Geh auf, meins Herzens Morgenstern

Angelus Silesius

Sie sehnt sich nach der geistlichen Geburt Jesu Christi und bittet, daß solche in ihrem Herzen geschehen möge

Geh auf, meins Herzens Morgenstern, 1
Und werde mir zur Sonne; 2
Geh auf und sei nunmehr nicht fern, 3
Du wahre Seelenwonne. 4
Erleuchte mich 5
Ganz inniglich, 6
Daß ich in deinem Lichte 7
Noch diesen Tag 8
Beschauen mag 9
Dein liebstes Angesichte. 10

Ich wünsche nichts als dich zu sehn, 11
Hab auch sonst kein Verlangen; 12
Ach, ach, wann wird es doch geschehn, 13
Daß ich dich werd umfangen! 14
Du bist das Licht, 15
Das mein Gesicht 16
Alleine kann berücken. 17
Du bist der Strahl, 18
Der allzumal 19
Mein Herze kann erquicken. 20

Du bist der Glanz der Herrlichkeit, 21
Du gibst der Welt das Leben; 22
Dein Anblick macht noch in der Zeit 23
Mich in den Himmel schweben. 24
Dein Freudenschein 25
Macht meine Pein 26
Mir über Zucker süße. 27
Deins Geistes Gruß, 28
Deins Mundes Kuß 29
Macht, daß ich ganz zerfließe. 30

Wo bist du, schönster Bräutigam, 31
O auserkorner Knabe? 32
Wo bist du, süßes Gottes Lamm, 33
Daß ich mit dir mich labe? 34
Komm doch geschwind, 35
Du Jungfraun Kind, 36
Komm, komm, eh ich vergehe. 37
Mein Geist und Sinn, 38
Der fällt schon hin, 39
Schau, wie so schlecht ich stehe! 40

Der Leib wird matt, die Seel ist schwach, 41
Die Augen stehn voll Tränen; 42
Der Mund verblaßt, ruft ach und ach, 43
Das Herz ist voller Sehnen. 44
O Jesu mein, 45
Der du allein 46
Mich herzlichst kannst erquicken, 47
Verzeuch doch nicht, 48
Mit deinem Licht 49
Mich gnädig anzublicken. 50

