Hans Aßmann von Abschatz
Der unbekandte Liebhaber
1 Schau die Künheit fremder Hand/
2 Welche/ sonder dich zu kennen/
3 Macht durch diese Schrifft bekant
4 Ihrer treuen Seele Brennen/
5 Welche dich nicht kennen will
6 Und nur kennet allzuviel.
–
7 Fordre meinen Nahmen nicht
8 Biß ihn wird die Zeit entdecken/
9 Und der treuen Dienste Pflicht
10 Gleiche Flamm in dir erwecken/
11 Biß man mich auch ungenennt
12 Gleich wie deine Tugend kennt.
–
13 Mehr ich deiner Sclaven Zahl/
14 Du bist drum nicht mehr geplaget;
15 Wenn ein andrer seine Qual
16 Dir mit langen Worten klaget/
17 Sollen stumme Dienst allein
18 Meiner Liebe Zeugen seyn.
Analyse Strophe 1
1 Schau die Künheit fremder Hand
Der Vers beginnt mit einem Imperativ: »Schau« – eine direkte Anrede der Geliebten oder Adressatin. »Künheit« (Kühnheit) verweist auf Wagemut, vielleicht auch Unverschämtheit. »Fremder Hand« deutet darauf hin, dass der Sprecher anonym bleibt – es ist nicht seine Stimme, die spricht, sondern seine »Hand«, also das Schreiben selbst.
Der Liebhaber bringt seine Gefühle nicht persönlich, sondern schriftlich zum Ausdruck – doch dieses Schreiben erfordert Mut. Die Kühnheit liegt darin, jemandem seine Liebe zu gestehen, ohne sich offen zu zeigen. Der Autor betont den Akt des Sich-Zeigens durch das Schreiben – trotz Anonymität.
2 Welche/ sonder dich zu kennen
Das Relativpronomen »welche« bezieht sich auf die »Hand« aus dem ersten Vers. »Sonder« ist eine veraltete Form von »ohne«.
Die Hand (also das Schreiben) kommt von jemandem, der die Angesprochene nicht persönlich kennt. Das hebt die Distanz hervor und zugleich die besondere, fast paradoxe Intimität der Situation: Der Schreiber liebt, ohne die Geliebte wirklich zu kennen.
3 Macht durch diese Schrifft bekant
Der Akt des Schreibens wird erneut betont – die Schrift selbst wird zur Offenbarung.
Die »Schrifft« dient als Medium der Selbstoffenbarung. Es handelt sich um ein anonymes Liebesgeständnis, das in der Schrift die einzige Möglichkeit des Ausdrucks findet. Es ist eine erste Kontaktaufnahme, aber mit sehr persönlichem Inhalt.
4 Ihrer treuen Seele Brennen
Hier werden Gefühle beschrieben: »Brennen« steht für Leidenschaft, Sehnsucht, innere Glut. Die Seele ist »treu« – ein Hinweis auf die Tiefe und Ernsthaftigkeit dieser Liebe.
Der unbekannte Liebhaber offenbart sein inneres Verlangen. Die Liebe wird nicht als Laune, sondern als treue, beständige Leidenschaft dargestellt – die innere »Glut der Seele« wird durch das Schreiben mitgeteilt.
5 Welche dich nicht kennen will
Die erneute Verwendung von »welche« könnte doppeldeutig sein. Sie könnte sich noch auf die »Hand« beziehen oder – wahrscheinlicher – auf die Seele. »Nicht kennen will« kann als Ausdruck von Scham, Angst oder Demut gelesen werden.
Der Liebende fühlt sich zu unbedeutend, zu weit entfernt oder für unwürdig, dass seine Geliebte ihn kennenlernt. Er sieht in ihrer Unkenntnis vielleicht sogar einen Schutz – oder er klagt darüber, dass sie ihm ihre Aufmerksamkeit verweigert. Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen Nähe (durch das Schreiben) und Distanz (durch ihre Ablehnung oder Unkenntnis).
6 Und nur kennet allzuviel.
Wieder ein Paradoxon: Obwohl sie ihn nicht kennen will, kennt sie allzuviel. »Kennet« = weiß, kennt, versteht.
Dieses Paradox unterstreicht die Tragik der Situation. Die Geliebte kennt den Liebenden vielleicht nicht als Person, aber sie kennt seine Gefühle, seine Tiefe, seine Leidenschaft – weil er sich in der Schrift so entblößt. Oder: Ihre Ablehnung (sie »will« ihn nicht kennen) steht im Kontrast zu seiner Offenbarung (sie weiß dennoch »allzuviel« über sein Innerstes). Die letzte Zeile fasst die Ambivalenz zusammen: Er bleibt anonym und fremd – und doch ist er durch seine Liebe nackt und offenbart.
