Komm mein Herze, komm mein Schatz

Angelus Silesius

Sie ruft ihm abermals sehr begierlich

Komm mein Herze, komm mein Schatz, 1
Komm mein grüner Freudenplatz. 2
Komm mein Leitstern, komm mein Licht, 3
Komm mein liebstes Angesicht, 4
Komm mein Leben, meine Seele, 5
Komm mein wahres Balsamöle. 6

Komm mein Manna, komm mein Trank, 7
Komm mein lieblichster Geklang. 8
Komm mein Arznei für den Fluch, 9
Komm mein edeler Geruch, 10
Komm mein Röslein, meine Blume, 11
Komm mein Garten voller Ruhme. 12

Komm mein König, komm mein Held, 13
Komm mein Himmel, meine Welt. 14
Komm mein Bräutgam, komm mein Kuß, 15
Komm mein Heil und güldner Fluß, 16
Komm mein Hirte, meine Weide, 17
Komm mein Jesus, meine Freude. 18

Analyse – Strophe I – Verse 1-6

1 Komm mein Herze, komm mein Schatz,
Hier spricht die Seele im Bild der Liebenden zu Christus. »Herze« bezeichnet den innersten Wesenskern, das eigentliche Lebenszentrum, und wird hier auf Christus selbst übertragen: Er ist das Herz des Menschen, weil er der Grund seiner Lebenskraft ist. »Schatz« verweist auf das Matthäusevangelium (»Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz«, Mt 6,21). Christus ist nicht nur Begleiter, sondern der eigentliche Wert und Besitz der Seele. Philosophisch steckt darin die Behauptung, dass alles Endliche vergänglich ist, und nur Gott als unvergängliches Gut den wahren Schatz darstellt.
2 Komm mein grüner Freudenplatz.
Die Metapher des »grünen Platzes« erinnert an Psalm 23 (»Er weidet mich auf einer grünen Aue«). Grün symbolisiert Leben, Frische, ewige Jugend und das immerwährende Erblühen der göttlichen Freude. Theologisch deutet sich an: Gott ist der paradiesische Garten, der Ort, wo die Seele ihre Erquickung findet. Philosophisch gesehen wird Gott als der Grund des Seins gefasst, in dem Lebendigkeit ohne Ende herrscht. Das »grün« ist nicht nur Farbe, sondern Bild der immerwährenden, unzerstörbaren Fülle.
3 Komm mein Leitstern, komm mein Licht,
Hier greift Silesius die alte christliche Bildsprache Christi als »Licht der Welt« (Joh 8,12) und als »Morgenstern« (Offb 22,16) auf. »Leitstern« ist die Orientierung inmitten der Nacht des Daseins. Philosophisch: Christus wird zur transzendenten Idee, die das Denken wie die Existenz ausrichtet. Theologisch: Er ist Offenbarung selbst, nicht bloß Hinweis, sondern das Licht, das führt, und der Stern, der den Weg zur ewigen Heimat weist. Mystisch gesprochen: Die Seele sucht das Überlicht im Dunkel.
4 Komm mein liebstes Angesicht,