Analyse – Strophe I – Verse 1-10

1 Geh auf, meins Herzens Morgenstern,
Philosophie: Der Morgenstern ist das Symbol des Anfangs, des Übergangs von Dunkelheit zu Licht. Philosophisch verweist das Bild auf das Prinzip des Erkennens selbst: das erste Aufleuchten der Wahrheit im Bewusstsein.
Theologie: Der »Morgenstern« ist ein traditioneller Titel für Christus (vgl. Offb 22,16). Der Ruf ist eine Bitte um die Inkarnation Christi im eigenen Herzen.
Psychologie: Im Bild des »Herzens« wird das Zentrum der Persönlichkeit angesprochen. Der Wunsch nach dem Aufgehen des »Morgensterns« spiegelt die Sehnsucht nach innerer Orientierung und Selbsttransformation.
Ästhetik: Schon der erste Vers leuchtet »Morgenstern« ruft das Bild einer zarten, klaren Helligkeit hervor. Das Gedicht eröffnet mit einer intensiven Metapher, die durch ihre Einfachheit poetisch überzeugt.
2 Und werde mir zur Sonne;
Philosophie: Hier geschieht eine Steigerung: Vom Morgenstern zur Sonne, vom Anfangslicht zur Fülle. Wahrheit wird nicht nur gesucht, sondern in Totalität gefordert.
Theologie: Christus ist nicht nur Stern, sondern die »Sonne der Gerechtigkeit« (Mal 3,20). Die Bitte zielt auf totale Erlösung und Durchdringung.
Psychologie: Der Mensch wünscht, dass das leise Erwachen des Selbst (Morgenstern) in ein bewusstes, lebendiges Ganzwerden (Sonne) münde. Eine Dynamik vom Potenzial zur Vollendung.
Ästhetik: Die Parallelisierung von Stern und Sonne, Kleinheit und Größe, Frühlicht und Mittagsfülle, steigert das Bildhafte. Es ist eine klassische barocke Antithese in sanfter Form.
3 Geh auf und sei nunmehr nicht fern,
Philosophie: Der Gedanke der Nähe: Wahrheit und Sinn sind nicht bloß Ideen, sondern sollen im Hier und Jetzt präsent werden. Der Abstand zwischen Subjekt und Objekt soll aufgehoben werden.
Theologie: Gebet als Ruf nach Parusie: Christus soll »nicht fern« bleiben, sondern sich jetzt in der Seele offenbaren. Ein zutiefst mystischer Wunsch nach Immanenz Gottes.
Psychologie: Sehnsucht nach Nähe als Ausdruck des Bedürfnisses nach Geborgenheit. Die Ferne symbolisiert Leere, während das Aufgehen Nähe und Sicherheit verspricht.
Ästhetik: Rhythmisch trägt der Vers eine gewisse Dringlichkeit »nunmehr nicht fern« klingt nach Ungeduld, nach flehender Intensität.
4 Du wahre Seelenwonne.
Philosophie: Die Formel bezeichnet das Höchste Gut (summum bonum), das die Seele erfüllt. Sie geht über irdische Lust hinaus und verweist auf eine transzendente Freude.
Theologie: Christus als »wahre Wonne« ist Gegenstück zu allen trügerischen Freuden der Welt. Hier klingt Augustinus an »Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir.«
Psychologie: Der Vers zeigt den innersten Wunsch nach Erfüllung, nach einem Glück, das nicht vergeht. Es ist Ausdruck einer tieferen Libido, die sich auf Transzendenz richtet.
Ästhetik: Das Wort »Wonne« hat klanglich-weiche, fast schwebende Qualität. Es bildet einen Kontrapunkt zur Dringlichkeit des vorigen Verses.
5 Erleuchte mich
Philosophie: Licht als Metapher für Erkenntnis: der Mensch möchte in klarer Schau das Wirkliche begreifen. Es ist der platonische Moment des »Aufblickens«.
Theologie: Gebet um Gnade: nicht aus eigener Kraft, sondern durch das göttliche Licht wird der Mensch erhellt.
Psychologie: Ausdruck des Bedürfnisses nach Bewusstsein, Klarheit, Selbsterkenntnis. Dunkelheit steht für Unbewusstes, Angst, Zweifel.
Ästhetik: Der Imperativ »Erleuchte mich« wirkt schlicht, fast nackt – ein starker Einschnitt nach den bildreichen Versen zuvor.
6 Ganz inniglich,
Philosophie: Betonung der Totalität: Erkenntnis soll nicht partiell, sondern durch und durch sein.
Theologie: Innigkeit weist auf die mystische Vereinigung – ein Erleuchten, das das ganze Wesen durchdringt.
Psychologie: Tiefe Emotionalität: Sehnsucht nach Ganzheit, nicht nur intellektuell, sondern im Gefühl.
Ästhetik: Die Kürze, das Enjambement verstärkt die Intensität. »Inniglich« klingt weich und intim.
7 Daß ich in deinem Lichte
Philosophie: Teilhabe: das Licht ist nicht bloß ein äußeres Phänomen, sondern ein Sein, in das man eintritt.
Theologie: Der Mensch lebt »in Christo« – das Licht wird Lebensraum, nicht nur äußere Beleuchtung.
Psychologie: Metapher für Identifikation mit dem Höheren Selbst: das Subjekt will sich in einem größeren Bewusstseinsfeld verorten.
Ästhetik: Die Formulierung »in deinem Lichte« hat Schwebekraft und vermittelt Geborgenheit.
8 Noch diesen Tag
Philosophie: Zeitlichkeit wird eingeführt: nicht irgendwann, sondern heute, jetzt soll die Erleuchtung geschehen. Der Augenblick gewinnt ewigen Wert.
Theologie: Mystische Gegenwart: die »Geburt Christi« im Herzen geschieht immer in der Jetzt-Zeit. Ewigkeit und Zeit berühren sich.
Psychologie: Dringlichkeit der inneren Wandlung: sie soll nicht aufgeschoben, sondern erfahren werden.
Ästhetik: Der Kontrast von »Licht« (überzeitlich) und »diesen Tag« (zeitlich) steigert die Spannung.
9 Beschauen mag
Philosophie »Beschauen« ist der kontemplative Akt: nicht aktives Machen, sondern empfangendes Schauen. Nähe zur platonischen Theoria.
Theologie: Mystische Vision – das Schauen Gottes als höchstes Ziel der Seele. Ein Verweis auf die visio beatifica.
Psychologie: Ausdruck einer Haltung der Kontemplation: nicht Kampf, sondern stilles Betrachten heilt.
Ästhetik »Beschauen« ist ein poetisch altertümliches Wort, das Ruhe und Zartheit evoziert.
10 Dein liebstes Angesichte.
Philosophie: Das »Angesicht« als Symbol der Wahrheit selbst. In der Philosophie Levinas’ später: das Antlitz als Offenbarung des Absoluten.
Theologie: Christus schauen, Gott von Angesicht zu Angesicht – das Ziel aller mystischen Sehnsucht (vgl. 1 Kor 13,12).
Psychologie: Das Antlitz symbolisiert Nähe, Beziehung, personalen Sinn. Es ist das Bild des Gegenübers, das zugleich Spiegel des eigenen Inneren wird.
Ästhetik: Der Vers klingt mild und zärtlich. »Liebstes Angesichte« ist ein barocker, süßlicher Ausdruck, der das Gedicht mit einem sanften Schimmer abschließt.
Struktur
Die Strophe besteht aus zehn Versen, die sich inhaltlich und formal in zwei Abschnitte gliedern:
Verse 1–4 bilden die Anrufung: Christus wird als »Morgenstern« und »Sonne« angerufen, also in klassischen biblisch-liturgischen Bildern (vgl. Offb 22,16 »Ich bin der helle Morgenstern«).
Verse 5–10 sind Bitte und Konsequenz: die Bitte um Erleuchtung und die Aussicht, in diesem Licht das »liebste Angesicht« Christi zu schauen.
Das Metrum ist relativ regelmäßig, aber nicht streng gebunden. Der Gesangston erinnert an Kirchenlied und geistliches Liedgut des 17. Jahrhunderts: kürzere, liedhafte Verse wechseln mit längeren, und am Schluss steht eine Art Refrain oder Zielvers. Das Reimschema ist nicht völlig durchgehend, eher frei verbunden (meist Paar- oder Binnenreim »Sonne / Wonne«, »Lichte / Angesichte«). So entsteht ein gleichsam meditativ-betender Rhythmus.
Inhalt
Das lyrische Ich bittet um die geistige Gegenwart Christi. Christus wird in kosmischen Lichtmetaphern gefasst: Morgenstern und Sonne, also als Ursprung des Tages, als Überwinder der Nacht, als Spender der Lebenswärme. Ziel ist nicht äußere Erkenntnis, sondern innere Erleuchtung »Erleuchte mich ganz inniglich«. Das »liebste Angesichte« ist das finale Ziel – die mystische Schau Christi im eigenen Herzen.
Die Strophe bringt also die Dynamik einer inneren Geburt zum Ausdruck: vom Aufgang (Morgenstern, Sonne) über das Licht im Herzen bis hin zur mystischen Vision.
Metaebene
Auf einer höheren Ebene ist die Strophe nicht nur ein Gebet, sondern eine Poetik der mystischen Erfahrung: das lyrische Ich beschreibt, wie Sprache selbst in der Form der Anrufung an ihre Grenze stößt. Das Bild des Lichts steht für ein Sich-Übersteigen – das Subjekt möchte nicht bei Bildern bleiben, sondern in das Licht hineingehen. Gleichzeitig greift Angelus Silesius hier eine traditionelle theologische Denkfigur auf: die Geburt Christi soll nicht nur »damals« in Bethlehem, sondern heute und in der Seele stattfinden. Damit verschränkt das Gedicht historische Heilsgeschichte und individuelle Mystik.
Rhetorik
Anrufung (Apostrophe) »Geh auf, meins Herzens Morgenstern« – ein klassisches Mittel der Mystikdichtung, das die Distanz zwischen Sprecher und Gott überbrückt.
Metaphern des Lichts: Morgenstern, Sonne, Erleuchtung, Angesicht – hier bündelt sich das mystische Vokabular. Das Licht ist nicht bloß ornamentale Metapher, sondern Ausdruck der unio mystica.
Parallelismus und Klimax »Geh auf … Geh auf … Erleuchte …« – der wiederholte Imperativ steigert die Dringlichkeit der Bitte.
Antithetisches Moment: Nacht versus Tag, Ferne versus Nähe, Dunkel versus Licht. Dadurch wird die existentielle Spannung des Betenden betont.
Affektive Sprache »wahre Seelenwonne«, »ganz inniglich« – typisch barock-mystische Intensivierung, die Gefühl und Innerlichkeit ins Zentrum rückt.
Fazit
Die erste Strophe fungiert als programmatischer Auftakt. Sie inszeniert das innere Geburtsgeschehen als Lichtaufgang, rahmt die Bitte mit starken kosmischen Bildern und setzt zugleich eine mystische Bewegung in Gang: vom äußeren Anruf über die innere Erleuchtung hin zur Schau Christi.