Fazit
Die erste Strophe dieses Gedichts zeichnet ein spannungsreiches Bild einer anonymen, aber tiefen Liebe. Der Sprecher gibt sich nicht zu erkennen, sondern schreibt – ein kühner Akt –, obwohl oder gerade weil ihn die Geliebte nicht kennt und nicht kennen will. In dieser Konstellation liegt eine zutiefst barocke Spannung: zwischen Nähe und Ferne, Selbstoffenbarung und Verhüllung, Leidenschaft und Zurückweisung. Das Schreiben wird zum Mittel der Seelenschau – ein Ausdruck innerer Glut, der zugleich von der Unerreichbarkeit der Geliebten kündet.
Diese Strophe eröffnet mit dem paradoxen Akt eines anonymen Bekennens: Eine „fremde Hand“ wagt es, ohne persönliche Bekanntschaft, durch Schrift das innere »Brennen« der Seele zu offenbaren. Dies evoziert das barocke Spannungsverhältnis zwischen Erscheinung und Wesen, zwischen äußerer Unkenntnis und innerer Erkenntnis.
Philosophische Tiefendimension der Strophe
Philosophisch steht hier die Frage im Raum: Was ist Erkenntnis ohne Begegnung?
Die Seele »kennt« die Angebetete auf einer inneren, ideellen Ebene – und doch »will« sie sie nicht kennen: Dies verweist auf eine Spannung zwischen Sinnlichkeit und Askese, Erkenntnisdrang und Zurückhaltung, subjektiver Erfahrung und objektiver Ferne.
Zugleich schwingt eine Anspielung auf platonische Liebe mit: Das Brennen der Seele entspringt einer geistigen Vorstellung, nicht körperlicher Nähe. Der Begriff der »Künheit« verweist zudem auf das Motiv des überschreitenden Selbst, das sich gegen gesellschaftliche Konvention (Anonymität, Zurückhaltung) stellt.
Psychologische Tiefendimension der Strophe
Der anonyme Liebhaber zeigt ein innerlich starkes emotionales Bedürfnis nach Ausdruck, aber gleichzeitig eine psychologische Abwehr der Intimität. Er bleibt anonym, »kennt« die Frau nicht und will sie auch nicht kennen – dies verweist auf ein idealisiertes Liebesobjekt, das im Inneren überhöht wird, ohne realer Begegnung standhalten zu müssen.
Es handelt sich um eine Projektionsliebe: Das »Brennen« kommt nicht aus Interaktion, sondern aus der Einbildungskraft des Ichs. Die Strophe zeigt eine Dissoziation zwischen Gefühl und Wirklichkeit – eine psychologische Schutzstrategie, um Nähe zu vermeiden, weil sie Angst erzeugen könnte.
Analyse Strophe 2
7 Fordre meinen Nahmen nicht
Der Sprecher verweigert die Preisgabe seiner Identität. Es geht ihm nicht um das Äußere oder die gesellschaftliche Stellung, sondern um die innere Wahrheit der Liebe.
Das Motiv des anonymen Liebhabers, typisch für höfische und galante Poesie, wird betont. Die wahre Liebe soll sich nicht über Namen und Status definieren.
8 Biß ihn wird die Zeit entdecken
Die Offenbarung der Identität soll nicht durch äußeren Zwang, sondern durch den natürlichen Verlauf der Zeit erfolgen. Die Wahrheit wird sich mit der Zeit von selbst zeigen.
Anklänge an barocke Zeit- und Geduldsthematik – die Zeit als prüfende Instanz. Wahrheit enthüllt sich im rechten Moment.
9 Und der treuen Dienste Pflicht
Der Sprecher hebt seine Hingabe und Treue hervor – er liebt nicht aus Laune, sondern erfüllt eine Pflicht, die auf Konstanz und Ernsthaftigkeit basiert.
Liebe ist hier nicht bloß Leidenschaft, sondern ein Dienst, ein moralisch verpflichtendes Verhalten – Nähe zur höfischen Minne.
10 Gleiche Flamm in dir erwecken
Die gleiche Flamme (Liebe) soll auch in dir geweckt werden.
Die Erwiderung seiner Liebe soll aus innerer Bewegung und Gefühl erfolgen, nicht durch äußeren Druck (wie z. B. durch Kenntnis des Namens).
Das Bild der »Flamme« als Sinnbild leidenschaftlicher Liebe ist tradiert. Es verweist auf Symmetrie in der Liebe – Gleichklang der Seelen.
11 Biß man mich auch ungenennt
Der Sprecher betont, dass sein Name (und damit seine gesellschaftliche Identität) irrelevant ist – entscheidend ist das, was er gibt: seine Liebe, seine Treue.