Das »Angesicht« (hebr. panim) ist in der Bibel Symbol der göttlichen Gegenwart. Wer Gottes Angesicht schaut, erlebt die unio mystica. Dass Christus das »liebste Angesicht« ist, verweist auf das Hohelied, wo die Sehnsucht nach dem Antlitz des Geliebten die Sprache bestimmt. Philosophisch könnte man sagen: Die Seele verlangt nach der unmittelbaren Präsenz des Absoluten, nach einer unverschleierten Begegnung. Theologisch ist es die eschatologische Hoffnung auf die visio beatifica.
5 Komm mein Leben, meine Seele,
Christus wird identisch mit Leben und Seele des Menschen. Damit wird eine radikale innere Einheit formuliert: Gott ist nicht ein äußerer Helfer, sondern die Seele lebt nur in ihm. Augustinus »Unruhig ist unser Herz, bis es ruhet in dir.« Philosophisch zeigt sich die absolute Abhängigkeit des Endlichen vom Unendlichen – das menschliche Leben hat keinen Eigenstand, sondern gründet ontologisch in Gott. Mystisch ist dies fast identisch mit der Aussage »Gott ist mein Ich.«
6 Komm mein wahres Balsamöle.
Die Heilmittel-Symbolik greift auf biblische Bilder zurück (z.B. das Öl des Samaritaners, das die Wunden heilt, oder die Salbung durch den Geist). Christus ist das »wahre« Öl, d.h. er allein heilt die Verwundung der Seele durch die Sünde. Mystisch wird er zum süßen Duft, zur heilenden Substanz, die alle Zerrissenheit integriert. Philosophisch ist das Bild des Balsams eine Allegorie für die Überwindung der existenziellen Krankheit (im Sinne Kierkegaards »Krankheit zum Tode«) durch göttliche Gnade.
Fazit
Die erste Strophe ist ein dichter Kranz von sechs Anrufungen, die jeweils mit »Komm« beginnen. Diese Anapher ist zugleich Gebet, Beschwörung und Ausdruck höchster Sehnsucht. Sie verwebt eine Kette von Liebesmetaphern (»Schatz«, »Angesicht«) mit kosmischen und theologischen Symbolen (»Licht«, »Leitstern«), mit heilenden und lebensspendenden Bildern (»Freudenplatz«, »Balsamöle«).
Theologisch lässt sich dies als eine Verdichtung der mystica sponsa-Tradition deuten: die Seele ruft Christus, ihren Bräutigam, in leidenschaftlicher Minne herbei. Philosophisch gesehen spiegelt sich hier das Streben des endlichen Subjekts nach dem Absoluten in einer Sprache, die sinnliche und geistige Dimensionen verschränkt. Mystisch ist es ein Aufschrei nach unio: Christus soll nicht fern bleiben, sondern als Herz, Licht, Leben und Balsam die Seele ganz erfüllen.
Die Strophe bewegt sich also zwischen liebender Intimität und kosmischer Metaphysik – ein typisches Kennzeichen barocker Mystik.