Analyse – Strophe II – Verse 11-20

11 Ich wünsche nichts als dich zu sehn,
Philosophie: Der Vers verdichtet die Sehnsucht nach dem Absoluten. In der Tradition des Neuplatonismus wie auch bei Meister Eckhart ist das Sehen des Einen, des reinen Seins, die höchste Form von Erfüllung.
Theologie: Hier ist mit »dich« Christus gemeint, das fleischgewordene Wort. Die reine Sicht auf Christus ist die visio beatifica, die selige Schau Gottes.
Psychologie: Ausdruck totaler Fokussierung – das Ich hat alle anderen Wünsche abgelegt, ein Zustand mystischer Monomanie, der zugleich Befreiung von innerer Zerrissenheit bedeutet.
Ästhetik: Die Schlichtheit und Klarheit des Verses geben dem Wunsch Nachdruck – nichts Überflüssiges, kein Ornament, nur die reine Ausrichtung.
12 Hab auch sonst kein Verlangen;
Philosophie: Negation der Welt im Sinne mystischer Askese. Der Wille wird stillgestellt, ähnlich wie bei Schopenhauer (der Silesius später las), wo das Ende des Begehrens den Frieden bringt.
Theologie: Biblisch klingt hier Mt 6,33 an »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes« – alles andere fällt zurück. Christus allein ist der Schatz.
Psychologie: Selbstdisziplin und Sublimierung: alle weltlichen Impulse werden in einer einzigen, geistig-transzendenten Sehnsucht gebündelt.
Ästhetik: Die Parallelität zum ersten Vers steigert die Eindringlichkeit »nichts als dich« – »kein Verlangen«. Symmetrisch wie ein Gebet.
13 Ach, ach, wann wird es doch geschehn,
Philosophie: Zeitfrage des Seins: Wann wird das Ewige in der Zeit offenbar? Die Spannung zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit tritt ins Bewusstsein.
Theologie: Es geht um die mystische Geburt Christi im Herzen – die Inkarnation nicht nur damals in Bethlehem, sondern heute im Innersten des Gläubigen.
Psychologie: Ausdruck von Ungeduld und existentieller Dringlichkeit. Die doppelte Klage (»Ach, ach«) verstärkt das Gefühl von Sehnsucht und Schmerz.
Ästhetik: Der Doppelruf wirkt fast musikalisch, wie ein Seufzer, ein rhetorisches Aufschwingen. Es bricht Emotionalität hervor, die die vorherige Klarheit kontrastiert.
14 Daß ich dich werd umfangen!
Philosophie: Die Vereinigung (unio mystica) wird hier nicht abstrakt, sondern leibhaftig vorgestellt: das Umfassen als Symbol für völlige Identität von Subjekt und Objekt.
Theologie: Im Umfangen ereignet sich die intime Kommunion mit Christus, die geistliche »Braut-Mystik«. Parallelen zum Hohelied.
Psychologie: Körpermetaphern drücken Nähe und Intimität aus, ein Bedürfnis nach vollständiger Verschmelzung. Das Ich will nicht mehr getrennt sein.
Ästhetik: Der Vers hat eine runde, abschließende Wirkung: nach der Frage des »wann« folgt das Zielbild, innig und bildkräftig.
15 Du bist das Licht,
Philosophie: Licht ist seit Platon die Metapher des Seins und der Wahrheit. Ohne Licht gibt es keine Erkenntnis, keine Sicht.
Theologie: Christus als »Licht der Welt« (Joh 8,12). Die Theologie des Logos verbindet Erkenntnis und Heil mit dem Bild des Lichts.
Psychologie: Licht ist Symbol der Klarheit, der Überwindung von Dunkelheit und innerem Chaos. Es verspricht Heilung und Orientierung.
Ästhetik: Das kurze, pointierte Bekenntnis ist ikonisch – fast wie ein Emblem.
16 Das mein Gesicht
Philosophie: Bezug auf das Verhältnis von Erkenntnisfähigkeit und Erkenntnisobjekt: das menschliche Gesicht (Auge) ist auf das Licht hingeordnet.
Theologie: Im biblischen Denken wird das Sehen des Angesichts Gottes als Ziel des Heils verstanden (»Wir werden ihn sehen, wie er ist« – 1 Joh 3,2).
Psychologie: Das Subjekt erfährt, dass seine Wahrnehmung nur durch den Anderen (Christus) vollendet wird. Bedürftigkeit des Wahrnehmenden.
Ästhetik »Gesicht« klingt weicher als »Auge«, persönlicher, fast mystisch verdoppelt (sehen und Angesicht).
17 Alleine kann berücken.
Philosophie: Das wahre, reine Sehen kann nur von dem Einen, nicht von Vielheit und Zerstreuung ergriffen werden. Monismus des Absoluten.
Theologie: Alle anderen Bilder, Zeichen, Lichter sind nur Abbilder. Nur Christus selbst vermag die Seele wirklich zu bewegen, zu entrücken.
Psychologie: Mystische Ekstase: das Erlebnis, dass allein die Begegnung mit dem Absoluten zur Transzendenz führt, alles andere bleibt ungenügend.
Ästhetik: Der Reim und Klang (»berücken«) vermittelt Entrückung, Leichtigkeit, Entführung ins Göttliche.
18 Du bist der Strahl,
Philosophie: Strahl ist das emanative Prinzip: alles Seiende geht von der Quelle aus. Neuplatonische Lichtmetaphysik klingt an.
Theologie: Christus als Ausstrahlung der Herrlichkeit Gottes (vgl. Hebr 1,3). Er ist nicht nur Licht, sondern der »Strahl« selbst.
Psychologie: Strahl symbolisiert Dynamik, Durchdringung, etwas Aktives, das das Herz trifft.
Ästhetik: Knapp, kraftvoll, eine neue Variation des Lichtmotivs, dynamischer als das stille »Licht«.
19 Der allzumal
Philosophie: Universalität: das Absolute wirkt nicht partiell, sondern umfassend. »Allzumal« verweist auf Ganzheit und Allheit.
Theologie: Christus wirkt in allen zugleich, seine Gnade umfasst die ganze Schöpfung.
Psychologie: Das Gefühl, dass dieser Strahl nicht exklusiv, sondern umfassend wirkt, schafft Geborgenheit in einer universalen Ordnung.
Ästhetik: Das alte Wort »allzumal« klingt feierlich, erhöht den Vers über alltägliche Rede hinaus.
20 Mein Herze kann erquicken.
Philosophie: Erquickung ist die Wiederherstellung des Lebensprinzips. Das Herz als Zentrum des Menschen wird durch den Strahl belebt.
Theologie: Hier erklingt die Sprache der Psalmen (z. B. »Er erquickt meine Seele«, Ps 23,3). Christus ist der Quell lebendigen Wassers.
Psychologie: Tiefes Bild seelischer Heilung und Vitalisierung. Die erschöpfte, sehnsüchtige Seele wird durch göttliches Licht gestärkt.
Ästhetik: Der Schluss der Strophe ist weich, rund, lebensvoll. Klanglich schließt »erquicken« mit einem positiven, erlösenden Ton.
Struktur
Die Strophe umfasst zehn Verse, wobei sich ein Wechsel zwischen längeren und kürzeren Versen beobachten lässt. Dieser Rhythmus erzeugt einen inneren Spannungsbogen: Die ersten vier Verse entfalten den sehnsüchtigen Wunsch der Sprecherin in einem Ton des Rufens und Wartens. Ab 15 aber wechselt die Strophe zu einer dichter verdichteten Ausdrucksweise, indem in kurzen Zweierblöcken (15–17, 18–20) prägnante Metaphern auf Christus bezogen werden. So bildet die Strophe eine klare Zweiteilung: zunächst das Sehnen, dann die Charakterisierung dessen, wonach sich dieses Sehnen richtet. Die Struktur wirkt dadurch fast wie ein Atemholen: ein Ausruf der Sehnsucht – und dann die Begründung, warum nur Christus dieses Verlangen erfüllen kann.
Inhalt
Die Strophe drückt ein radikal exklusives Verlangen aus »Ich wünsche nichts als dich zu sehn.« Alles andere, alles Weltliche, ist ausgeschlossen, das Begehren ist auf ein einziges Ziel konzentriert. Dieses Ziel ist Christus, hier erfahrbar als Geliebter, Licht und Strahl. Der Wunsch, ihn zu »umfangen«, verweist zugleich auf eine intime Vereinigung wie auf eine mystische Geburt im Herzen. Inhaltlich kulminiert die Strophe darin, dass Christus als die einzige Quelle wahrer Freude und Erquickung beschrieben wird: Er allein kann das innere Auge »berücken« und das Herz »erquicken«. Damit verbindet sich die personale Sehnsucht mit einer transzendentalen Begründung – Christus ist nicht nur begehrtes Gegenüber, sondern auch die metaphysische Lebensquelle.
Metaebene
Über die persönliche Rede hinaus liegt die Strophe im Spannungsfeld von mystischer Tradition und poetischer Ausdrucksform. Auf der Metaebene reflektiert sie die Unmöglichkeit, die Einheit mit dem Göttlichen allein im Diskurs zu erfassen: Der Text bleibt in der Form des Seufzens, Ausrufens und Bittens verhaftet. Gerade durch das wiederholte »Ach, ach« wird die Erfahrung einer abgründigen Differenz deutlich – die ersehnte Vereinigung ist noch nicht geschehen. Zugleich wirkt die Sprache performativ: Indem sie den Wunsch ausspricht, inszeniert sie ihn, bringt ihn in Vollzug. So ist die Strophe nicht bloß Beschreibung, sondern Teil eines spirituellen Vollzugsaktes.
Rhetorik
Rhetorisch ist die Strophe reich ausgestattet:
Anaphern und WiederholungAch, ach«; »Du bist… Du bist…«) verstärken die Dringlichkeit des Begehrens.
Antithetische Bewegung: Weltliches Verlangen ist völlig ausgeschlossen, einzig das Sehen Christi zählt.
Metaphorik des Lichts: Christus ist Licht und Strahl, eine für mystische Traditionen typische Bildwelt, die auf Erkenntnis, Reinheit, geistige Geburt verweist.
Affektive Intensivierung: Das »umfangen« greift in den Bereich leiblicher, erotisch aufgeladener Bildlichkeit – ein Topos der Brautmystik, der das Verhältnis zwischen Seele und Christus als bräutliche Vereinigung deutet.
Parallelismus (Verse 15–20) verleiht den Bildern rhythmische Geschlossenheit und eine fast hymnische Qualität.
Fazit
So erscheint die zweite Strophe als poetische Verdichtung des mystischen Sehnens: Sie oszilliert zwischen existenzieller Bedürftigkeit und visionärer Gewissheit, zwischen menschlicher Sprache und dem Versuch, das Unsagbare anzurühren.