Wiederholung der Idee der Anonymität als Ausdruck wahrer Demut oder als Prüfung für die Geliebte.
12 Gleich wie deine Tugend kennt.
Die Geliebte soll ihn durch ihre Tugendhaftigkeit, also durch ihr moralisches Gespür und ihre Einsicht, erkennen – nicht durch äußere Merkmale.
Die Tugend der Frau wird angesprochen – nicht im Sinne sexueller Zurückhaltung, sondern als Fähigkeit, wahrhaftige Liebe vom Trug zu unterscheiden.
Ideengeschichtlich: Tugend als innere Erkenntniskraft, fast platonisch.
Fazit
In der zweiten Strophe seines Gedichts »Der unbekandte Liebhaber« stellt Hans Aßmann von Abschatz ein zentrales Motiv barocker Liebeslyrik ins Zentrum: die anonyme, doch aufrichtige Liebe, die sich nicht über Namen, Rang oder äußere Zuschreibungen definiert, sondern allein über Treue, Dienst und innere Glut. Der Sprecher verweigert die Nennung seines Namens, nicht aus Scham, sondern um zu prüfen, ob die Geliebte aus echter Neigung heraus handelt. Die Strophe offenbart ein Liebesideal, das auf innerer Erkenntnis und seelischer Resonanz beruht: Nur wer mit dem Herzen zu sehen weiß, erkennt auch ohne äußere Zeichen den wahren Liebenden.
Im Hintergrund wirken barocke Themen wie Vanitas, Zeitgedanke, Tugendethik und die Allegorie der Liebe als Prüfung. Die Strophe zeigt, dass wahre Liebe sich nicht durch Worte oder Namen beweist, sondern durch Verlässlichkeit, Geduld und gegenseitiges Verstehen – eine Haltung, die typisch für die galant-barocke Dichtung des 17. Jahrhunderts ist.
Philosophische Tiefendimension der Strophe
Diese Strophe bringt das Thema Zeit ins Spiel: Der Liebhaber bittet darum, seinen Namen nicht zu fordern, sondern der Zeit die Enthüllung zu überlassen. Dies verweist auf eine teleologische Ethik, in der sich das wahre Wesen des Menschen (seine Liebe, seine Absicht) erst im Verlauf der Zeit, durch sein Handeln und die Wirkung seiner Treue offenbart.
Das Unbenanntsein wird so zur Metapher für eine tiefere Wahrheit: Der Name ist unwichtig im Vergleich zur Tugend – eine Art stoische Haltung: Tugend existiert unabhängig von Anerkennung, Ruhm oder Identität. Der Philosoph würde sagen: Nicht das Personsein als gesellschaftliche Rolle zählt, sondern das Handeln nach moralischem Prinzip.
Auch findet sich ein Echo christlicher Demut: Der Liebende will keine Aufmerksamkeit, sondern handelt aus innerem Pflichtgefühl – im barocken Sinne eine Kenosis, eine Selbstentäußerung zugunsten des Anderen.
Psychologische Tiefendimension der Strophe
Hier manifestiert sich ein Bedürfnis nach Kontrolle über die Offenbarung des Selbst. Der Sprecher will seinen Namen nicht preisgeben, bevor »die Zeit« es erlaubt. Dies weist auf ein starkes Autonomiestreben hin und zugleich auf ein tiefes Bedürfnis nach Reziprozität: Er hofft, dass in der Frau »gleiche Flamm« erwacht, ehe er sich zeigt.
Der Verzicht auf Namensnennung ist auch ein Akt der Selbstvermeidung – er entzieht sich möglicher Ablehnung, schützt sein Selbstbild. Die psychologische Spannung liegt zwischen dem Wunsch nach Nähe und der Angst vor Enttäuschung. Das »ungereimte« Warten auf eine gleichartige Empfindung offenbart emotionale Ambivalenz.
Analyse Strophe 3
13 Mehr ich deiner Sclaven Zahl,
Der Sprecher reiht sich freiwillig ein in die Zahl der »Sclaven« (Sklaven) der Geliebten – also in die Menge ihrer Verehrer oder Liebenden, die ihr hörig sind.
Die Selbstbezeichnung als »Sclav« bringt das höfisch-galante Liebesideal des Barock zum Ausdruck: Der Mann unterwirft sich freiwillig der Dame, wie es der Konvention entspricht. Doch zugleich schwingt darin Ironie oder ein resignativer Ton mit: Die »Zahl« ist schon groß, er ist nur ein weiterer unter vielen. Seine Liebe ist dadurch entindividualisiert, anonym – ein Motiv, das zur Unbekanntheit seines Liebens passt.
14 Du bist drum nicht mehr geplaget;
Er beruhigt die Geliebte: Ihre Last wird durch seine Liebe nicht größer – sie wird nicht »mehr geplaget« dadurch, dass er sie auch liebt.
