilend, verwandelnd, beglückend. Schon im Hohenlied (»deine Augen sind Taubenaugen«) spielt der Blick als Ausdruck der Liebe eine zentrale Rolle. Für Silesius bedeutet dieser Blick nicht nur Freude, sondern die Erfüllung des mystischen Sehnens: Gott sieht mich, erkennt mich, liebt mich.
Fazit
Insgesamt zeigt diese Strophe, wie Angelus Silesius die Menschwerdung Christi zugleich kosmisch (das Wunder der Inkarnation) und intim (das Liebesverhältnis zwischen Seele und Gott) darstellt. Zwischen Armut (Heu und Stroh) und Fülle (Süße des göttlichen Mundes) entfaltet sich die Spannung, die für die christliche Mystik kennzeichnend ist.
Gesamte Strophe
Einheit der Bewegung
Die Strophe entfaltet sich aus einem einheitlichen Affekt: der Freude über die Ankunft Christi. Gleich in 17 (»Ich bin ganz unaussprechlich froh«) wird ein Gefühl gesetzt, das sich im Folgenden in verschiedenen Registern konkretisiert. Dieses Grundmotiv der Freude durchzieht alle acht Verse und hält sie zusammen. Von der spontanen Gefühlsäußerung (»unaussprechlich froh«) geht die Bewegung sofort zur Begründung: Christus ist »gekommen«, wenn auch »auf Heu und Stroh« (19). Das Unerhörte – die Menschwerdung Gottes in Niedrigkeit – ist der Grund der Freude.
Mystische Intensität und Verkörperung
Die Strophe ist nicht abstrakt-theologisch, sondern innig-leibhaft. Der Sprecher möchte von »Zuckermündelein« und »verliebten Äugelein« erquickt werden. Diese Miniaturbilder der Kindlichkeit Christi sind nicht naiv, sondern mystisch aufgeladen: sie sind Sinnbilder der göttlichen Liebesquelle, die in zärtlich-sinnlicher Sprache zur Seele spricht. Die Seele erfährt Christus nicht nur als Dogma, sondern als lebendige, leibnahe Präsenz.
Die beiden ersten Versepaare (17–20) heben die Freude und das Paradox des göttlichen Kindes hervor, die beiden letzten (21–24) wenden sich ganz der inneren, erfahrbaren Beziehung zwischen Seele und Christus zu. Damit entsteht eine organische Struktur: von der allgemeinen Freude → zur theologischen Begründung → hin zur persönlichen, affektiven Vereinigung.
Rhetorische Einheit
Auch formal ist die Strophe geschlossen. Sie beginnt mit einer Ausrufung, geht über in eine Begründung, und endet in einer Bitte. Das ist die innere Bewegung der Frömmigkeit: Jubel → Betrachtung → Gebet. Die diminutiven Sprachformen (»Zuckermündelein«, »Äugelein«) sind keine bloße Kindlichkeit, sondern Ausdruck einer mystischen Verkleinerung: das Göttliche wird im Kleinsten, Zärtlichsten gefunden.
Theologische Ganzheit
Als organisches Ganzes zeigt die Strophe das zentrale Geheimnis der Inkarnation: Gott wird Mensch, klein und schwach, und gerade darin liegt die größte Freude. Diese Paradoxie wird nicht spekulativ entfaltet, sondern affektiv und imaginiert – die Freude, die den Sprecher erfüllt, findet ihr Zentrum im Blickkontakt mit Christus, im »auf mich blicken«. So schließt die Strophe mit einem Bild gegenseitiger Beziehung: die Seele erfährt sich im liebenden Blick des Kindes, der alles erhellt.
Analyse – Strophe IV – Verse 25-32
25 Wie herzlich sehn ich mich nach dir,
Der Sprecher eröffnet mit einer Innigkeit, die keine distanzierte Betrachtung zulässt, sondern unmittelbares Ergriffen-Sein ausdrückt »Herzlich« verweist auf die Quelle der Sehnsucht – das Herz als Sitz der Liebe und des Lebens. Die Sehnsucht ist nicht bloß Wunsch, sondern existenzielles Verlangen, ein brennendes Verlangen nach Vereinigung mit Christus. Mystisch gelesen: Die Seele ruft den göttlichen Bräutigam.