Analyse – Strophe III – Verse 21-30

21 Du bist der Glanz der Herrlichkeit,
Philosophie: Der Glanz (Splendor) verweist auf die platonische Idee des bonum diffusivum sui, das Gute strahlt von sich aus. Herrlichkeit ist hier nicht nur theologisch, sondern auch ontologisch ein Prinzip: das Sein in seiner höchsten Fülle ist zugleich Schönheit und Licht.
Theologie: Die Stelle erinnert direkt an Hebr 1,3 (»Christus ist der Abglanz seiner Herrlichkeit«). Christus erscheint als sichtbare Epiphanie des unsichtbaren Gottes.
Psychologie: Der Vers spricht den archetypischen Wunsch nach Licht, Klarheit und Orientierung an – das Seelen-Ich sucht ein inneres Zentrum.
Ästhetik: Poetisch eine Majestätsformel, die gleichsam mit barocker Emphase das Bild überstrahlen lässt. Der »Glanz« ruft eine synästhetische Wirkung hervor (Licht als erhabene Schönheit).
22 Du gibst der Welt das Leben;
Philosophie: Ontologisch wird Christus als Lebensprinzip (Arche) verstanden, vergleichbar mit Aristoteles’ »unbewegtem Beweger«, aber personalisiert.
Theologie: Johannesevangelium »Ich bin das Leben.« Christus als Logos ist Quelle des Lebens, nicht nur biologisch, sondern geistlich.
Psychologie: Ausdruck des Grundvertrauens: das Ich erlebt seine Lebendigkeit als Gabe, nicht als eigenes Werk.
Ästhetik: Ein klarer, lapidarer Satz. Die Rhythmik vermittelt Kraft und Schlichtheit, fast wie ein Bekenntnis.
23 Dein Anblick macht noch in der Zeit
Philosophie: Ein Paradox: das Ewige (Christus) wirkt bereits in der Zeit, hebt die Linearität der Geschichte auf. Hier begegnet uns die platonisch-neuplatonische Idee der Teilnahme am Ewigen.
Theologie: Der Blick auf Christus ist Sakrament, d.h. eine Sicht, die über die sichtbare Erscheinung hinaus das Göttliche vermittelt.
Psychologie »Anblick« bedeutet Projektion, Imagination, Vision: der innere Blick ruft Ekstase hervor. Schon in der Gegenwart erfährt die Seele transzendente Freude.
Ästhetik: Poetische Spannung zwischen »noch in der Zeit« (irdische Begrenzung) und dem, was folgt (Himmel).
24 Mich in den Himmel schweben.
Philosophie: Das Motiv des Aufstiegs – die Seele hebt sich zur anima coelestis. Platons »Geflügelte Seele« aus dem Phaidros schwingt hier mit.
Theologie: Mystische Entrückung: Paulus’ »entrückt bis in den dritten Himmel«. Die Gnade Christi erhebt die Seele.
Psychologie: Bild des Transzendenzerlebens: Schweben als Symbol des Loslösens von Schwere, Konflikt, Schuld.
Ästhetik: Klanglich eine weiche Bewegung – die Binnenmelodie »Himmel schweben« evoziert Weite, Schwerelosigkeit.
25 Dein Freudenschein
Philosophie: Freude als metaphysische Kategorie: gaudium ist Teilhabe am höchsten Gut. Der »Schein« bedeutet zugleich Erscheinung und Strahlkraft.
Theologie: Es erinnert an die »unio mystica«: Gottes Freude überträgt sich in Lichtgestalt.
Psychologie: Freude wird als unmittelbarer Affekt erlebt – ein Überschreiten der Trauer.
Ästhetik: Ein kurzes, strahlendes Wortpaar, klanglich wie ein Lichtblitz.
26 Macht meine Pein
Philosophie: Dialektik von Schmerz und Freude: Leiden ist aufgehoben, nicht durch Negation, sondern durch Transformation.
Theologie: Soteriologisch – Christus wandelt Leid in Freude (vgl. Ostermotiv).
Psychologie: Katharsis: Der Schmerz wird in positive Affekte integriert.
Ästhetik: Der knappe Rhythmus wirkt wie eine Zäsur, eine innere Wende.
27 Mir über Zucker süße.
Philosophie: Hyperbolische Metapher: das Transzendente übersteigt jede irdische Süße. Die scholastische Idee »Gnade über Natur.«
Theologie: Mystische Sprache der Sinnlichkeit (Canticum Canticorum). Gottes Süße übertrifft jede weltliche Lust.
Psychologie: Religiöse Ekstase wird mit sinnlichen Bildern verbunden – Sublimierung erotischer Empfindung.
Ästhetik: Barockes Übermaß, spielerische Sinnlichkeit, die ins Spirituelle gewendet wird.
28 Deins Geistes Gruß,
Philosophie: Geist als reines Prinzip – der Gruß ist Mitteilung des absoluten Sinnes.
Theologie: Heiliger Geist als Paraklet, der tröstet, inspiriert, heiligt. Der »Gruß« verweist auf Gnade und Erwählung.
Psychologie: Spirituelle Kommunikation: eine Stimme im Innern, die Sicherheit schenkt.
Ästhetik: Alliteration »Geistes Gruß« – ein feierlicher Klang, fast wie ein liturgischer Anfang.
29 Deins Mundes Kuß
Philosophie: Symbol der Vereinigung: das Subjekt wird nicht nur intellektuell, sondern leiblich-spirituell verbunden.
Theologie: Motiv aus dem Hohelied (»Er küsse mich mit dem Kusse seines Mundes«). Der mystische Kuß gilt als Bild der Einwohnung Gottes.
Psychologie: Eindeutiges Bild der Intimität: Verschmelzung des Ich mit dem Du. Ekstase in Nähe und Zärtlichkeit.
Ästhetik: Sinnlich-erotisches Bild in einem geistlichen Lied – barocke Polarität von Körper und Geist.
30 Macht, daß ich ganz zerfließe.
Philosophie: Auflösung des festen Subjekts: Selbsttranszendenz, Übergang ins Absolute. Identität wird verflüssigt.
Theologie: Die Mystik kennt das Motiv des »Verlöschens« (Meister Eckhart). In Gott zerfließt das eigene Ich.
Psychologie: Ekstase als Ich-Auflösung: Loslassen von Grenzen, ein Gefühl von All-Einheit.
Ästhetik: Der Vers wirkt wie ein Schlussakkord, flüssig, zart, geradezu auflösender Klang.
Struktur:
Die Strophe ist doppelt gebaut: zuerst ein hymnischer Lobpreis (V. 21–24: Herrlichkeit, Leben, Anblick, Himmel), dann ein Wechsel ins affektive Erleben (V. 25–30: Freude, Süße, Gruß, Kuß, Zerfließen). Formal pendelt sie zwischen erhabenem Ton und sinnlich-intimer Sprache.
Inhalt:
Die Bewegung ist ein mystischer Aufstieg: Christus als kosmisches Prinzip wird im ersten Teil als Quelle von Glanz, Leben und himmlischem Schweben vorgestellt. Im zweiten Teil wird diese allgemeine Herrlichkeit zur persönlichen Erfahrung der Seele transformiert: Freude, Trost, Intimität, Vereinigung.
Metaebene:
Die Strophe inszeniert den Übergang von der Theologie zur Mystik: vom Dogma (»Du gibst der Welt das Leben«) hin zur subjektiven Ekstase (»daß ich ganz zerfließe«). Man könnte sagen: Objektiver Christusglaube verwandelt sich in mystische Erfahrung.
Rhetorik:
Stark barock: Antithesen (Pein – Süße), Hyperbeln (»über Zucker süße«), erotische Metaphern (»Kuß«). Die Wiederholungen und Parallelismen (»Deins Geistes Gruß / Deins Mundes Kuß«) geben einen liturgischen Rhythmus. Zugleich wird ein crescendo-artiger Aufbau erkennbar: vom Lichtglanz über das Leben bis hin zum vollkommenen Aufgehen im Geliebten.