Die Frau wird hier als eine von Liebesanträgen geplagte Figur dargestellt – eine Überhöhung ihrer Attraktivität. Der Sprecher inszeniert sich zugleich als derjenige, der sich zurücknimmt, um sie nicht zusätzlich zu belasten – also als besonders rücksichtsvoller Liebhaber. Darin liegt auch ein leiser Vorwurf an all die anderen »Sclaven«, die sie eben doch mit ihren Avancen bedrängen.
15 Wenn ein andrer seine Qual
Er verweist auf andere Liebhaber, die ihre Liebesqualen laut artikulieren.
Dies ist ein indirekter Kontrast: Der Sprecher grenzt sich von jenen ab, die ihre Gefühle dramatisch äußern. Das »wenn« leitet ein typisches Szenario ein – andere klagen laut, er jedoch wird einen anderen Weg wählen. Es entsteht ein moralischer Gegensatz: der laute, aufdringliche Verehrer vs. der stille, tugendhafte Liebhaber.
16 Dir mit langen Worten klaget;
Andere belasten die Geliebte mit wortreichen Klagen über ihre unerwiderte Liebe.
»Lange Worte« suggerieren Übertreibung, Schwülstigkeit und möglicherweise Eitelkeit. Der Sprecher kritisiert damit implizit das klischeehafte Verhalten der üblichen galanten Liebhaber. Er hebt sich bewusst davon ab: Seine Liebe äußert sich nicht in Reden, sondern in Taten.
17 Sollen stumme Dienst allein
Er will seine Liebe einzig durch »stummen Dienst« zeigen – also ohne große Worte, sondern durch selbstlose Handlungen.
Hier spricht eine stille, vielleicht sogar demütige Haltung. Der Liebhaber möchte dienen, ohne auf Belohnung zu pochen, ohne sich in Szene zu setzen. Auch hier ist eine Selbstidealisierung im Spiel: Er ist nicht wie die anderen – sondern treu, diskret, aufrichtig. Gleichzeitig schwingt darin die barocke Vorstellung mit, dass Liebe sich in Treue, Dienst und Opfer ausdrückt – nicht in Redseligkeit.
18 Meiner Liebe Zeugen seyn.
Diese Taten (stummer Dienst) sollen die einzigen Zeugen seiner Liebe sein.
Das Motiv der Anonymität und Zurückhaltung wird vollendet: Nicht Worte, sondern Handlungen zeugen von wahrer Liebe. Auch hier liegt ein Spannungsverhältnis zwischen Subjektivität und Unsichtbarkeit – der Liebende bleibt unbekannt (Titel!), aber seine Liebe ist dennoch real und wirksam. Ein Ideal des uneigennützigen Liebens, das gerade durch das Verstummen seine Intensität beweisen will.
Fazit
Die dritte Strophe von »Der unbekandte Liebhaber« bringt die Diskretion, Selbstverleugnung und Diensteifrigkeit eines Liebenden zum Ausdruck, der sich von der Masse lärmender und wortreicher Bewerber abhebt. Statt durch Reden will er durch stummen Dienst und unsichtbare Treue seine Liebe bekunden – ein galantes, barockes Liebesideal, das sich zugleich kritisch und idealisierend gegenüber konventionellen Formen des Werbens positioniert.
Die Figur bleibt bewusst unbekannt und unsichtbar – nicht weil sie weniger liebt, sondern gerade weil sie tiefer liebt: still, opferbereit und ohne Erwartung auf Erwiderung. Die Strophe thematisiert damit ein zentrales barockes Spannungsfeld: Zwischen äußerer Repräsentation und innerer Wahrhaftigkeit, zwischen der Rede und dem Schweigen, zwischen Ich-Darstellung und Ich-Auflösung.
Philosophische Tiefendimension der Strophe
In dieser abschließenden Strophe tritt das Ideal dienender Liebe hervor, ganz im Sinne der barocken Tugendlehre. Der Liebende stellt sich in die »Sklavenzahl«, also in die Reihe derer, die der Angebeteten dienen – ein Selbstverständnis, das sich von der Feudalethik der Selbstaufopferung ableitet.
Philosophisch berührt das die Frage: Was ist wahre Liebe? Ist sie Mitteilung, Besitzstreben, Klage? Der Sprecher verneint dies. Für ihn ist Liebe ein »stummer Dienst« – ein Ethos der Hingabe, der aus sich selbst genügt, ohne Erwiderung, ohne Ausdruck. Dies erinnert an Levinas’ Ethik des Anderen, in der das Selbst dem Anderen vorbehaltlos verpflichtet ist, ohne dessen Reaktion zu fordern.