26 O freudenreiches Kind!
Hier begegnet uns eine paradoxe Verbindung: Das »Kind« ist machtlos und zart, doch zugleich »freudenreich« – Träger unendlicher Seligkeit. Die Theologie der Menschwerdung wird erfahrbar: In der Schwachheit der Krippe liegt die Fülle der Freude. Der Ausruf markiert ein Staunen, das die Unbegreiflichkeit des göttlichen Kindes anerkennt.
27 Verlaß die Kripp und komm zu mir,
Das Bild der Krippe ist zugleich Symbol der Weltarmut wie auch der ersten Behausung Gottes in der Geschichte. Der Sprecher wünscht sich, daß Christus diesen äußeren, materiellen Ort verlasse, um den inneren, geistigen Ort – das Herz – zu betreten. Es geht um die Transposition vom historischen Ereignis in Bethlehem hin zum gegenwärtigen, mystischen Vollzug im einzelnen Menschen.
28 Komm eilends, komm geschwind.
Die Dringlichkeit wird spürbar: Es genügt nicht, irgendwann einmal Christus aufzunehmen; die Seele verlangt sofortige Gegenwart. Mystisch gelesen verweist dies auf die Ungeduld der Seele, die in ihrer Gottferne nicht ruhen kann. Es klingt Augustinus’ »Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir« an.
29 Ich will ein kleines Krippelein
Das Herz des Sprechers soll zur neuen Krippe werden »Klein« betont sowohl die Demut als auch die Intimität: Der unendliche Gott will in der Beschränktheit menschlicher Innerlichkeit wohnen. Der Mensch baut keinen Tempel aus Stein, sondern ein Innerstes, schlichtes Heiligtum.
30 Aus meinem Herzen machen,
Das Herz ist der geistliche Raum, in dem sich die Inkarnation fortsetzt. Mystische Traditionen sprechen von der »Herzenshöhle« als Ort der Gottesgeburt. Silesius übernimmt dieses Motiv: Das Herz wird transformiert in eine Wohnstätte Christi.
31 Daß du darin, mein Jesulein,
Die direkte Zuwendung im Diminutiv (»Jesulein«) bringt die Nähe, Zärtlichkeit und kindliche Liebe des Betenden zum Ausdruck. Zugleich wird Christus nicht als fernen Herrscher, sondern als intime Gegenwart angerufen, die im Inneren lebt.
32 Stets schlafen sollst und wachen.
Das abschließende Bild ist doppeldeutig »Schlafen« kann Ruhe, Geborgenheit, Vertrauen bedeuten; »wachen« hingegen Gegenwärtigkeit, Begleitung, lebendige Beziehung. In der Seele des Menschen soll Christus nicht nur einmalig verweilen, sondern bleibend – in Ruhe und Tätigkeit, in allen Lebenslagen. Damit erfüllt sich das höchste Ziel mystischer Frömmigkeit: die ständige Indwelling, das Ineinander von Gott und Mensch.
Fazit
Diese Strophe ist ein komprimiertes mystisches Gebet: Von der Sehnsucht (25) über die Betrachtung der Inkarnation (26–28) hin zur mystischen Innerung (29–32). Sie bringt Silesius’ zentrale Botschaft auf den Punkt: Die wahre Krippe ist nicht in Bethlehem, sondern im menschlichen Herzen, das sich zum Ort der Gottesgeburt wandelt.
Gesamte Strophe
Die Strophe entfaltet sich wie eine einzige große Bewegung des Herzens, in der sich Sehnsucht, Bitte und Hingabe verschränken. Schon der erste Vers »Wie herzlich sehn ich mich nach dir« gibt den Grundton an: ein tiefes Verlangen nach unmittelbarer Vereinigung mit dem »freudenreichen Kind«. Dieses Verlangen ist nicht abstrakt, sondern ganz persönlich gefärbt – es ist eine innige Herzensbewegung, die zugleich Schmerz (Sehnsucht) und Freude (das ersehnte Kind) in sich trägt.