Analyse – Strophe II – Verse 7-12

7 Komm mein Manna, komm mein Trank,
Manna (Ex 16) ist die Wüstenkost der Pilgerschaft und in Joh 6 typologisch auf Christus gedeutet (»Brot vom Himmel«). »Trank« erinnert an den »Kelch des Heils« (Ps 116) und an das eucharistische Blut. Zusammen bilden Brot und Trank die Grundmetapher sakramentaler Nahrung: Christus stillt Hunger und Durst der Seele. Das doppelte »mein« markiert nicht Besitz im profanen Sinn, sondern die bräutliche Appropriation – »mein Geliebter ist mein und ich bin sein« (Hld 2,16). Theologisch: Christologie in eucharistischer Verdichtung; anthropologisch: der Mensch als Bedürftiger, der in der Communio genährt wird.
8 Komm mein lieblichster Geklang.
»Geklang« (Klang) verschiebt von Geschmack zu Gehör: Christus als »Wort« (Logos) wird zur süßen Harmonie, zum »cantus« der Seele (Boethius’ harmonia mundi im Hintergrund). Predigt, Schrift und inneres Wort werden als Musik erfahrbar. Mystisch-phänomenologisch: Der Glaube wird hörbar, nicht nur essbar – Kontemplation als Lauschen. Pneumatologisch klingt mit, dass der Geist das Wort im Herzen »klingen« lässt.
9 Komm mein Arznei für den Fluch,
Die soteriologische Spitze »Fluch« ist die Adams-Malediktion und der »Fluch des Gesetzes« (Gal 3,13), den Christus am Kreuz auf sich nimmt. »Arznei« erinnert an die alte Bezeichnung der Eucharistie als pharmakon athanasias (Ignatius von Antiochien): Medizin der Unsterblichkeit. Christus ist Heilmittel, nicht nur Speise. Therapeutische Soteriologie: Heilung (Heiland) statt bloßer Forensik; der Mensch ist Verwundeter, der eine göttliche Medizin empfängt, die Übel (Sünde, Tod) neutralisiert.
10 Komm mein edeler Geruch,
Die Geruchsmetaphorik (Eph 5,2; 2 Kor 2,15) betont Anziehung und Verströmen: Christus als »Wohlgeruch« der Liebe. Duft ist unsichtbar und allgegenwärtig – eine feine Analogie zur Gnade: sie lässt sich nicht greifen und doch durchdringt sie alles. Asketisch-ethisch: Wer mit Christus lebt, »riecht« nach ihm (odor virtutum); Heiligkeit hat Ausstrahlung. »Edeler« qualifiziert den Duft als adlig-rein im Gegensatz zu den miasmatischen Gerüchen der Sünde.
11 Komm mein Röslein, meine Blume,
Die Diminutive (»Röslein«) binden Majestät an Zärtlichkeit. Typologisch schwingen zwei Linien mit: (a) Christus als »Ros« aus Jesse (Jes 11,1; Adventshymnus »Es ist ein Ros entsprungen«) – Inkarnation als Aufblühen; (b) Hoheslied-Tradition (»Rose von Scharon«, 2,1) – Schönheit als theologische Kategorie. Die Verdopplung (»Röslein, Blume«) ist barocke amplificatio; ästhetische Theologie: die Wahrheit Gottes erscheint als Schönheit, die liebt und geliebt werden will.
12 Komm mein Garten voller Ruhme.
Der Garten sammelt und steigert alle vorherigen Sinnbilder: Nahrung (Früchte), Trank (Quellen), Klang (Vogelgesang), Duft (Blumen), Schönheit (Flora). Als »hortus« ist er Ort der Begegnung (Gen 3) und – in der Mystik – des bräutlichen Umgangs (hortus conclusus). »Voller Ruhme« deutet auf die gloria Christi: Fülle der Tugenden und Heilstaten. Es ist die eschatologische Vision: in Christus betritt die Seele den Raum der Herrlichkeit, wo alle Sinne vergeistigt erfüllt werden.
Fazit
Die Strophe ist eine anaphorische Epiklese: sechsmal »Komm« performt die Sehnsucht der Seele und ruft den Bräutigam real herbei – liturgisch, eucharistisch, kontemplativ. Die Bilder sind sinnlich gestaffelt (Schmecken/Trinken → Hören → Heilen → Riechen → Schauen/Schönheit → Wohnen/Raum) und zeichnen eine mystische Bewegung von der Bedürftigkeit (Nahrung) über die Transformation (Arznei, Duft) zur Teilnahme an der göttlichen Fülle (Garten der Herrlichkeit). Dogmatisch verdichten sie eine hoch-inkarnatorische Theologie: Der Unsichtbare kommt in den Sinnen zur Gegenwart; sakramental in Brot und Kelch, spirituell als Wort und Duft, ästhetisch als Blume, kosmisch als Garten. Das beständige »mein« formuliert nicht Besitz, sondern personale Gegenseitigkeit der Liebe: Christus gibt sich so, dass die Seele ihn als »ihren« nennen darf – und genau in dieser Appropriation liegt die Vergöttlichung des Menschen. Die Strophe ist damit ein kleiner »mystischer Kosmos«: Von der Wüste (Manna) bis zum Paradies (Garten) erzählt sie die Heilsgeschichte als Weg der Sehnsucht, der in der Ankunft des Geliebten schon Erfüllung ist.
Gern. Ich biete zuerst eine vers-für-vers Tiefenschau (13–18), danach eine zusammenhängende Deutung der ganzen Strophe—ohne Tabelle.