Psychologische Tiefendimension der Strophe
Die letzte Strophe thematisiert ein dienendes Liebesideal, das emotional auf Selbstverleugnung beruht. Der Sprecher sieht sich als Teil einer »Sclaven Zahl« – was auf ein geringes Selbstwertgefühl hindeuten kann. Er möchte sich nicht durch »lange Worte« klagen, sondern durch »stumme Dienste« wirken: ein typisches Merkmal verdeckter, zurückhaltender Liebesformen, oft begleitet von Passivität und der Angst, als Last empfunden zu werden.
Die Weigerung, sich auszudrücken, zeugt von emotionaler Repression: Das Gefühl wird nicht kommuniziert, sondern in Handeln sublimiert. Dies kann als verinnerlichter Liebesverzicht gelesen werden, hinter dem sich psychologisch oft Bindungsangst oder ein unbewusstes Schuldgefühl verbirgt.
Gesamtanalyse
Einleitung
Autor, Titel, Erscheinungsjahr (sofern bekannt)
Das Gedicht Der unbekandte Liebhaber stammt von Hans Aßmann Freiherr von Abschatz (1646–1699), einem Vertreter des deutschen Barock. Ein genaues Erscheinungsjahr für dieses Gedicht ist nicht überliefert, jedoch ist es wahrscheinlich im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts entstanden, da Abschatz 1692 eine Gedichtsammlung mit dem Titel Poetische Versuche veröffentlichte, in der viele seiner Werke publiziert wurden.
Thema und Deutungshypothese
Das Gedicht thematisiert die leidenschaftliche, aber anonyme Liebe eines Verehrers zu einer hochgestellten Frau. Der Sprecher, der sich als „unbekannter Liebhaber“ präsentiert, erklärt seine tiefe Zuneigung, ohne seine Identität preiszugeben, und betont zugleich seine Demut, Zurückhaltung und Treue.
Deutungshypothese
Der unbekandte Liebhaber lässt sich als barockes Liebesgedicht lesen, in dem sich höfische Zurückhaltung mit leidenschaftlicher Innerlichkeit verbindet. Die Anonymität des Liebenden spiegelt sowohl die gesellschaftlichen Konventionen des höfischen Lebens als auch das barocke Spannungsverhältnis zwischen Innerlichkeit und äußeren Zwängen wider. Die unerwiderte oder unerkennbare Liebe wird zum Ausdruck eines selbstlosen Dienstes an der Geliebten, der sich nicht durch Worte, sondern durch stille Treue und Duldsamkeit auszeichnet.
Inhaltliche Analyse
Das Gedicht thematisiert eine heimliche, unerwiderte oder zumindest einseitig bekannte Liebe. Ein anonymer Sprecher wendet sich an eine geliebte Frau, deren Tugend und Schönheit ihn entflammt haben, ohne dass sie ihn persönlich kennt oder kennen will. Durch ein Gedicht – eine schriftliche Botschaft – versucht er, seine Gefühle mitzuteilen, ohne seine Identität preiszugeben.
In drei sechszeiligen Strophen offenbart sich das Innenleben des lyrischen Ichs:
• die Sehnsucht nach Erwiderung,
• der Wunsch, anonym zu bleiben,
• das Ideal stummer, aufopfernder Liebe,
• die Hoffnung, dass seine Treue und Leidenschaft auch ohne Namensnennung erkannt werden.
Themen und Motive
a) Anonyme Liebe / heimliche Verehrung:
Das zentrale Thema ist die unerwiderte oder nicht erwiderbar scheinende Liebe, die aus der Distanz heraus erlebt wird. Das lyrische Ich bleibt bewusst anonym und will lediglich durch die »stummen Dienste« seiner Liebe wirken.
b) Treue und Hingabe:
Der Liebhaber betont die »treue Seele« und seine »Pflicht«, unabhängig davon, ob er erkannt oder belohnt wird.
c) Tugend der Geliebten:
Die Frau wird durch ihre Tugend charakterisiert, die sie vom Sprecher distanziert. Sie wird idealisiert, ja fast entrückt dargestellt – sie »kennt« den Sprecher nicht und »will« ihn auch nicht kennen.
d) Schweigen als Ausdruck der Liebe:
Statt mit langen Liebesreden will das lyrische Ich durch stumme Dienste seine Liebe bezeugen – ein klassisches Motiv der höfischen Minne, das aber hier im Kontext des Barock auf neue Weise gestaltet ist.
e) Zeit / Enthüllung:
Ein weiteres Motiv ist das der Zeit: Der Sprecher hofft, dass sich sein Name und seine Gefühle einst von selbst offenbaren werden – wenn die Zeit reif ist oder wenn sich das Gefühl auf Seiten der Geliebten einstellt.