Darauf folgt die doppelte Bitte (V. 27–28) »Verlaß die Kripp und komm zu mir, / Komm eilends, komm geschwind.« Hier wird das Kind nicht nur betrachtet oder gepriesen, sondern direkt angerufen. Die Distanz zwischen der Krippe als äußerem, historischen Ort und dem sprechenden Ich soll aufgehoben werden. Der Heiland soll die Grenze von Raum und Zeit überschreiten und ins Innerste des Betenden eingehen.
Ab 29 vollzieht sich dann die entscheidende Wendung »Ich will ein kleines Krippelein / Aus meinem Herzen machen«. Das Gedicht schlägt hier den Bogen von der äußeren Weihnachtsgeschichte hin zum inneren Geheimnis der Mystik: Nicht die Krippe in Bethlehem ist das Ziel, sondern das Herz des Menschen, das sich als Ort der Menschwerdung Christi öffnet. Das Kind soll in diesem »Krippelein« wohnen, schlafen und wachen – also alle Lebensvollzüge teilen, unablässig gegenwärtig sein (V. 31–32).
In der Einheit betrachtet, bewegt sich die Strophe also vom Sehnen (V. 25) über das Bitten um Gegenwart (V. 27–28) hin zur Verwandlung des Herzens in eine geistige Krippe (V. 29–32). Die äußere Bewegung – das Kind soll aus der Krippe herauskommen – schlägt in eine innere Bewegung um – das Herz wird selbst zur Krippe. Diese Dynamik macht die Strophe organisch: sie ist nicht bloß ein loses Nebeneinander, sondern ein Atembogen, in dem das lyrische Ich sein Innerstes öffnet.
Darüber hinaus entfaltet sich hier eine Grundidee der Mystik Angelus Silesius’: Christus wird nicht nur verehrt oder angebetet, sondern er will im Herzen des Menschen Wohnung nehmen. Die Inkarnation wird so personalisiert und aktualisiert: Bethlehem geschieht immer neu im Innern des Glaubenden.
Gesamtanalyse
1. Das Gedicht als organisches Ganzes
Das Gedicht entfaltet sich als Einladung an das Jesulein, die in vier Strophen mit je acht Versen eine innere Bewegung erkennen lässt. Es wirkt wie ein geistlicher Gesang, der das Schema der Anrede (»Willkommen …«) ausweitet und in Gebet, Lob, Bitte und mystische Vereinigung überführt.
Strophe 1 (V. 1–8): Der Sprecher begrüßt Christus mit mehrfach variierter Anrufung. Dreimal wiederholt er das »Willkommen« – »Knäbelein«, »Kind«, »Jesulein« – und steigert so die Zärtlichkeit. Christus wird sogleich als Heil und Seligkeit benannt, dessen Ankunft das Leid vertreibt und die ewige Gemeinschaft mit Gott eröffnet. Hier liegt der Grundton: das Kind ist schon das Erlösungsprinzip.
Strophe 2 (V. 9–16): Nun weitet sich der Lobpreis zur Überbietung: Christus ist lieber als Welt und Himmel. Das lyrische Ich erklärt, dass alles Tun auf ihn gestellt sei und dass es sich ganz schenken will. Die Begegnung mit dem Kind verlangt nach Selbsthingabe – eine typisch mystische Wendung: das Ich verliert sich, um in Gott wiederzufinden.
Strophe 3 (V. 17–24): Diese Strophe ist von Freude und Innigkeit geprägt. Die paradoxale Spannung von Armut (Heu und Stroh) und göttlicher Würde wird hervorgehoben: Der Schöpfer erscheint in kindlicher Gestalt. Zugleich richtet sich das Gebet auf leibnahe Bilder »Zuckermündelein«, »verliebte Äugelein«. Das ist die Sprache einer fast brautmystischen Zärtlichkeit, die Christus als göttlichen Geliebten anspricht.