Analyse – Strophe IV – Verse 31-40

31 Wo bist du, schönster Bräutigam,
Philosophie: Die Frage nach dem »Wo« ist die klassische Suche nach Ortung des Absoluten. Der Bräutigam steht für das Ideal der Vereinigung, das platonisch als Eros verstanden werden könnte – die Seele sucht das Eine, das ihr fehlt.
Theologie: Christus als »Bräutigam« ist biblisch grundgelegt (vgl. Hohelied, Eph 5, Offb 21). Hier erscheint er als göttlicher Partner der Seele, die in der Brautmystik nach ihm verlangt.
Psychologie: Der seelische Zustand ist von Sehnsucht und Leere geprägt. Die Projektion des Geliebten deutet auf das innere Bedürfnis nach Ganzheit und Integration.
Ästhetik »Schönster Bräutigam« verbindet sinnlich-affektive Schönheit mit geistlicher Reinheit. Der Vers lebt von einer Mischung aus Erotik und Sakralität.
32 O auserkorner Knabe?
Philosophie »Auserkoren« verweist auf das Problem der Erwählung und Besonderheit – das göttliche Prinzip ist singulär, nicht austauschbar.
Theologie: Christus wird hier als Knabe, also als das Kind von Bethlehem, angesprochen. Die Inkarnation wird in ihrer zarten Menschlichkeit betont.
Psychologie: Das Bild des Kindes ruft archetypisch Schutzbedürfnis und Zärtlichkeit hervor; zugleich projiziert die Seele ihre eigene Reinheitssehnsucht auf diese Gestalt.
Ästhetik »Knabe« verstärkt den Kontrast zum »Bräutigam«. Es entsteht eine paradoxe Bildlichkeit: Christus ist zugleich zartes Kind und übervoller Geliebter.
33 Wo bist du, süßes Gottes Lamm,
Philosophie: Das »Lamm« repräsentiert die Unschuld, das Nicht-Gewalttätige, das Opferbereite – eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn von Leid und Gewalt im Dasein.
Theologie »Gottes Lamm« ist ein direktes Christus-Titular (Joh 1,29 »Siehe, das Lamm Gottes«). Der Heiland als Opferlamm bringt Erlösung.
Psychologie: Das Lamm als Symbol der Wehrlosigkeit entspricht der inneren Bedürftigkeit des lyrischen Ichs. Es sucht Trost in einem Spiegelbild seiner eigenen Schwäche.
Ästhetik: Der Diminutiv »süßes« steigert die zarte, liebende Sprache – eine sinnliche Zuneigung, die in religiöse Empfindung transformiert ist.
34 Daß ich mit dir mich labe?
Philosophie »Labe« verweist auf das Motiv der Sättigung: die Seele hungert nach metaphysischer Nahrung. Dies erinnert an Platons »Eros als Mangel«.
Theologie: Eucharistische Anspielung: Christus ist die Speise, die das Herz erfüllt. »Labung« als geistliches Genährtwerden.
Psychologie: Sehnsucht nach Befriedigung – hier sublimiert in die Bitte um geistliche Nahrung. Es zeigt ein tiefes Bedürfnis nach emotionaler wie spiritueller Erfüllung.
Ästhetik: Die Frageform verstärkt den flehentlichen, sehnsüchtigen Klang. »Labe« ist ein altpoetisches Wort, das süß-schwebende Stimmung erzeugt.
35 Komm doch geschwind,
Philosophie: Zeitlichkeit tritt ins Spiel. Der Drang nach sofortiger Erfüllung enthüllt die Unruhe des endlichen Geistes.
Theologie: Adventlicher Ruf nach dem Kommen Christi. Eine Parallele zum »Maranatha – Komm, Herr Jesus« (Offb 22,20).
Psychologie: Ungeduld, Verzweiflung, existenzielles Warten – typische Emotionen der Sehnsuchtsliebe.
Ästhetik: Der Imperativ mit Kürze und Rhythmus wirkt eindringlich, fast wie ein Stoßseufzer.
36 Du Jungfraun Kind,
Philosophie: Wieder erscheint das Paradox: das Kind einer Jungfrau. Philosophisch betrachtet eine Verneinung natürlicher Kausalität – das Transzendente durchbricht die Naturordnung.
Theologie: Direkter Bezug zur Jungfrauengeburt Christi – Dogma der Kirche, Zeichen göttlicher Inkarnation.
Psychologie »Jungfraun Kind« weckt Reinheitsideale, symbolisiert Unschuld und Vollkommenheit. Es ruft archetypisch das Bild einer makellosen Geburt hervor.
Ästhetik: Klanglich von hoher Reinheit; das Motiv trägt eine fast ikonische Bildkraft, verbunden mit zartem Glanz.
37 Komm, komm, eh ich vergehe.
Philosophie: Endlichkeit und Tod treten ins Zentrum. Der Mensch erkennt seine Sterblichkeit und ruft nach Rettung vor der Auflösung.
Theologie: Die Bitte, Christus möge vor dem Tod erscheinen – ein Ruf nach Erlösung vor dem Untergang der Seele.
Psychologie: Todesangst, existenzielle Not – zugleich Hoffnung, daß das Geliebte den Sinn sichert.
Ästhetik: Die Wiederholung »Komm, komm« verstärkt Dringlichkeit und Musikalität, fast wie ein Herzschlag.
38 Mein Geist und Sinn,
Philosophie: Die zwei Seelenkräfte – Geist (ratio, noûs) und Sinn (affektive, psychische Sphäre). Angelus Silesius deutet auf die Einheit von Vernunft und Empfindung.
Theologie: Der ganze Mensch, Verstand und Wille, ist in die Bewegung der Sehnsucht nach Christus hineingenommen.
Psychologie: Innere Totalität: sowohl kognitive wie emotionale Funktionen sind von der Liebe überwältigt.
Ästhetik: Die Parallelstellung »Geist und Sinn« schafft einen Rhythmus der Ganzheit.
39 Der fällt schon hin,
Philosophie: Symbol für den Zusammenbruch der autonomen Existenz. Der endliche Geist reicht nicht, er stürzt ab in seine eigene Begrenztheit.