Sprecher / Sprechsituation
Der Sprecher ist ein leidenschaftlich Liebender, der sich der Geliebten in schriftlicher Form offenbart, aber anonym bleibt. Es handelt sich um ein lyrisches Ich, das sich direkt an ein »Du« wendet – vermutlich eine Frau von höherem Stand oder größerer moralischer Distanz, was sie für den Sprecher unerreichbar macht.
Die Sprechsituation ist dadurch geprägt, dass der Sprecher sich in einer emotionalen Spannung befindet: Er will sich mitteilen, ohne sich zu offenbaren; er liebt, ohne geliebt zu werden; er dient, ohne Lohn oder Erwiderung zu erwarten.
Formale Analyse
Das Gedicht besteht aus drei sechszeiligen Strophen (Sextetten).
Diese Strophenform ist typisch für barocke Lyrik, besonders für sogenannte „Liebes- oder Galanten-Gedichte“, die häufig in geregelten metrischen und reimlichen Formen vorgetragen werden.
Versmaß (Metrum)
Das vorherrschende Metrum ist der Jambus:
b n b n b n
Beispiel (1. Vers):
Schau die Künheit fremder Hand
\= vierhebiger Jambus (b n ×4)
Der Jambus verleiht dem Gedicht einen ruhigen, fließenden Ton, was gut zum geheimnisvollen und zurückhaltenden Ton des anonymen Liebhabers passt.
Reimschema
Jede Strophe folgt dem Schema:
a b a b c c
Dies ist ein sogenanntes Kreuzreim-Koppelschema, wobei am Ende ein Paarreim folgt.
Beispiel aus Strophe 1:
1. Schau die Künheit fremder Hand/ → a
2. Welche/ sonder dich zu kennen/ → b
3. Macht durch diese Schrifft bekant → a
4. Ihrer treuen Seele Brennen/ → b
5. Welche dich nicht kennen will → c
6. Und nur kennet allzuviel. → c
Diese Reimstruktur ist klar und symmetrisch, spiegelt aber auch ein Spannungsverhältnis wider: Die ersten vier Verse oszillieren zwischen dem Sprecher und der Geliebten, während die letzten zwei Verse meist eine pointierte Aussage bringen.
Kadenz (Versausklang)
Die Verse enden wechselweise auf:
männliche Kadenzen (stumpf): betonte letzte Silbe
weibliche Kadenzen (klingend): unbetonte letzte Silbe
Beispiel:
• Schau die Künheit fremder Hand → männlich
• Welche/ sonder dich zu kennen → weiblich
• Macht durch diese Schrifft bekant → männlich
• Ihrer treuen Seele Brennen → weiblich
Insgesamt ergibt sich ein abwechselndes Kadenzmuster, das den Reimfluss auflockert und zugleich einen natürlichen Sprachfluss ermöglicht. Auch das ist typisch für das barocke Regelwerk, das Vielfalt innerhalb der Ordnung sucht.
Rhythmus
Der Rhythmus wird durch das regelmäßige metrische Gerüst (vierhebiger Jambus) sowie durch symmetrische Satzgefüge getragen.
Beispiel (Strophe 2, Verse 3–4):
• Und der treuen Dienste Pflicht
• Gleiche Flamm in dir erwecken
→ rhythmisch spiegelbildlich aufgebaut (erst das „Pflichtbewusstsein“, dann die „Erweckung“ derselben Flamme im Gegenüber).
Die Wirkung: Der Rhythmus verleiht der verhüllten Leidenschaft des Sprechers eine ruhige, aber intensive Struktur – kontrolliertes Verlangen.
Enjambements (Zeilensprünge)
Enjambements sind im Gedicht nur vereinzelt eingesetzt, z. B.:
• Wenn ein andrer seine Qual
• Dir mit langen Worten klaget
→ Das Verb »klaget« wird in die nächste Zeile verschoben → Enjambement.
Zumeist wird jedoch eine Versschluss-Syntax gewahrt (Sätze oder Sinneinheiten enden am Versende), was zum barocken Formideal passt.
Sprachlich-stilistische Analyse
Sprachstil
Der Sprachstil ist elegant und durch höfische Zurückhaltung geprägt, wie es dem galanten Duktus des Barock entspricht. Die Sprache wirkt durch ihre formelhafte Konstruktion und Höflichkeitsgesten distanziert und kontrolliert, aber zugleich emotional geladen. Das Gedicht ist durchweg in einem lyrischen Ich-Du-Verhältnis gehalten, wobei der Sprecher sich zugleich unterwürfig als Liebender und geheimnisvoll als »unbekannter« Verehrer inszeniert.