Analyse – Strophe III – Verse 13-18

13 Komm mein König, komm mein Held,
Die doppelte Anrufung bündelt königliche Souveränität (»König«) und kämpferische Rettungsmacht (»Held«). In der Mystik steht der »König« für Gottes absolute Herrschaft über das Herz: Glauben heißt, sich regieren zu lassen. Der »Held« verweist auf Christus victor, den Überwinder von Sünde, Tod und Hölle. Beide Titel markieren den Beginn einer inneren Epiphanie: Der ersehnte »Komm«-Ruf ist nicht bloß eschatologisch (Parusie), sondern auch mystisch-gegenwärtig (adventus in anima). Theologisch verschränken sich so Majestät (Transzendenz) und Tatmacht (Inkarnation/Golgatha): Er ist würdig zu herrschen, weil er als Held gelitten und gesiegt hat. Die Seele ruft nicht abstrakt, sondern in zärtlicher Appropriation (»mein«): Herrschaft ohne Distanz, Macht ohne Furcht.
14 Komm mein Himmel, meine Welt.
Die Anrufung weitet sich kosmologisch. »Himmel« bezeichnet das Telos der Seele, den Ort (besser: Zustand) vollendeter Gottgemeinschaft; »meine Welt« ist radikal: Gott wird für die Seele zum eigentlichen Weltraum, der in allem wohnt und alles trägt. Mystisch gelesen: Wenn Gott »meine Welt« ist, relativiert sich die äußere Welt—nicht Verachtung der Schöpfung, sondern ihre Durchsichtigkeit auf Gott. In einem Atemzug stehen Transzendenz (»Himmel«) und Immanenz (»Welt«); die Seele bekennt: Was mich umgibt und was mich übersteigt, fällt in Dir zusammen. Das ist eine theologische Paradoxie der Nähe: Gott ist »jenseits« und »alles in allem«—und deshalb rufbar.
15 Komm mein Bräutgam, komm mein Kuß,
Hier schlägt die Sprache offen in Brautmystik um (Hohelied 1,2). »Bräutgam« deutet die Vereinigung der Seele mit Christus als eheliches Bündnis: exklusiv, treu, fruchtbar. Der »Kuß« ist kein bloßes Bild der Zärtlichkeit, sondern ein altes Symbol für Mitteilung des Geistes, Austausch des Lebens, Teilhabe am göttlichen Atem (pneuma). Dogmatisch schwingt das Mysterium der Gnade mit: Nicht die Seele erklimmt Gott, sondern Gott neigt sich in einem Kuss der condescensio zu ihr. So wandelt sich der königliche Abstand (V. 13) in höchste Intimität—kein Gegensatz, sondern Vollendung der Herrschaft in Liebe.
16 Komm mein Heil und güldner Fluß,
»Heil« bündelt soteriologisch alles: Rechtfertigung, Heilung, Befreiung und Vergöttlichung. Der »güldne Fluß« öffnet ein biblisches Bildfeld: der Strom des Lebens, der vom Thron Gottes ausgeht (vgl. Offb 22), die goldene Strömung der Gnade, die die Wüste der Seele bewässert. Gold steht für Unvergänglichkeit und Herrlichkeit; der Fluss für unablässige Zuwendung. Mystisch heißt das: Die Vereinigung (V. 15) bleibt nicht Moment, sondern wird Quelle: eine fortwährende Infusion göttlichen Lebens, in das die Seele hineingestellt ist. Die Bitte »Komm« ist so auch Epiklese: Herabruf des Geistesstroms, der alles erneuert.
17 Komm mein Hirte, meine Weide,