Theologie: Der Mensch ohne Christus verfällt, verliert seine Standkraft. Nur durch göttliche Gnade kann er aufgerichtet werden.
Psychologie: Ausdruck von Ohnmacht, Schwäche, drohender Depression. Die innere Kraft versiegt.
Ästhetik »Fällt schon hin« hat einen abrupten Klang – eine Bewegung des Niedersinkens, fast körperlich spürbar.
40 Schau, wie so schlecht ich stehe!
Philosophie: Reflexion des eigenen Zustands: Erkenntnis der eigenen Mangelhaftigkeit. Nähe zur sokratischen Einsicht des »Nichtwissens«.
Theologie: Confessio peccati – das Bekenntnis der Sündhaftigkeit, der menschlichen Schwäche vor Gott.
Psychologie: Ein Selbstbild von Niedergeschlagenheit und Bedürftigkeit, das auf Erlösung durch das Du hofft.
Ästhetik: Der Vers ist klagend, voller Demut. Das Wort »schlecht« bringt eine einfache, fast nackte Bildhaftigkeit, die umso stärker wirkt.
Struktur
Die Strophe ist streng gebaut: zehn Verse, mit einem Wechsel aus vierversigen Auftaktfragen und -bitten (31–34), gefolgt von einer Drängung und Steigerung in der Aufforderung (35–40). Das metrische Gefüge ist liedhaft, leicht volksliedartig, wodurch Emotionalität und Unmittelbarkeit transportiert werden. Die Doppelformeln (»Komm doch geschwind«, »Komm, komm«) erzeugen ein Crescendo, das auf den Höhepunkt in 40 (»Schau, wie so schlecht ich stehe!«) hinstrebt.
Formal wirkt die Strophe wie ein einziger Atemzug der Sehnsucht: erst suchend (Wo bist du?), dann rufend, schließlich klagend.
Inhalt
Das lyrische Ich spricht Christus direkt an, in wechselnden Bildern: Bräutigam, Knabe, Gotteslamm, Kind. Diese Vielfalt zeigt die Fülle christologischer Rollen und zugleich die Überfülle der Sehnsucht: keine Bezeichnung ist ausreichend, jede nur Annäherung. Das Grundthema ist die Abwesenheit Christi und das Leiden des Herzens, das seine Nähe begehrt. In 37–40 steigert sich dies zu einer existentiellen Bedrohung: ohne Christus vergeht die Sprecherin (»eh ich vergehe«), ihr Geist und Sinn fallen nieder, sie steht »schlecht«, d. h. kraftlos, elend, unfähig. Es ist die Notlage einer Seele, die in ihrer eigenen Leere keinen Halt findet.
Metaebene
Auf einer tieferen Ebene spricht hier die Mystik vom inneren Zustand der unio desiderata – die Vereinigung mit Gott, die noch nicht vollzogen ist. Der Bräutigam ist ein traditionelles Bild der Seele-Gott-Beziehung (vgl. Hohelied, mittelalterliche Mystik), das zugleich personal und transzendent bleibt. Dass Christus als Kind und Knabe angerufen wird, verweist auf das Motiv der Geburt im Herzen: Christus soll im Innern geboren werden, die »geistliche Geburt« als mystisches Ereignis. Die Dringlichkeit (»komm geschwind«) ist Ausdruck der Erfahrung, dass Zeit und Ewigkeit ineinanderfallen: das Herz kann nicht warten, sonst vergeht es. Die Klage über die eigene Schwäche (38–40) ist nicht nur psychologische Befindlichkeit, sondern theologische Einsicht: der Mensch ist ohnmächtig ohne die Einwohnung Gottes.
Rhetorik
Rhetorisch arbeitet die Strophe stark mit Anaphern und Wiederholungen »Wo bist du… Wo bist du…«, »Komm… Komm…«, die eine Dringlichkeit erzeugen und den inneren Puls der Sehnsucht hörbar machen. Dazu treten Epitheta ornantia (»schönster Bräutigam«, »auserkorner Knabe«, »süßes Gottes Lamm«), die jeweils eine Facette Christi ausleuchten. Die Spannung steigert sich von Fragen über Bitte bis zu Klage und Selbsterniedrigung. Auffällig ist der ständige Wechsel der Tonlagen: innige Zärtlichkeit (Knabe, Kind), kultisch-sakrale Sprache (Gottes Lamm), ekstatische Dringlichkeit (komm geschwind), schließlich verzweifeltes Selbstbekenntnis (»wie so schlecht ich stehe«). All dies verdichtet die Strophe zu einem rhetorischen Crescendo, das Herz und Mund der Sprecherin zu überfluten scheint.
Fazit
Zusammengefasst zeigt diese Strophe eine gesteigerte Dynamik: Sie beginnt mit sehnsüchtigen Anrufen (Bräutigam, Knabe, Lamm), steigert sich in drängende Bitten (»komm geschwind«) und kulminiert in der existenziellen Krise des Ichs (»eh ich vergehe«, »wie schlecht ich stehe«). Philosophie, Theologie, Psychologie und Ästhetik greifen ineinander und verdichten sich zu einem spirituellen Drama, das im Bild der Braut mystische Vereinigung ersehnt.
Die vierte Strophe bildet den emotionalen Kern des Gedichts: sie ist eine leidenschaftliche Anrufung, in der sich christologische Bildfülle, mystische Sehnsucht und rhetorische Dringlichkeit vereinen. Inhaltlich kreist alles um die Abwesenheit Christi und die existenzielle Not der Seele ohne ihn; auf der Metaebene zeigt sich das mystische Paradox, dass die Gottgeburt ersehnt, aber nicht erzwungen werden kann; rhetorisch wird dies durch Wiederholung, Steigerung und drastische Selbstdarstellung verkörpert. Die Strophe ist somit nicht nur ein poetisches Gebilde, sondern ein Gebet, das in sich selbst performativ ist: sie vollzieht die Sehnsucht, die sie ausspricht.