Der Stil ist insgesamt von Anmut, Würde und Verschleierung gekennzeichnet – typisch für barocke Liebesdichtung, in der Offenheit als Unsitte galt und Andeutung, Sublimierung sowie das Spiel mit dem Geheimnis als Zeichen kultivierter Leidenschaft verstanden wurden.
Wortwahl / Wortfelder
Die Wortwahl verrät eine enge Anbindung an das barocke Liebesvokabular. Dominant sind Begriffe aus den Wortfeldern:
Liebe und Leidenschaft: »treuen Seele Brennen«, »Flamm«, »Liebe«, »Dienste Pflicht«, »Qual«
Diese Begriffe verweisen auf eine idealisierte, von Aufopferung und Schmerz begleitete Liebe. Das Bild des inneren Brennens gehört zu den Topoi der barocken Liebespoesie.
Anonymität und Geheimhaltung: »unbekandte\[r] Liebhaber«, »sonder dich zu kennen«, »Nahmen«, »ungenennt«
Hier wird das Motiv der verborgenen Liebe gepflegt, das sowohl romantische als auch gesellschaftlich-taktische Funktionen erfüllt.
Dienerschaft und Unterwerfung: »Sclaven Zahl«, »treuen Dienste Pflicht«, »stummer Dienst«
Der Liebende stellt sich als vasallischer Diener dar, was auf die höfisch-feudale Sprache der Liebe verweist, in der Liebesbeziehungen nach Modellen von Herrschaft und Dienst strukturiert sind.
Diese Wortwahl steht in enger Verbindung mit der konventionellen Emotionsästhetik des Barock, in der Liebe als »diensthafte« Hingabe erscheint und das Leiden eine notwendige Bedingung wahrer Affektion ist.
Rhetorische Mittel
1. Paradoxon / Antithese:
»Welche dich nicht kennen will / Und nur kennet allzuviel«
Die Unkenntnis wird als übergroßes Wissen beschrieben – ein paradoxes Spiel, das auf die unausweichliche Wirkung des geliebten Gegenübers anspielt.
2. Metapher:
»Brennen« der Seele, »Flamm in dir erwecken«
Diese Metaphern konkretisieren die Leidenschaft und sind zentrale Elemente der barocken Bildsprache, in der Liebe mit Feuer gleichgesetzt wird.
3. Metonymie / Symbolik:
»Nahmen« steht nicht nur für die Identität, sondern auch für das Recht, erkannt zu werden.
– »stummer Dienst« ist Symbol für diskrete, selbstlose Hingabe.
4. Anapher:
»Biß \[…] / Biß \[…]« (2x im zweiten Abschnitt)
Die Wiederholung des »Biß« (bis) steigert die Spannung, legt Bedingungen fest und unterstreicht die Hoffnung auf Gegenseitigkeit.
5. Hyperbaton / Umstellung:
»Gleiche Flamm in dir erwecken«, »Wenn ein andrer seine Qual / Dir mit langen Worten klaget«
Der Satzbau wird bewusst verschoben, um poetischen Klang und rhythmische Variation zu erzeugen.
Satzbau / Syntax
Der Satzbau ist stark hypotaktisch, also von verschachtelten Sätzen und abhängigen Nebensätzen geprägt – ein typisches Stilmittel barocker Poesie. So wirkt der Text reflexiv, überlegen, durchdacht und kontrolliert. Die Syntax ist synthetisch und kunstvoll, mit Inversionen und Ellipsen, die den affektierten Ton des Sprechers betonen.
Beispiel:
»Fordre meinen Nahmen nicht / Biß ihn wird die Zeit entdecken«
Hier wird nicht nur das Verb (fordre) vorangestellt, sondern auch die Bedingung nach hinten verschoben, was die poetische Spannung erhöht.
Darüber hinaus dominieren rhythmisch ausgeglichene Verspaare, die dem Gedicht einen sanften, getriebenen Fluss verleihen, ohne ins bloß Liedhafte abzurutschen. Die reimgefügte Struktur (Paarreim) unterstützt die Rhetorik der Selbstverpflichtung und des stillen Werbens.
Zusammenfassend:
Aßmann von Abschatz verwendet in »Der unbekandte Liebhaber« eine typisch barocke Liebessprache, die durch das Spiel von Enthüllung und Verhüllung, von Leidenschaft und Zurückhaltung, von Unterwerfung und Würde geprägt ist. Die stilistisch kunstvolle Formulierung, reiche Bildlichkeit und elaborierte Syntax verdichten das Thema zu einer raffinierten Erkundung der anonymen, idealisierten Liebe – ohne auf plakative Selbstdarstellung zurückzugreifen. Der Sprecher bleibt zurückhaltend und kultiviert – gerade darin liegt sein poetischer Reiz.