Die Metapher wechselt ins Pastoral-Bild (Joh 10; Ps 23). »Hirte« spricht Führung, Schutz, Erkennen beim Namen; »Weide« meint Nahrung, Ruhe, Ort der Erquickung. Bemerkenswert: Nicht nur der Hirte ist Christus, auch die Weide ist »mein« in Ihm—Christus ist zugleich Führender und Speise, Weg und Ziel. Sakramental gelesen deutet »Weide« auf die eucharistische und worthafte Nahrung, in der der Hirte sich selber gibt. Das Braut-Du (V. 15) konkretisiert sich so als tägliche Lebensform: geführt, genährt, geordnet in Ihm.
18 Komm mein Jesus, meine Freude.
Der Schluss fällt ins nackte Eigennamen-Bekenntnis »Jesus«. Nach den Titeln (König, Held, Hirte …) steht jetzt die Person selbst. »Meine Freude« fasst alle vorherigen Prädikationen affektiv zusammen: Die theologische Wahrheit wird zur Lust der Seele, zur erlösten Stimmung. Freude ist hier kein Zusatzgefühl, sondern das Zeichen der Gegenwart des Auferstandenen (»Eure Freude soll niemand von euch nehmen«). Mystisch-asketisch heißt das: Das Ziel ist nicht Ekstase um der Ekstase willen, sondern die stille, tragende Freude, die aus dem Besitz des Geliebten entspringt.
Fazit
Die Strophe ist eine litaneiförmige Epiklese: sechs Doppelrufe »Komm …« entfalten eine theologisch reich gestaffelte Annäherung Gottes an die Seele. Die Reihenfolge ist bedeutsam: Sie bewegt sich von Majestät und Macht (König/Held) über kosmische Totalität (Himmel/Welt) in die Intimität der Brautliebe (Bräutgam/Kuß), lässt daraus die soteriologische Strömung der Gnade hervorgehen (Heil/güldner Fluß), konkretisiert diese im pastoralen Alltag der Führung und Speise (Hirte/Weide) und mündet endlich in die einfache Namens-Anrufung, die in »Freude« kulminiert (Jesus/Freude). Formal entsteht eine Klimax, zugleich aber eine Sammlung: Je mehr Prädikate genannt werden, desto entschiedener reduziert sich alles auf die Person Jesu.
Der beständige Possessiv-Ton (»mein«) ist keine Selbstbezüglichkeit, sondern das Kennzeichen des Glaubens als Aneignung: Die Seele spricht das »pro me« aus, das das objektive Heil in eine personale Bindung transformiert. Sprachlich ist die Häufung der Bilder nicht bloße Ornamentik, sondern eine kataphatische Bewegung, die—gerade in ihrer Fülle—die Unangemessenheit jedes einzelnen Titels spüren lässt: Gott überschreitet jedes Bild, schenkt sich aber in allen. So hält die Strophe die Spannung von Transzendenz und Immanenz, von königlicher Ferne und bräutlicher Nähe, von kosmischer Größe und täglicher Hirtensorge.
Schließlich wirkt der Text als Gebetsdrama: Das wiederholte »Komm« ist Ruf und Öffnung, Bitten und Bereitsein. Es kann eschatologisch gehört werden (der Geist und die Braut sprechen: Komm!), zugleich aber als innerer Advent: Christus kommt in die Seele, regiert, nährt, heilt—und die Signatur dieses Kommens ist Freude. In dieser Freude schließt sich der Kreis: Die Majestät des Königs offenbart sich als Zärtlichkeit des Bräutigams, die Kraft des Helden als Tröstung des Hirten, und die Weite des Himmels als die Welt, die das Herz in Christus findet.
Sehr gerne gebe ich Ihnen eine theologisch-philosophische Gesamtschau zu Angelus Silesius’ Gedicht »Sie ruft ihm abermals sehr begierlich«.