Analyse – Strophe V – Verse 41-50

41 Der Leib wird matt, die Seel ist schwach,
Philosophie: Ausdruck der Endlichkeit. Leib und Seele erscheinen beide erschöpft – das widerspricht der antiken dualistischen Auffassung, in der die Seele als unzerstörbar gedacht wird, und nähert sich vielmehr einer existenziellen Einheit von Körper und Geist, wie sie auch bei Pascal oder Kierkegaard anklingt.
Theologie: Schwäche ist hier ein Kennzeichen des »Fleisches« im paulinischen Sinn (vgl. Mt 26,41 »Der Geist ist willig, das Fleisch aber schwach«). Sie bereitet die Bitte um göttliche Gnade vor.
Psychologie: Es zeigt eine totale Erschöpfung: körperlich ausgelaugt, seelisch niedergeschlagen. Man könnte dies als Ausdruck einer depressiven oder mystischen Krise lesen – der Mensch stößt an seine Grenzen.
Ästhetik: Der Parallelismus von »Leib« und »Seel« erzeugt eine feierliche Symmetrie, ein Gleichmaß, das die Totalität der Schwäche unterstreicht.
42 Die Augen stehn voll Tränen;
Philosophie: Die Tränen sind Manifestationen der conditio humana – sie zeigen, dass Wahrheit und Sinn oft erst im Leiden zugänglich werden.
Theologie: Tränen gelten in der Mystik (z. B. bei den Vätern der Wüstenväter) als »Donum lacrimarum« – Geschenk der Buße. Sie sind Zeichen einer gnädigen Ergriffenheit.
Psychologie: Hier artikuliert sich Trauer, Sehnsucht, Affektstau. Tränen sind kathartisch – eine Entladung, die zur Transformation führt.
Ästhetik: Das Bild der tränenden Augen ruft eine Ikonenhaftigkeit hervor – die mystische Braut, die um den Bräutigam weint. Visuell eindringlich.
43 Der Mund verblaßt, ruft ach und ach,
Philosophie: Sprache reduziert sich auf den elementaren Laut des Schmerzes – »ach«. Damit wird deutlich, dass Sprache an ihre Grenzen stößt, wenn das Leiden unaussprechlich ist.
Theologie: Das Seufzen erinnert an das »unaussprechliche Seufzen« des Heiligen Geistes (Röm 8,26). Der Mund ist bleich – Bild für Fasten, Schwäche, Todesnähe, zugleich Hinweis auf die Bedürftigkeit vor Gott.
Psychologie: Die Regression in Lautäußerungen (»ach und ach«) ist typisch für Grenzerfahrungen, in denen rationale Rede nicht mehr möglich ist.
Ästhetik: Alliteration und Wiederholung (»ach und ach«) rhythmisieren die Klage, steigern das Pathos. Der »verblaßte Mund« malt ein fast barockes Memento mori.
44 Das Herz ist voller Sehnen.
Philosophie: Das Herz ist das Zentrum der menschlichen Existenz, Sitz des Wollens. Hier tritt das Sehnen als Grundbestimmung des Menschen hervor (vgl. Augustinus »Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in Dir«).
Theologie: Sehnsucht ist die Gebärde der Braut in der mystischen Theologie – sie bereitet die Geburt Christi in der Seele. Das Herz ist der Ort der Inkarnation.
Psychologie: Sehnsucht steht für unerfülltes Begehren, für die Spannung zwischen Mangel und Hoffnung. Das Herz trägt die emotionale Intensität.
Ästhetik: Kontrast zur Schwäche der vorherigen Verse: hier das Übermaß des Inneren. Die Einfachheit des Ausdrucks gibt dem Vers eine stille Wucht.
45 O Jesu mein,
Philosophie: Der Ausruf ist personalisierend – das Göttliche wird nicht als abstraktes Prinzip, sondern als »mein« Angesprochener gefasst. Damit bricht Silesius mit distanzierten Rationalismen.
Theologie: Das »mein« verweist auf die mystische Unio – Christus nicht nur als Herr, sondern als innerster Bräutigam der Seele.
Psychologie: Innigste Zuwendung, Ausdruck von Bindung und Identität. Der Glaube wird zu einem Du-Bezug.
Ästhetik: Kürze, Ausruf, Direktheit. Der Vers wirkt wie ein Herzensstoß, eine Exklamation, die den Rhythmus bricht.
46 Der du allein
Philosophie: Exklusivität – nur das Eine, das Absolute, kann Erfüllung schenken. Die Vielheit der Welt reicht nicht aus.
Theologie: Allein Christus ist Heiland (solus Christus). Das betont den christologischen Monotheismus.
Psychologie: Konzentration des Begehrens auf einen einzigen Punkt. Dies kann sowohl mystische Sammlung als auch psychische Einseitigkeit ausdrücken.
Ästhetik: Der abgesetzte Relativsatz öffnet Spannung: das »du allein« bleibt unvollendet und erwartet die Entfaltung im Folgenden.
47 Mich herzlichst kannst erquicken,
Philosophie: Das Erquicken – Wiederbelebung – zeigt, dass wahres Leben nicht aus Eigenkraft, sondern aus Transzendenz kommt.
Theologie: Christus als Quelle lebendigen Wassers (Joh 4,14). »Herzlichst« betont die innige Liebe Gottes.
Psychologie: Bedürfnis nach Trost und Energie. Erquickung ist Erneuerung der Lebenskräfte, wie eine Art Reparenting-Erfahrung.
Ästhetik: Das Wort »erquicken« hat einen altdeutschen Klang, poetisch, erfrischend. Zusammen mit »herzlichst« entsteht eine melodische Sanftheit.
48 Verzeuch doch nicht,
Philosophie: Die Angst vor Entzug: das Absolute könnte sich zurückziehen. Hier wird das existentielle Nichts angedeutet.
Theologie: Verweis auf die dunkle Nacht der Seele – Gott scheint sich zu verbergen. Die Bitte ist, dass er dies nicht tue.
Psychologie: Ausdruck der Verlustangst. Nähe und Zuwendung dürfen nicht weichen. Typisch für Bindungsdynamiken.
Ästhetik: Das Dialektwort »Verzeuch« (verzögere, entziehe) bringt eine schlichte, fast bäuerliche Klangfarbe – Nähe zur Mystik des Volkes.
49 Mit deinem Licht
Philosophie: Licht ist seit Platon Symbol der Wahrheit und des Seins. Hier: das Absolute als Licht, das Orientierung schenkt.
Theologie: Christus ist »Lumen Christi« – das göttliche Licht, das die Finsternis vertreibt.
Psychologie: Licht ist Archetyp für Bewusstsein, Heilung, Sicherheit. Es symbolisiert Auflösung von Angst.
Ästhetik: Bildhaftigkeit steigert sich: vom Dunkel der Schwäche zur Metapher des Lichts. Eine theatralische Gegenbewegung.
50 Mich gnädig anzublicken.
Philosophie: Der göttliche Blick ist das höchste Erkennen: das Subjekt wird nicht nur sehend, sondern gesehen. Damit ist Identität gestiftet.
Theologie: Gottes Blick ist Gnade – er bedeutet Erwählung, Vergebung, Liebe. Mystische Theologie sieht im Blick den Vollzug der Vereinigung.
Psychologie: Angesehenwerden stillt das Grundbedürfnis nach Bestätigung, Daseinsrecht, Anerkennung. Hier in höchster Form erfüllt.
Ästhetik: Der Schlussvers rundet in weicher Kadenz »gnädig anzublicken« hat eine sanfte, flehentliche Melodie – das Gedicht endet nicht in Triumph, sondern in Bitte, offen für göttliche Erfüllung.
Struktur
Die Strophe umfasst zehn Verse, die sich formal in zwei deutlich unterscheidbare Teile gliedern lassen.
Verse 41–44: vierhebige Klagen, die den körperlich-seelischen Zustand schildern – eine Art Exposition des Leidens und der Sehnsucht.
Verse 45–50: Anrufung Jesu in Form eines Gebets, formal durch den Wechsel in die direkte Apostrophe (»O Jesu mein«) markiert. Hier finden wir eine Binnenrhythmisierung durch den Wechsel von Dreizeiler (45–47) und Dreizeiler (48–50).
Diese innere Zäsur macht die Strophe spannungsvoll: Aus der Darstellung der Not erwächst unmittelbar die Bitte, aus dem Dunkel der Klage die Wendung ins Licht der Hoffnung.
Inhalt
Der Sprecher beschreibt zunächst den Zerfall und die Erschöpfung des gesamten Menschen »Leib« und »Seel«, »Augen«, »Mund«, »Herz« – der ganze Organismus ist in Mitleidenschaft gezogen. Damit tritt das totale Wesen des Menschen als Bedürftiger vor Christus. Diese Zerrüttung ist aber nicht nihilistisch, sondern Ausdruck einer intensiven Erwartung: Das Leiden ist »Sehnen«.
Im zweiten Teil tritt die Christusfigur als einziger Retter auf. Nur er kann »erquicken« – das Wort verweist auf Erneuerung, Erfrischung, geistliche Wiedergeburt. Die Bitte ist dabei doppelt ausgerichtet: Sie verlangt nicht ein äußeres Heil, sondern einen Blick, ein »Anzublicken mit deinem Licht«. Das Motiv des Blicks als Gnade spielt auf die mystische Vereinigung an: Der göttliche Blick ist transformierend, er schafft die ersehnte Geburt im Inneren.
Metaebene
Auf einer höheren Ebene spiegelt die Strophe die Dynamik mystischer Erfahrung:
1. Kenosis (Entleerung, Schwäche) – der Mensch erkennt seine radikale Bedürftigkeit.
2. Exstasis (Sehnen, Überschreiten der eigenen Grenzen) – im Schmerz wächst die innere Bewegung hin zu Gott.
3. Theosis (Vergöttlichung durch das göttliche Licht) – die erbetene Gnade vollzieht die eigentliche Transformation.
So zeigt die Strophe nicht nur subjektives Erleben, sondern ein Modell mystischer Spiritualität, das auf Nachfolge Christi und Teilhabe am Mysterium der Inkarnation hinausläuft: Die geistliche Geburt Christi soll sich im Herzen des Beters wiederholen.
Rhetorik
Die rhetorische Gestaltung unterstreicht die Intensität des Anrufs:
ParallelismusDer Leib wird matt, die Seel ist schwach / Die Augen stehn voll Tränen; / Der Mund verblaßt, ruft ach und ach«) verdichtet die Darstellung des körperlich-seelischen Zerfalls.
Anapher und Wiederholungach und ach«; »allein / herzlichst«) verstärken die Emotionalität.
ApostropheO Jesu mein«) markiert den Wechsel vom Erzählen zum direkten Gebet.
Klimax: vom allgemeinen Schwachsein über Tränen und Klagen bis hin zum »Herz voller Sehnen« – das Innerste wird am Ende enthüllt.
Lichtmetaphorik im Schluss: Christus’ »Licht« als gnädiger Blick bildet den Gegenpol zur anfänglichen Mattigkeit und Dunkelheit.
Die Rhetorik ist somit affektiv, performativ und theologisch aufgeladen: Sie will nicht nur beschreiben, sondern das Mysterium in Sprache gegenwärtig machen und den Leser/Hörer in denselben Sehnsuchtsgestus hineinziehen.
Fazit
Insgesamt erscheint diese fünfte Strophe als komprimierte dramatische Bewegung: vom umfassenden Schwächebekenntnis über die leidenschaftliche Anrufung hin zur höchsten Bitte um die innige Vereinigung mit Christus durch seinen gnädigen Blick. Sie ist Kulmination und Vollendung zugleich – ein kleiner Traktat der Mystik in dichterischer Form.