Deutung und Interpretation
Das Gedicht »Der unbekandte Liebhaber« von Hans Aßmann von Abschatz (1646–1699) ist ein poetisches Bekenntnis heimlicher, aber leidenschaftlicher Liebe. Der Sprecher – ein unbekannter Verehrer – wendet sich an die Geliebte, ohne seinen Namen zu nennen, und äußert sein Seelenbrennen in einem anonymen Schreiben. Die Unmittelbarkeit der Ansprache (»Schau die Künheit fremder Hand«) zeigt sowohl den Mut als auch die Zurückhaltung des Liebenden: Er wagt es, sich zu offenbaren, ohne erkannt zu werden. Diese Spannung zwischen Selbstverleugnung und innerem Glühen zieht sich durch das gesamte Gedicht.
• Die erste Strophe betont das »Seelenbrennen« der Liebe, das sich in der Schrift manifestiert. Der Liebhaber behauptet, die Geliebte »kenne ihn nicht« und zugleich »allzuviel« – ein Paradoxon, das andeutet, dass sie ihn vielleicht auf einer tieferen Ebene bereits erfasst oder dass die wahre Essenz der Liebe über äußere Identität hinausgeht.
• Die zweite Strophe reflektiert die Geduld und Selbstbeherrschung des Sprechers. Er will seinen Namen erst preisgeben, wenn die Zeit reif ist, wenn »gleiche Flamm« auch in ihr brennt. Hier erscheint Liebe als ein wechselseitiges Feuer, das erst dann vollkommen werden kann, wenn beide Seiten in gleicher Glut entbrennen. Es ist ein Ideal der Gegenseitigkeit, das noch unerfüllt ist.
• Die dritte Strophe beschreibt den Verzicht auf übermäßige Worte: Der Sprecher will nicht mit Klagen und überflüssigen Liebesbekundungen belasten, wie es andere tun, sondern seine »stumme Dienst« – also seine Taten oder sein stilles Dasein – sollen die Beweise seiner Zuneigung sein. Hier spiegelt sich ein barocker Topos der stillen, selbstaufopfernden Liebe, die durch Demut und Dienstbarkeit gekennzeichnet ist.
Verbindung von Inhalt und Form
Das Gedicht besteht aus drei sechzeiligen Strophen mit regelmäßigem Kreuzreim (ABABCC), was der Rede eine klare und harmonische Struktur verleiht. Die Reimform und die metrische Regelmäßigkeit unterstützen das Bild des wohlgeordneten, innerlich kontrollierten Liebesgefühls. Die Sprache ist schlicht, aber von einer intensiven Innerlichkeit geprägt. Insbesondere die Wiederholung von Begriffen wie »kennen«, »Flamm« und »Liebe« verleiht der Dichtung eine meditative Tiefe.
Symbolik und Tiefendimension
Das zentrale Symbol ist das »Brennen« der Seele, das für leidenschaftliche Liebe und innere Glut steht. Das »Feuer« ist dabei mehr als bloße Emotion – es symbolisiert auch Reinheit, Treue und ein überindividuelles Verlangen, das nicht von äußeren Namen oder gesellschaftlichen Konventionen abhängt. Der Verzicht auf Namensnennung betont die Spiritualisierung des Liebesgefühls: Es geht nicht um das »Ich« des Liebenden, sondern um die Macht der Liebe an sich. Auch der »stumme Dienst« verweist auf die barocke Idee der Tugendhaftigkeit, bei der wahre Liebe nicht durch lautes Werben, sondern durch stilles, treues Handeln sichtbar wird.
Bezug zur Epoche und zum Autor
Hans Aßmann von Abschatz gehört zur zweiten schlesischen Schule des Barock, die sich durch sprachliche Klarheit und eine gewisse Rücknahme der überbordenden Metaphorik der ersten schlesischen Schule (um Gryphius und Hofmannswaldau) auszeichnet. Das Gedicht reflektiert typische barocke Motive: Liebe als schicksalhafte, tiefe Leidenschaft, verbunden mit Selbstverleugnung und dem Ideal der Treue. Gleichzeitig wird eine höfische Liebeskultur sichtbar, in der diskretes und kultiviertes Werben als Tugend galt.
Relevanz und Aktualität
Auch heute kann das Gedicht als Ausdruck einer stillen, respektvollen Liebe gelesen werden, die nicht auf oberflächliche Selbstdarstellung setzt. In einer Zeit, in der Kommunikation oft laut, schnell und egozentriert ist, wirkt das Bekenntnis einer anonymen, selbstlosen Liebe fast modern. Es lädt dazu ein, die Kraft der inneren Leidenschaft zu reflektieren, die nicht sofort nach Erwiderung oder Öffentlichkeit verlangt.
Fazit
Hans Aßmann von Abschatz verfasst hier ein Liebesgedicht, das weit mehr als ein konventionelles Werben ist.