Gesamtschau

1. Struktur
Das Gedicht besteht aus drei Strophen mit je sechs Versen, insgesamt also 18 Versen. Auffällig ist der parallelistische Aufbau: Jede Zeile beginnt mit der Anrufung »Komm«. Dadurch entsteht eine litaneiartige, fast mantraähnliche Wiederholung, die den Text rhythmisch verdichtet. Die gereimte Zweierstruktur (Schatz – Platz, Licht – Angesicht usw.) bindet die Verse formal und verstärkt den musikalischen Charakter.
Das Gedicht ist im Kern ein geistliches Minnelied, das im Duktus weltlicher Liebespoesie gehalten ist, aber christologisch aufgeladen wird. Durch die Häufung der Bilder wird eine Steigerung erzeugt: vom intimen, fast erotisch klingenden »Schatz, Licht, Angesicht« bis hin zu den universalen, kosmischen Titeln »König, Himmel, Welt, Jesus«.
2. Inhaltliche Ebenen
Jede Strophe führt den Leser tiefer in die mystische Symbolsprache:
Erste Strophe (V. 1–6):
Die Anrufung beginnt mit innigen, personalen Zärtlichkeitsbegriffen »Herze, Schatz, Leitstern, Licht«. Der Sprecher/die Sprecherin (die Seele) sucht Nähe, Intimität und Geborgenheit in Gott. Schon hier erscheint Christus als »mein Leben, meine Seele« – eine radikale Vereinigung von Ich und Du. Die Bilder »Balsamöle« verweisen auf Heilung, Salbung, also die sakramentale Dimension.
Zweite Strophe (V. 7–12):
Nun treten Bilder aus der biblischen Symbolik hinzu »Manna« (Speise der Wüste, Sinnbild des eucharistischen Brotes), »Trank« (Abendmahlskelch), »Arznei« (Heil gegen den Fluch der Erbsünde). »Röslein« und »Blume« verweisen auf klassische Braut-Mystik, insbesondere das Hohelied Salomos. »Garten voller Ruhme« evoziert das Paradies, das in Christus selbst Gestalt gewinnt. Die Anrufung bewegt sich also vom personal-intimen Bild zum kosmisch-sakramentalen Symbol.
Dritte Strophe (V. 13–18):
Die letzte Strophe kulminiert in eschatologischen Bildern: Christus wird angerufen als »König, Held« (messianische Hoheit), »Himmel, Welt« (kosmische Allfülle), »Bräutigam« (mystische Hochzeit der Seele mit Christus). Der finale Doppelruf »Hirte, Weide – Jesus, Freude« stellt die Einheit von Versorgung, Führung, Heil und Vollendung in Christus dar. Der letzte Vers bringt die Essenz: Christus ist nicht nur Begleiter, sondern die Freude selbst.
3. Metaebene – theologisch-philosophische Gesamtschau
Auf der Metaebene entfaltet sich das Gedicht als ein mystischer Liebesdialog zwischen der menschlichen Seele und Christus. Die Wiederholung des »Komm« macht deutlich, dass die Seele in einem Zustand des »sehnsuchtsvollen Mangels« lebt, der nur durch die Gegenwart Christi aufgehoben werden kann.
Philosophisch gesehen spiegelt sich hier die platonisch-augustinische Struktur der Sehnsucht: Das menschliche Herz ist auf das Absolute hin geschaffen und ruft mit aller Bildkraft danach, von diesem erfüllt zu werden. Der Text baut damit eine dynamische Ontologie der Liebe: Gott ist nicht nur Objekt der Liebe, sondern selbst Leben, Seele, Nahrung, Medizin, König, Himmel, Freude – kurz: alles.
Theologisch verbindet Silesius Brautmystik, Sakramentalität und Kosmologie:
Die Brautmystik folgt dem Hohelied und der Tradition der mittelalterlichen Mystiker (Bernhard von Clairvaux, Mechthild von Magdeburg, Johannes vom Kreuz).
Die sakramentale Dimension zeigt sich in »Manna, Trank, Balsam, Arznei« – Christus ist als Sakrament gegenwärtig und real.
Die kosmische Dimension erscheint in »Himmel, Welt, König, Held« – Christus umfasst das Ganze der Schöpfung.
Philosophisch-theologisch ist dies ein Ausdruck radikaler Christozentrik: Christus ist nicht nur Mittler, sondern die totale Erfüllung aller Kategorien des Daseins. Alles, was die Seele an Gütern kennt, wird in Christus gesammelt und transzendiert.
Der Text verweist damit auf die Mystik der Einheit: Die Vielheit der Bilder verweist auf die eine Realität. Je vielfältiger die Anrufung, desto klarer zeigt sich, dass in Christus alle Bilder zusammenfallen. Hier schimmert die apophatische Dimension durch: kein einzelnes Bild reicht aus, daher die Fülle an Metaphern, die zugleich alle überboten werden.
Zusammenfassung
Angelus Silesius gestaltet in diesem Gedicht eine dreistufige Bewegung:
1. Innigkeit der Seele (erste Strophe),
2. sakramentale und paradiesische Symbolik (zweite Strophe),
3. kosmische und eschatologische Erfüllung (dritte Strophe).
Die Seele ruft Christus herbei als den Einen, der alle Dimensionen von Leben, Heil, Sinn und Freude in sich vereint. Das Gedicht ist damit sowohl ein Liebeslied der Mystik als auch eine philosophische Meditation über die Allgenugsamkeit Gottes in Christus.

Schreibe einen Kommentar