Strophe 4 (V. 25–32): Der Wunsch nach Vereinigung steigert sich. Christus soll die Krippe verlassen und ins Herz des Beters einziehen. Das Herz selbst wird zur Krippe umgestaltet, also zum Ort der Inkarnation. Hier kulminiert das Gedicht in der klassischen mystischen Formel: Gott wird im Inneren geboren. Das Motiv der Herzenskrippe ist alt (besonders seit Meister Eckhart), aber hier mit einer fast kindlich-naiven Unmittelbarkeit ausgestaltet.
Die vier Strophen bilden so eine organische Bewegung:
Begrüßung → Hingabe → Innige Freude → Innerliche Vereinigung.
Das Gedicht ist nicht bloß Lobgesang, sondern ein innerer Weg vom äußeren Ereignis (Weihnachten) zur innerlichen Mystik (Gottgeburt im Herzen).
2. Literarhistorische Einordnung
Angelus Silesius (1624–1677), ursprünglich Arzt, später katholischer Priester, ist vor allem bekannt durch den Cherubinischen Wandersmann, eine Sammlung mystischer Epigramme. Daneben verfasste er aber auch eine Fülle geistlicher Lieder und Gedichte, die teils in das protestantische wie katholische Liedgut Eingang fanden.
Das vorliegende Gedicht steht in der Tradition der deutschen barocken Mystik und ist durch mehrere literarhistorische Strömungen geprägt:
Mystische Tradition (Meister Eckhart, Johannes Tauler, Heinrich Seuse): Das Motiv der Geburt Christi »im Herzen« ist seit dem Mittelalter zentral. Silesius greift dieses Bild auf, aber kleidet es in poetische Zärtlichkeit.
Barocke Religiosität: Der barocke Stil zeigt sich in den Superlativen (»tausend Freuden«, »hundert Himmel«), in der hyperbolischen Wertsteigerung des Jesuleins über alle Welt hinaus. Auch der Kontrast von Armut und Herrlichkeit (»Heu und Stroh« ↔ »ewige Seligkeit«) ist ein typisches barockes Motiv.
Pietistische Vorwegnahme: Obwohl Silesius katholisch war, wirkt die Innigkeit und das kindlich-emotionale Sprechen bereits wie eine Vorform des Pietismus. Der Gebrauch von diminutiven Formen (»Knäbelein«, »Jesulein«, »Zuckermündelein«) spiegelt die Tendenz zur persönlichen Herzensfrömmigkeit.
Brautmystik und Liebessprache: Die Rede von den »verliebten Äugelein« und vom »Zuckermündelein« erinnert stark an die Tradition des Hohenlied-Kommentars. Christus erscheint nicht nur als Herr, sondern als Geliebter, dessen Nähe sinnlich und zugleich transzendental erfahrbar ist.
Liedhafte Struktur: Mit seiner metrischen Regelmäßigkeit und dem wiederkehrenden Refraincharakter (»Willkommen«) ist das Gedicht in seiner ganzen Anlage als geistliches Lied konzipiert. Dies macht seine spätere Aufnahme ins Gesangbuch möglich.
3. Zusammenfassung
Das Gedicht ist ein barock-mystisches Weihnachtslied, das die äußere Ankunft Christi in Bethlehem mit der inneren Geburt Christi im Herzen des Gläubigen verbindet. Es entfaltet sich organisch von der äußeren Begrüßung über die persönliche Hingabe bis zur mystischen Vereinigung. Literarisch steht es an der Schnittstelle von spätmittelalterlicher Mystik, barocker Rhetorik und frühpietistischer Herzensfrömmigkeit.
Damit wird deutlich: Das Jesulein ist hier nicht nur das Kind in der Krippe, sondern die fleischgewordene Gottesgegenwart im Innersten der Seele – das Zentrum der christlichen Mystik, das Angelus Silesius poetisch schlicht und zugleich in überströmender Innigkeit ausdrückt.