Gesamtanalyse

Das Gedicht Angelus Silesius’ »Sie sehnt sich nach der geistlichen Geburt Jesu Christi und bittet, daß solche in ihrem Herzen geschehen möge« entfaltet sich über fünf Strophen mit insgesamt 50 Versen und zeigt ein dichtes Zusammenspiel von Form, Struktur und geistlich-mystischer Thematik. Eine Betrachtung als organisches Ganzes verdeutlicht, wie formale Mittel, inhaltliche Progression und literaturgeschichtlicher Hintergrund ineinandergreifen.
1. Formale Gestalt
Das Gedicht besteht aus fünf gleichgebauten Strophen zu je zehn Versen. Damit hebt es sich bereits von den epigrammatisch-pointierten Distichen der Cherubinischen Wandersmanns ab: Silesius arbeitet hier im Bereich geistlicher Lyrik, die sich stärker am Kirchenlied, am geistlichen Liebesgedicht und an der Brautmystik orientiert.
Metrum und Reim: Das Metrum ist durchgängig ein vierhebiger Wechsel mit weiblichen Kadenzen, der eine liedhafte Bewegung erzeugt. Der Reim folgt meist dem Schema ababccddeed (mit kleinen Abweichungen), wodurch eine klare musikalische Struktur entsteht. Diese strenge Form unterstreicht die Andachtsintention: Es ist Dichtung, die zugleich Gebet und Gesang sein will.
Klang und Wiederholung: Der hohe Anteil an vokalisch offenen Lauten (»ach, ach«, »komm, komm«, »mein, dein«) verstärkt die emotional-affektive Dimension. Wiederholungen (»ach, ach«, »komm, komm«) markieren die Ekstase und das sehnsuchtsvolle Drängen der Stimme.
2. Strukturelle Anlage
Das Gedicht entfaltet eine dramatische innere Bewegung, die einer geistlichen Dynamik folgt:
Erste Strophe (V. 1–10): Der Morgenstern (Christus) soll aufgehen, Licht und Wärme bringen. Das Bild des »Herzensmorgensterns« verweist auf die adventliche Erwartung Christi im Inneren. Der Ton ist zunächst hoffnungsvoll und anbetend.
Zweite Strophe (V. 11–20): Die Rede verdichtet sich in ein klares Bekenntnis: Christus ist das einzige Licht, das wahre Ziel des Verlangens. Schon hier beginnt das Ich in einem Wechsel von Klage und Sehnsucht zu sprechen.
Dritte Strophe (V. 21–30): Christus erscheint als kosmisches Prinzip »Du bist der Glanz der Herrlichkeit, du gibst der Welt das Leben.« Mystische Erfahrung tritt hinzu: der Anblick Christi versetzt schon »noch in der Zeit« in den Himmel. Hier steigert sich der Ton zu einer Mischung aus Ekstase und Schwäche (»zerfließe«).
Vierte Strophe (V. 31–40): Die Sprache kippt ins Dringende: Christus wird als Bräutigam angerufen, das Ich fleht um seine Gegenwart (»komm doch geschwind«). Die Anrede ist durchdrungen von der Symbolik der Brautmystik (Christus als himmlischer Bräutigam, die Seele als Braut). Körperliche Erschöpfung und innere Zerrissenheit werden ins Bild gesetzt (»Der Leib wird matt, die Seel ist schwach«).
Fünfte Strophe (V. 41–50): Der Höhepunkt in der Klage: die völlige Schwäche, Tränen, Verblassen, Sehnen. Doch darin mündet das Gedicht ins Gebet um Gnade und Licht: Christus möge »gnädig anzublicken«. Hier kulminiert die Spannung zwischen der Unfähigkeit des Menschen und der erlösenden Gnade.
Das Ganze bildet also eine organische Bewegung von Erwartung – Bekenntnis – Ekstase – Klage – Gnade.
3. Literaturgeschichtlicher Kontext
Barocke Frömmigkeit: Das Gedicht ist typisch für die barocke Mystik: es lebt vom Paradox einer intensiven Innerlichkeit und gleichzeitigen rhetorischen Ausschmückung. Bilder von Licht, Glanz, Strahl und Anblick sind nicht zufällig gewählt, sondern Teil der barocken Metaphorik der lux divina.
Mystische Tradition: Angelus Silesius steht in der Tradition der mittelalterlichen Brautmystik (Bernhard von Clairvaux, Mechthild von Magdeburg, Johannes vom Kreuz). Die Sprache von Bräutigam und Braut ist unmittelbar von der Tradition des Hohenlied-Kommentars inspiriert. Das Ich ist die Seele, die Christus als göttlichen Bräutigam sucht.
Kirchenlied und Andachtslyrik: Formal erinnert das Gedicht an geistliche Lieder der lutherischen und katholischen Frömmigkeit des 17. Jahrhunderts, die für den Gemeindegesang bestimmt waren (z. B. Paul Gerhardt). Der Unterschied: Silesius überhöht das Liedhafte ins Mystische und Ekstatische, weg von der Gemeinde, hin zum individuellen Erleben.
Barocke Rhetorik: Man erkennt die Affektrhetorik (exclamatio »ach, ach«, »komm, komm«; repetitio; hyperbole »über Zucker süße«). Der Text will nicht nur Mitteilung sein, sondern Affekt erzeugen, Mitleiden, Mitersehnen.
Zusammenfassung
Das Gedicht ist ein in sich geschlossener mystischer Sehnsuchtsgesang, der formal an das Kirchenlied erinnert, inhaltlich aber in die Tiefe mystischer Brautmystik dringt. Seine Struktur entfaltet sich organisch von Erwartung bis zur finalen Bitte um Gnade. Literarhistorisch ist es ein Beispiel barocker Mystik, die rhetorisch reich ausstaffiert, aber zugleich von innerster Sehnsucht getragen ist. Es vereint Lyrik, Gebet und Mystik zu einer Einheit, in der die Stimme des Ichs exemplarisch für die mystische Seele steht, die im adventlichen Augenblick die Geburt Christi nicht nur historisch, sondern als innere Geburt im Herzen erfleht.

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